Vier Frauen – Eine Frage

In diesem Format wollen wir uns alle vier mit einem Thema oder einer Frage beschäftigen und unabhängig voneinander unsere Gedanken aufschreiben. Im letzten Redaktionstreff tauchte dann die Frage auf:

Warum schreiben Frauen eigentliche keine Gastbeiträge?

Gila

  • Sie haben so viel anderes zu tun. Sie sind mit Arbeit und Familie – also mit Geldverdienen und sehr viel Care-Arbeit – beschäftigt. Das erscheint ihnen wichtiger. Deshalb fehlen ihnen auch Ideen für Beiträge: Sie sind im Tun.
  • Sie halten ihre Beiträge nicht für so wertvoll oder bedeutsam, dass sie andere interessieren könnten. Und dann denken sie noch, dass es bestimmt auch nicht gut werden würde, wenn sie etwas schreiben. Sie denken, sie müssten dafür sehr viel recherchieren und lesen, damit es wirklich gut wird, und dafür haben sie keine Zeit.
  • Ihnen fehlt ein gewisses Maß an Eitelkeit, das ihnen sagen würde: „Schau mal, was du da Interessantes und Kluges für die anderen zur Verfügung stellen kannst.“
  • Sie wollen nicht, dass ihre Gedanken öffentlich werden und sie sich damit womöglich angreifbar machen. Gerade Frauen werden so oft im Internet bzw. auf social media aufs übelste angegriffen, dass es sehr vernünftig erscheint, sich davor zu schützen und die eigenen Positionen bzw. Diskussionsbeiträge lieber in weniger öffentlichen Kanälen darzustellen.

Tanja

Ich weiß nicht, wie viele Gespräche ich schon geführt habe mit Frauen und weiblich sozialisierten Personen[1], die interessante Dinge zu erzählen hätten, tolle Berater*innen/Therapeut*innen sind, aber auch auf Nachfrage hin, sich nicht als schreibende Person sehen.

Auch, wenn es heute zahlreiche Frauen* gibt, die auch Fachartikel und Fachbücher schreiben, als Wissenschaftler*innen und Professor*innen tätig sind und forschen.
So ist das immer noch weit verbreitete Bild, dass Männer ernster genommen werden, wenn sie schreiben als Frauen*.

Es geht sogar so weit, dass Frauen* auch zugeschrieben wird, zu blumig, zu praxisorientiert zu unwissenschaftlich zu schreiben; und zwar sowohl von Männern als auch von Frauen* selbst. Nicht wissenschaftlich genug? Ich selbst bin lange Zeit mit mir hart ins Gericht gegangen und hatte das Selbstbild nicht schreiben zu können. Auch heute beschleicht mich noch manchmal das Gefühlt, nicht wissenschaftlich fundiert genug zu schreiben. Erst zuletzt in einem Gespräch mit einem Kollegen, der Professor ist, habe ich selbst an mir angezweifelt. Das ist verrückt, da ich mittlerweile häufig schreibe….

Aber ich kann mich noch an meine ersten Schreib-Schritte in der Fachwelt erinnern. Ich habe mit so starken Selbstzweifeln gekämpft, dass ich manches Mal psychisch sehr angeschlagen war. Wobei sich in mir eher das kleine Arbeiter*innenkind gemeldet hat, was es eine Anmaßung fand, dass ich denke, etwas zu sagen zu haben.

Und genau, das ist der Punkt: Wer hat etwas zu sagen? Wem wird zugeschrieben etwas zu sagen zu haben? Wer nimmt sich den Raum etwas sagen zu wollen?

Mensch muss auch eine gewisse Coolness entwickeln, wenn man schreiben möchte. Natürlich werden nicht alle toll finden, was ich da zu Papier bringe. Es wird Kritiker*innen geben. Machtspiele sind vorprogrammiert. Tatsächlich muss mir das egal sein können. Mittlerweile schreibe und lektoriere ich Text von anderen Personen. Ich kann verraten: viele auch sehr bekannte Persönlichkeiten, die sehr viel publiziert haben, können eigentlich nicht gut schreiben. Sie benötigen Personen, die ihre Texte zu lesefähigen Produkten machen. Auch Menschen mit Doktortitel und Professuren bekommen Ablehnungen, wenn Sie Skripte einreichen. Das gehört tatsächlich dazu.

Wenn wir möchten, dass Fachdiskurse vielfältiger werden, müssen wir alle einen Beitrag dazu leisten. Der Satz „Wer schreibt der bleibt!“ stimmt leider. Nur was geschrieben, oder auf andere Art und Weise technisch vervielfältigt wurde, bleibt und kann Zugänge eröffnen. 

Wer schreiben möchte, sollte sich Unterstützung suchen. Kolleg*innen, die Erfahrung haben und beratend zu Seite stehen können. Kolleg*innen, denen es ähnlich geht, um sich gegenseitig zu unterstützen. Es kann hilfreich sein, mit kleineren Projekten zu beginnen, z. B. einer Buchrezension. Auch ein Schreib-Coaching kann hilfreich sein. Auf jeden Fall darf man sich nicht entmutigen lassen.

[1] Hiermit beziehe ich ganz bewusst Personen ein, die weiblich sozialisiert sind, sich aber nicht als weibliche, als Frau definieren, sondern sich selbst eine andere Geschlechtsidentität zuschreiben. Im Folgenden verwende ich zur Beschreibung entweder das Gender-Sternchen oder Frauen* als Benennung aller weiblich sozialisierten Personen.

Sarah

Ich glaube, dass in den wenigsten Fällen tatsächlich zu wenig Zeit oder gar fehlendes Interesse die Gründe sind.

Die ersten Reaktionen auf Anfragen waren vielmehr geprägt von Unsicherheit und fehlendem Vertrauen. In unseren Köpfen – also in denen vieler Frauen* – scheint immer noch stark verankert zu sein, dass man Rang und Namen braucht, um sich öffentlich äußern zu dürfen.

Wahrscheinlich spielt auch eine Rolle, dass Frauen* gelernt haben – und ich denke, mitunter immer noch lernen – sich zurückzuhalten und anderen die Bühne zu überlassen. Wie viele Frauen werden noch immer in öffentlichen Debatten von Männern unterbrochen? Von privaten Gesprächen ganz zu schweigen. Und wie viele Frauen* verleihen (wie ich finde) dieser Respektlosigkeit Ausdruck?

Vielmehr beobachte ich, wie häufig Frauen die stillen und aufmerksamen Zuhörerinnen* sind und nur äußerst selten ein Gespräch unterbrechen. Vielleicht stecken wir Frauen* noch zu oft in dieser sozialisierten Rolle fest.

Denn bekommen wir nicht schon allzu früh in unserem Leben gesagt, dass es unhöflich sei, zu unterbrechen? Scheinbar gilt das jedoch nur für uns Frauen*.

Frauen haben Scham, sich mit ihrer Perspektive zu zeigen – und dass, obwohl sie häufig sogar die Expertise haben.

Da ist die Sorge, dass die eigene Meinung nicht fachlich fundiert genug sei und deshalb besser gar nicht ausgesprochen werden sollte.

Der Gedanke, dass das, was man denkt, nicht wichtig genug sei, keinen „Mehrwert“ bietet oder ohnehin niemanden interessiere.

Hinzu kommen fehlendes Zutrauen und Vertrauen in die eigene Stimme, die Gewohnheit, sich eher zurückzuhalten und anderen die Bühne zu überlassen, sowie die Angst vor Be- und Verurteilung.

Anmerkung der Autorin:

Mit der Verwendung des Begriffs „Männer“ sind nicht einzelne Personen gemeint, sondern gesellschaftliche Muster und Strukturen, die durch Sozialisation entstehen.

Anne

„Wenn dann mache ich es richtig.“

Ich habe seit der Entstehung des Blogs einige Frauen in unterschiedlichen Kontexten gefragt oder ermutigt, einen Gastbeitrag zu verfassen. Keine davon hat bisher etwas geschrieben. Für den jetzigen Beitrag habe ich vier Freundinnen und Kolleginnen gefragt, was sie davon abhält.

Überrascht war ich, als mir eine Freundin und Kollegin von der Befürchtung berichtete, ihre Ansichten könnten nicht in den Blog passen, diese dafür nicht feministisch genug seien. Geprägt sei die Unsicherheit von einer strikten Art von Feminismus, in dem nur eine bestimmte Meinung in einem sehr engen Rahmen zähle und es weniger ein Austausch unterschiedlicher Ideen vor einer ähnlichen Grundhaltung sei. Diese Art von Feminismus unterstelle sie uns nicht unbedingt, trotzdem bleibe eine gewisse Unsicherheit darüber, dass die anderen Redakteurinnen und/oder die Leser*innenschaft den Text ablehnen könnten. Schade, dachte ich, denn genau aus diesem Grund würde mich ihr Beitrag besonders interessieren. Gleichzeitig meine ich zu wissen, was sie meint, da ich mich sowohl von Zeit zu Zeit bzgl. bestimmter Themen ebenso strikt erlebe als auch bestimmte Gedanken aus eben diesem Grund nur in bestimmter Gesellschaft ausspreche.

Eine andere Kollegin erzählte, sie erlebe ihren beruflichen und privaten Alltag als so dicht getaktet, dass sie nur am Abarbeiten sei. So könnten wenig Zeiten für Muße entstehen, und die bräuchte es dringend für einen Beitrag. Sie frage sich auch immer wieder „Wie viel will ich schaffen? Wie viel kann ich schaffen?“ und „Was hat Priorität?“. Letztere Frage beantwortet eine dritte Freundin eher mit „etwas anderes“. Sie befürchte nämlich, durch die Arbeit an einem Beitrag für den Blog, der ihr ohne Zweifel Freude bringen würde, andere Dinge zu vernachlässigen, die aktuell Priorität haben müssten.

Die vierte Freundin reichte mir den Titel meines Beitrags dazu: „Wenn dann mache ich es richtig.“ Sie gehe davon aus, dass sie Arbeit reinstecken müsse, damit es für andere Menschen interessant sei. In dem anschließenden Gespräch waren wir uns in unserem Neid auf Kollegen einig, die uns in diesem Zusammenhang einfielen, die einfach Dinge ohne große Vorbereitung tun oder tun lassen und damit Menschen offensichtlich begeistern können.

Diese Gespräche beschäftigen mich noch weiter. Versuche ich, die Unsicherheit herauszurechnen, dann bleibt vor allem Respekt vor den Kolleginnen, die Dinge ordentlich tun und die nötige Arbeit in ihre Projekte stecken wollen. Sie wollen einen Mehrwert kreieren, sich Zeit für Muße nehmen und andere wichtige Dinge dafür nicht vernachlässigen. Das weiß ich zu schätzen und fühle mich eingeladen, geduldig und gespannt auf das zu sein, was vielleicht noch kommt.


Opfer sein – das hättet ihr wohl gern

Mitte Februar erschien das Buch von Gisele Pelicot auf dem deutschen Buchmarkt. Mich interessierte daran, wie diese Frau es geschafft hatte, eine solche Stärke zu entwickeln, dass sie sich für den Gerichtsprozess gegen ihren Mann und über 50 weitere Vergewaltiger der Öffentlichkeit aussetzte und damit ihr ganzes Leben offenbarte, und wie sie es überhaupt geschafft hat, mit dem Geschehenen umzugehen. Ich nehme an, dass alle Leser_innen wissen, worum es geht, und will das hier nicht noch einmal ausbreiten. (Zum Nachlesen: https://taz.de/Memoiren-von-Gisele-Pelicot/!6155045&s=Pelicot/) In diesem Text beschränke ich mich darauf zu beschreiben, was ich aus ihren Schilderungen herausgelesen habe, auch wenn sie es vielleicht anders meinte.

Gisele Pelicot, die gar nicht mehr so heißt, weil sie nach der Scheidung von ihrem Mann ihren Geburtsnamen wieder angenommen hat, nahm sich weder als Heldin noch als starke Frau wahr. Sie betont immer wieder, dass es ihr in ihrer Auseinandersetzung mit dem Geschehenen darum ging, dem „Nichts“ zu entkommen – dem zu entkommen, dass sie ihr Leben als verkorkst, ihre Lebensentscheidungen als falsch und ihr Vertrauen in ihren Mann, mit dem sie 50 Jahre verheiratet war, als Dummheit ansehen musste. Und deshalb fand ich ihr Buch so interessant, auch aus systemischer und aus der Perspektive von Beratenden und Therapeut_innen. Sie versucht zu erklären, warum sie sich auf eine Art und Weise verhielt, die viele andere als seltsam, vielleicht auch als nicht angemessen, ansahen.

Gisele Pelicot lässt uns teilhaben an ihrem Prozess der Auseinandersetzung mit dem Unvorstellbaren. Alles, was bisher gegolten hatte, sollte nicht mehr gelten, aber sie klammerte sich daran, dass vieles in ihrem Leben gut war. In Beratung und Therapie begegnet uns das ja auch immer wieder, dass Menschen an ihren Konzepten festhalten, auch wenn es für uns so klar erscheint, dass das nicht mehr funktioniert. Aber häufig kann eben nicht sein, was nicht sein darf. Erst nach und nach findet Gisele Pelicot Kraft, und erst dann kann sie sich neu erfinden. Mich macht das einmal mehr demütig, weil es mich daran erinnert, wie viel Respekt wir den Lösungsversuchen der Klient_innen entgegenbringen können, und dass wir nur dazu da sind, sie bei ihrer Suche nach den für sie passenden Wegen zu unterstützen. Und ich bin immer neugierig darauf, wie Menschen es schaffen, unüberwindbar Scheinendes zu bewältigen.

Pelicot erläutert, wie sie versuchte, nicht zusammenzubrechen, und sich deshalb in bestimmten Situationen erstaunlich gefasst und unnahbar verhielt. Und sie verteidigte ihre Ehe mit ihrem Peiniger, der seine monströsen Gedanken und Handlungen hinter einer liebevollen Fassade sehr gut verbergen konnte, so gut, dass seine Frau und seine Kinder ihn als wirklich liebevoll wahrnahmen. Gisele Pelicot beschreibt seine und ihre Kindheit, um zu erklären, wieso sie zueinander fanden und so lange zusammen blieben. Für sie war ihre Ehe absolut folgerichtig, und sie legt dar, wieso es für die beiden gar nicht anders ging, damit sie ihrer beider Vergangenheit entkommen konnten. Sie merkte nicht, dass ihr Mann seiner Vergangenheit eben nicht entkam. Sie zitiert in ihrem Buch die Verteidigerin ihres Mannes: „Als Dominique Pelicot seine spätere Frau kennenlernte, heilte sie ihn nicht, sie versöhnte ihn mit sich selbst.“

Gisele Pelicot machte die Gerichtsverhandlung öffentlich, weil ihr klar wurde, dass sie und ihre Angehörigen ansonsten den vielen Mitangeklagten alleine gegenüberstehen und von ihnen angeschaut werden würden. In einem öffentlichen Prozess konnte die ganze Welt auf die Vergewaltiger sehen, und nicht sie stand als Opfer im Fokus. Sie weigerte sich, in die Opferhaltung zu gehen, so wie die Öffentlichkeit sie sehen wollte. Gerade ihren Peinigern konnte sie paradoxerweise dadurch die Stirn bieten. Denn die zogen Gisele Pelicot in den Dreck, indem sie versuchten, sie zur Schuldigen zu machen und sie als Mittäterin zu inszenieren, die das selber gewollt habe oder wahlweise ihrem Mann vollkommen hörig war. Um unschuldig zu sein, müsse sie eine gebrochene Frau sein. Doch den Gefallen tat sie ihnen nicht. „Also musste ich ihr ein Gesicht geben, dieser Geschichte, und den geschundenen Körper rehabilitieren, … ihm eine Stimme, eine Haltung, einen Ausdruck verleihen, und auch Eleganz, all das, was eine Vergewaltigung zunichtemachen will. Und da war vor allem diese Menschenmenge, diese Frauen … Wie sollte ich denen, die auf mich warteten und einen Mut priesen, der mir selbst gar nicht bewusst war, vermitteln, dass ihre Anwesenheit draußen für mich ein Gegengift war … ?“

Strategien für die Transformation

Zum Podcast-Interview mit Ruth Seliger

Nikola Siller

Erste Begegnung
Manchmal begegnet man einer Person zuerst über einen Text – und spürt beim Lesen unmittelbar, wie sehr dieser Text eine Einladung ist. So ging es mir mit Ruth Seliger aus Wien. Kennengelernt habe ich sie über das Buch Systemische Beratung der Gesellschaft. Strategien für die Transformation (Carl-Auer Verlag, 2022) und mir war schon nach den ersten Seiten klar: von dieser Frau will ich lernen.

Was mich an dem Buch fasziniert hat, war nicht nur der kluge systemische und universalistische Blick auf gesellschaftliche Strukturen, Dynamiken und Muster, sondern auch die Neukonzeption intellektueller Verwandtschaftssysteme: Ich habe mich gefreut, kritische Denker*innen und soziologische Klassiker wiederzutreffen (Marx, Adorno, Gramsci etc.) und sie in einem systemischen Argumentationsraum neu zu erleben. Zu Zeiten meines Soziologiestudiums in den 1990ern in Münster standen „kritische Theorie“ und „Systemtheorie“ eher wie zwei Lager einander gegenüber.

Vom Buch zum Lehrgang
Dieses Buch hat mich nicht nur überzeugt, auch die anderen Publikationen von Ruth Seliger zu lesen (siehe Angaben zum Podcast), sondern auch an ihrem Lehrgang Leading Transformation teilzunehmen. Der Lehrgang war nicht nur eine weitere systemische Weiterbildung in Organisationsentwicklung, sondern eine ganz besondere Lernreise – eine Mischung aus lange vermisster Weltsystemanalyse, subversiv-heiterem Thinktank in guter Gesellschaft und einer Werkstatt für kollektive Transformationsgestaltung.

Man darf nicht zu sehr dazu gehören wollen R. Seliger im Interview
Im Februar 2025 durfte ich Ruth Seliger dann für unseren Podcast, interviewen. Sie spricht darin über ihr Wirken als Organisationsberaterin, die Notwendigkeit innerer Unabhängigkeit und Strategien im Umgang mit der gegenwärtigen Krise der Demokratie und dem Rechtspopulismus.Sie erzählt in unserem Gespräch von ihrem langen Weg der Theoriebildung, der vom marxistisch-politischen Denken der 68er-Student*innenzeit über Psychoanalyse, die Theorien der Frankfurter Schule und die Gruppendynamik bis hin zur Systemik führte. Gerade weil Ruth Seliger eine „Systemikerin mit Leib und Seele“ ist, erlaubt sie sich, nützliche Aspekte anderer theoretischer Zugänge in ihr Denken zu integrieren. Nicht alles sei mit systemischem Denken kompatibel oder in ihm enthalten – manches hole sie bewusst „aus der Mottenkiste“ zurück, etwa den Begriff der Dialektik, der im Systemischen nicht vorkomme. Das sei „ein wirklicher Verlust im Denken“. Ohne das Prozessmodell konflikthafter Entwicklungen – These, Antithese, Synthese – gebe man etwas auf, was wichtig sei.

Sie sagt dazu im Interview: Ich denke, dass Wissenschaft auch das Recht und den Anspruch hat, eine politische Position einzunehmen, eine Werteposition, solange sie es ausweist. Und gleichzeitig ist dieser Versuch, eine Außenperspektive einzunehmen, die nicht unbedingt wertet – so der Anspruch im systemischen Denken – der hat auch was. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich entscheiden muss zwischen den beiden. Es hat beides seinen Platz.

Lange in mir nachgeklungen hat Ruths Fähigkeit zur inneren Unabhängigkeit und die Relevanz der Unangepasstheit für die Arbeit als Systemikerin: Für diesen Beruf hilft, dass man eine innere Unabhängigkeit hat. Ich bin nicht abhängig von der Zuneigung, Zuwendung oder auch dem Dazugehören von irgendwem. (…) Ich hätte diesen Job nicht machen können, wenn ich mich bemüht hätte, nett zu sein und anerkannt zu werden. (…) Ich habe den Anspruch oder gebe mir die Erlaubnis, auf bestimmte Dinge zu schauen und auf andere eben nicht.

Verstehen und Losgehen
Ich habe Ruth Seliger als kluge Denkerin, Strategin, Didaktikerin und Vernetzerin kennen- und schätzen gelernt. Mit Formaten wie dem forum:transformieren initiiert sie Begegnungsräume, die einen Unterschied zur digitalisierten Kommunikation markieren, „wo leibhaftige Menschen in Echtzeit miteinander über Themen, die uns gesellschaftspolitisch bewegen, in einen Dialog treten können“. „So einfach ist das“ sagt sie, – und verweist damit auf eine demokratiepolitische Praxis, die im Konkreten beginnt und die Lust aufs Dabeisein und Mitmachen weckt.

Ich bin Ruth Seliger dankbar: für ein Buch, das mir geholfen hat, Theoriestränge neu zusammenzuweben und für einen Deep-Dive-Lehrgang, der mir Zuversicht und nützliches Handwerkszeug vermittelt hat. Und dankbar für eine Role-Model-Lehrende, die spürbar selbst in dem steht, wovon sie spricht: dass es „weitergehen“ muss – und dass wir dazu beitragen können. In Hinblick auf den derzeit stattfindenden weltgesellschaftlichen Paradigmenwechsel und die notwendige sozialökologische Transformation brauchen wir Menschen wie Ruth Seliger: Menschen, die gute Fragen stellen, die Orientierung geben und Landkarten neu zeichnen – und uns zugleich daran erinnern, dass Karten und Kompass nichts nützen, wenn wir nicht losgehen.

In diesem Sinne möchte ich allen ans Herz legen das Interview mit ihr anzuhören!

Nikola Siller

Münster, 16.01.2026

Frauen bekommen Raum

Wir, Kaja Demuth und ich, haben gerade viel darüber nachgedacht, wie wir die Räume im Studio Nova nutzen und gestalten wollen. Fast parallel dazu hatte ich ein Gespräch mit einer Klientin, die ausschließlich Frauen malt – und ihre Bilder noch nie gezeigt hat. In mir kam der Gedanke: „Warum nicht ihre Bilder ausstellen?“ Im selben Moment tauchte aber auch dieser innere Satz auf: „Man kann doch nicht nur Frauen ausstellen.“ Und genau über diesen Impuls bin ich gestolpert, weil er mir gezeigt hat, wie sehr diese Sozialisierung in mir selbst noch wirkt. 

Doch ist das keinesfalls verwunderlich: Denn wenn wir von Kunst reden, dann fallen uns als erstes Namen von Picasso, Monet, van Gogh ein.

Alles berühmte Künstler. Bei Frauen muss man – also ich musste das zumindest – erst einmal überlegen

Und ja, natürlich fällt mir Frida Kahlo ein. Sie ist quasi zur Projektionsfläche geworden. Zum „weiblichen Kunst-Idol“. Aber dann, stockte es auch schon.

Warum ist das so? Frauen machen in der Kunst immer noch erschreckend wenig Raum aus. Studien zeigen, dass in den großen Museen der Welt nur etwa 12 bis 15 Prozent der ausgestellten oder angekauften Werke von Künstlerinnen stammen. Auf dem internationalen Auktionsmarkt fließen seit Jahren gerade einmal rund zwei Prozent der Umsätze an Frauen.

Heute sehen wir in der Kunst ständig Bilder von Frauen – aber diese Bilder sind selten das, was Frauen selbst über sich erzählen würden. Es sind oft Projektionen, Blickwinkel, Zuschreibungen. Und darin liegt diese Schieflage: Frauen werden in der Kunst überrepräsentiert als Motiv, aber unterrepräsentiert als Autorinnen ihrer eigenen Perspektiven.

Das Bild der Frau ist überall, aber die weibliche Deutung ist so gut wie unsichtbar.

Wir wollen das ändern! Wir wollen Frauen ermutigen, ihre Kunst auszustellen und sich zeigen zu dürfen, ohne in ihrer Ausdrucksform zensiert oder eingeschränkt zu werden. Wir glauben, Veränderungen beginnen im Kleinen, und deshalb starten Kaja Demuth und ich am 22.01.2026 die Ausstellungsreihe „Frauen bekommen Raum“ im Studio Nova Leipzig. Die erste Künstlerin, Ines Dietrich, wird jene Klientin sein, mit der dieser Gedanke überhaupt erst entstanden ist. Wir freuen uns auf einen Abend mit Menschen, die genau dafür offen sind: für Begegnung, für weibliche Perspektiven und für Kunst, die sichtbar werden darf.

Das Studio Nova Leipzig gibt es nun seit einem Jahr und sind unsere Räume, in denen wir therapeutisch und systemisch arbeiten – mit Einzelklient*innen und Gruppen. Zudem ergänzen wir unsere Arbeit mit kulturellen Formaten: Eine Reading-Party hat bereits stattgefunden, eine Ausstellung ebenso. Schritt für Schritt erweitern wir diesen Raum – und werden hier weitere Formate wachsen lassen.

(Bildrecht Ines Dietrich)

Zur systemischen Entwicklung in Ostdeutschland

„Dann haben Sie wohl Ihren Titel auch nur wegen Ihrer Parteizugehörigkeit!“

„In der Abschlussrunde [eines Weiterbildungs-Seminars Anfang der 90er Jahre] sagte ein Kollege: ‚Ich hätte nicht geglaubt, dass die Menschen aus Sachsen auch einen Kopf zum Denken haben’“.

Diese Sätze zitiert Brigitte (Gitte) Pfefferkorn in der neuesten Folge des Interview-Podcasts ‚Pionierinnen der Systemik‘ , welche heute veröffentlicht wurde (Hier geht es zum Interview).

Auch wenn ich (westdeutsche Frau), weiß, dass es ostdeutsche Diskriminierung gab und gibt, hörte ich diese Sätze mit Fassungslosigkeit.

Brigitte Pfefferkorn spricht in ihrem Interview mit Anne Gemeinhardt sehr eindrücklich von dem „Gegenwind“, der ihr nach der Wende entgegenkam und dem sie sich erfolgreich gestellt hat. So reist Sie mit uns über 30 Jahre zurück und berichtet über ihren systemischen Werdegang. Sie inspiriert mit ihrer Unbeugsamkeit und damit, wie sie sich nichts „überstülpen“ ließ. Wir begegnen einer Frau, die insbesondere Frauen* inspirieren und ermutigen kann, den eigenen Weg zu gehen und sich nicht davon abbringen zu lassen.

Mich hat es sehr nachdenklich gemacht, was Gitte über ihre Erfahrungen berichtet. Wo doch gerade Systemiker*innen immer wieder von sich behaupten, offen und wertfrei auf Menschen und deren Biografien zuzugehen. Mich beschäftigen dabei viele Fragen. Unter anderem frage ich mich, ob und wie dies noch heute auch in den systemischen Verbänden nachwirkt. Mittlerweile gibt es zahlreiche systemische Weiterbildungsinstitute in Ostdeutschland.

  • Ist Ost-West noch ein Thema in der systemischen Welt?
  • Haben wir versäumt, etwas miteinander auszuhandeln?
  • Gibt es Tabus? Gibt es unbearbeitete Kränkungen?
  • Gibt es überhaupt Räume für einen Austausch über unsere getrennte und gemeinsame Geschichte?
  • Ist es gewünscht, darüber ins Gespräch zu kommen?
  • Wie begehen die systemischen Verbände den 03. Oktober 2025?
  • Die DGSF e. V. wird am 04. Oktober ihr 25-jähriges Jubiläum feiern. Wird der 35. Jahrestag der Vereinigung von DDR und BRD Thema sein?

Nicht zuletzt stellen sich mir in der Auseinandersetzung immer wieder grundlegende Fragen zu Sprache, Benennungen und Zuschreibungen. Sprache schafft immer auch Wirklichkeit. Was ist 35 Jahre nach der Wende eigentlich eine passende, angemessene Wortzuweisung für das Gebiet der ehemaligen DDR? Wie benennen Menschen, die heute dort leben ihre regionale Zugehörigkeit(en)? Wie tun dies Menschen, die in den Bundesländern der BRD von vor 1990 leben? Ist „Ostdeutschland“ eine westlich geprägte Wortwahl mit impliziten Zuschreibungen?

Ich würde mich freuen, wenn ihr euch das Interview anhört und Kommentare zu meinen Fragen hinterlasst.

Tanja Kuhnert

„Wohnen“ von Doris Dörrie systemisch betrachtet

„Wohnen“ – ein dünnes Buch mit viel Inhalt, was mich zum Schmunzeln, aber vor allem zum Nachdenken gebracht hat. 

Doris Dörrie gelingt es, aus dem Alltäglichen – einer Wohnung, einer Küche, einem Raum – Fragen zu machen, die viel größer sind als die Räume selbst. 

Wohnen – das ist nicht nur ein Dach über dem Kopf, eine bestimmte Adresse oder eine Einrichtung. Wohnen heißt auch, wie wir uns innerlich einrichten. Welche Rollen wir einnehmen. Welche Freiheiten wir uns zugestehen. Und welche Sehnsüchte uns begleiten.

Besonders nachdrücklich ist mir Dörries Beschreibung im Kopf geblieben, wie sie lange Zeit die Küche gemieden hat. Ich habe sofort gespürt, was sie meint. Auch bei mir gibt es diesen inneren Widerstand – als wäre die Küche der Ort, an dem Feminismus und Emanzipation enden. Als müsste ich, wenn ich mich dort aufhalte, eine Rolle erfüllen, in die ich auf keinen Fall mehr gezwungen werden will. Fast so, als sei Kochen nicht einfach eine Tätigkeit, sondern ein Symbol: dafür, wie Frauen über Generationen hinweg unsichtbar, zuständig und selbstverständlich verfügbar waren.

Die Küche gilt bis heute als der Raum der Frauen. Doch gerade darin liegt ein Widerspruch: Sie ist kein Raum, der Freiheit schenkt, sondern einer, der mit Aufgaben belegt ist. Kochen, versorgen, bereitstellen – all das passiert hier, meistens von Frauen, fast schon selbstverständlich. Schon August Bebel schrieb vor über 150 Jahren, die Privatküche sei eine Zumutung für Frauen, weil sie Kraft und Lebensfreude raube. Deshalb plädierte er für Gemeinschaftsküchen – eine nette Idee, wenn dort nicht auch wieder nur Frauen hätten kochen sollen.

Das Tragische daran ist: Wenn die Küche der Frauenraum ist, dann bleibt ihnen zugleich ein anderer Raum verwehrt – ein Raum, der wirklich nur ihnen gehört. Männer hatten traditionell ihr Arbeitszimmer, ihre Werkstatt oder den Hobbykeller. Rückzugsorte, die ihnen selbstverständlich zugestanden wurden. Frauen dagegen hatten die Küche. Aber eine Küche ist eben kein eigener Raum, sondern einer, der in den Dienst anderer gestellt wird.

Doris Dörrie schreibt darüber, wie sie lange keinen eigenen Raum hatte. Und ich erkenne mich darin sofort. Auch mir fehlt dieser Ort bis heute: ein Raum ohne Funktion, ohne Rolle, ohne Erwartung. Ein Ort, an dem ich mich zurückziehen kann – nur mit mir, meinen Gedanken, meiner Kreativität.

Und doch merke ich: Diese Sehnsucht nach einem eigenen Raum ist nicht nur meine ganz persönliche. Sie ist Teil einer weiblichen Geschichte, die in vielen Familien weitergegeben wurde. Systemisch betrachtet erzählen Räume immer auch von Mustern und Loyalitäten: Wer hat Anspruch auf Sichtbarkeit? Wer bleibt zuständig für das Unsichtbare, das Alltägliche, das, was sich von selbst zu erledigen scheint?

In Aufstellungen und Genogrammen tauchen solche Fragen oft unvermittelt auf: Räume stehen für Zugehörigkeit und Abgrenzung, für Macht und Ohnmacht. Das „Arbeitszimmer“ eines Vaters symbolisiert nicht nur Rückzug, sondern auch das Selbstverständnis, das ihm zugestanden wird. Die „Küche“ einer Mutter hingegen verweist nicht nur auf Versorgung, sondern auf eine Rolle, die selten freiwillig gewählt, sondern tradiert wurde.

Wenn ich Dörrie lese, erkenne ich diese Muster wieder. Und ich spüre, wie sie bis heute wirken: in meiner eigenen Biografie, aber auch in den Geschichten vieler Klientinnen. Die Frage nach einem eigenen Raum ist deshalb keine Nebensächlichkeit, sondern eine zentrale Frage der Selbstbestimmung. Sie berührt Autonomie, Identität und die Möglichkeit, sich als eigenständiges Subjekt wahrzunehmen.

Vielleicht beginnt Emanzipation genau hier: indem wir uns die inneren und äußeren Räume bewusst anschauen. Indem wir erkennen, wo wir alte Loyalitäten fortsetzen – und wo wir uns erlauben dürfen, neue Räume zu öffnen. Für uns selbst, aber auch im systemischen Sinn für die, die nach uns kommen.

Und manchmal sitze ich mit einem Glas Wein und baumelnden Beinen auf der Arbeitsfläche – und denke: Vielleicht ist die Küche ja doch mehr als ein Ort zum Kochen und Abwaschen.

Der Elefant im Zimmer

Eigentlich hatte ich vor, in diesem Text einen Konflikt an meinem Arbeitsplatz und meine Beobachtungen zu Interaktionen zwischen Frauen und Männern zu schildern. Doch: nur beim Daran denken verging mir schon die Lust. In mir sperrte sich etwas, mich erneut in den Ärger und das Ohnmachtsgefühl, das mich begleitete und immer noch nicht ganz loslässt, hineinzubegeben. Ich entschied mich letztendlich für einen ressourcenorientierten Zugang und schreibe nun über das, was nützlich war.

Das Buch „Der Elefant im Zimmer“ von Petra Morsbach (empfohlen von einer geschätzten Kollegin) half mir in dieser Situation nicht das erste Mal aus einer inneren Zwickmühle. Die Autorin beschreibt ausführlich drei Fälle, in denen die Beteiligten (im letzten Fall auch sie selbst) mit den „Mächtigen“ in Konflikt gerieten.

Die Idee entstand aus der eigenen Erfahrung sowie dem Austausch mit Kolleg*innen und Bekannten. Während letzterem entstand bei ihr der Eindruck, dass Konflikte mit „Mächtigen“ nach ähnlichen Mustern abzulaufen scheinen:

  1. Angehörige eines Systems wehrten sich gegen eine problematisch Anweisung oder wiesen auf Fehler hin, in der Erwartung von Abhilfe.
  2. Vorgesetzte ignorierten den Hinweis oder ließen diesen nach einer Scheindiskussion versanden.
  3. Nachhaken führte ironischem Entgegenkommen, Spott, Einschüchterungsversuche, Drohungen und Disziplinarmaßnahmen.
  4. Wenn die Kritik am Chef als Kritik an der Institution gesehen wurde, richtete sich die Stimmung der Belegschaft gegen die Kritiker*innen, Solidarität verschwand.
  5.  Korrekturen gab es wenn überhaupt nach schweren Schäden, Skandalen oder Sanktionen.

Morsbach geht mit Hilfe ihrer drei Beispiele von „Widerstand gegen Machtmissbrauch“ auf eine „literarische Erkundungstour“.

Ihre These: Die Verleugnung der Macht (des Elefanten im Raum) ist das Kernproblem.  Liegt bei Personen, die Macht in Institutionen innehaben, eine Kombination aus Machtorientierung (also eines Strebens nach Selbstaufwertung und Anerkennung durch diese Position) UND Machtleugnung, mit der individuelle Verantwortung zurückgewiesen wird („Ich kann da nichts machen.“) vor, entsteht ein Paradoxon, das schwer aufzulösen ist. Weiterhin bemerkt sie, komme erschwerend hinzu, dass jede Person, die das Problem im Verlauf „unwidersprochen hinnimmt, wird zum Komplizen und muss sich angegriffen fühlen, wenn es auf den Tisch kommt.“

Die Autorin legt in ihren Ausführungen den Fokus auf die Dynamiken, die auf die Aufdeckung des Problems folgen, beleuchtet die Sprache, in der die Konflikte geführt wurden, und möchte tiefer liegende (unbewusste) Motive explorieren.

Ihre Frage: Können „Unmächtige“ mit legalen Mitteln Machtmissbrauch praktisch abhelfen? Und wenn ja wie? Ihre Antwort im Nachwort: Jein. „Eigentlich nicht, aber sie sollten es trotzdem versuchen, denn das bewirkt etwas.“

Auch wenn die Konflikte mit „Mächtigen“, in denen ich beteiligt war, nicht ganz diesem Muster entsprachen, erleichterte es mich ungemein, dass es sich anscheinend um eine geteilte Erfahrung handelt. Das Buch gab mir die Chance, sprachliche Muster abzugleichen und in den „Machtkontext“ einzuordnen, auch wenn meine Beispiele in vergleichsweise kleineren Organisationseinheiten stattfanden. Ich fühlte mich dann nicht mehr so ohnmächtig. Eine schöne Erkenntnis war auch, Unterschiede in den Mustern zu entdecken. Ich war zum Glück nie allein als Kritikerin, sondern Teil einer Gruppe und die Solidarität untereinander blieb uns auch erhalten. Es war vor allem eine Solidarität unter Frauen, die sich männlich besetzten Machtstrukturen entgegensetzte.  Und: Auch machte ich die Erfahrung, die die Autorin mit „Eigentlich nein, aber sie wollten es trotzdem versuchen, es bewirkt etwas.“ beschrieb. Ich beobachtete oft kleine, manchmal auch größere Veränderungen, die vielleicht in dieser Dosis und/oder nach etwas verstrichener Zeit für das System verträglich erschienen.

Morsbachs Buch ist für mich einfach gute Unterhaltung, weil die Autorin mich mit ihrem persönlich wirkenden Schreibstil in den Bann gezogen hat. Darüber hinaus gibt sie mit dem Buch die Chance, sich mit bestimmten Mechanismen der Macht vertraut zu machen, und stellt am Ende einen Katalog mit 33 Empfehlungen und Überlegungen zur Verfügung, von denen viele in unterschiedlichsten Konflikten anwendbar erscheinen.

Ich möchte den Text mit einem Gedanken der Autorin beenden, der auf die zirkulären Wirkmechanismen in diesen Konflikten eingeht und mich auch immer wieder etwas demütig werden lässt. Sie kommentiert die Dynamik zwischen den Machausübenden und den Kritiker*innen mit folgenden Fragen: „Sind nicht auch sie in Wechselwirkung aufeinander bezogen? Spielt jeder nur eine Rolle in einem größeren Spiel, das er nicht überblickt? Wer hat recht? Wer entscheidet das? Wer verteilt die Rollen?“

Frauen in der Wissenschaft

Ein Gastbeitrag von Anne Valler-Lichtenberg.

Durch Zufall habe ich vergangene Woche dieses Interview auf WDR 5 gehört und freue mich nun, Euch und Sie darauf aufmerksam zu machen.

Gesine Born ist Kommunikationsdesignerin und Fotografin. Sie nutzt ihre Profession und KI, um Wissenschaftlerinnen sichtbar zu machen.

Viel zu lange – und vielleicht immer noch – wurden Forschungs- und wissenschaftlichen Erkenntnisse von Frauen durch männliche Kollegen übernommen und/oder veröffentlicht. Dem setzt Gesine Born ihre Bilder und deren Hintergrundgeschichten entgegen. Sie ehrt die Frauen und setzt Reflexion und Veränderung in Gang.

Ein kleiner Teil der Ausstellung „Versäumte Bilder“ ist noch bis zum 31.07. an der Universität Bonn zu sehen.

Ein Beispiel, das mir Mut macht und anregt.

Im Netz finden sich weitere Informationen und Bilder.

https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:section:fff639b904d64705

https://www.hessenschau.de/kultur/neue-ausstellung-in-darmstadt-ki-macht-vergessene-wissenschaftlerinnen-sichtbar-v1,versaeumte-bilder-ausstellung-ki-100.html

https://www.uni-bonn.de/de/neues/055-2025

Köln, 21.07.2025         Anne Valler-Lichtenberg.

Ein Ausstellungsbesuch, der mich wütend gemacht hat

Letztens war ich mal wieder im Museum der bildenden Künste in Leipzig. Als ich den Ausstellungsraum betrete, erwartet mich ein Schild, was Informationen bereithält. Doch was meine Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist dass da „Künstler*innen“ steht. Ein Sternchen. Ein Sternchen für alle, die mitgedacht werden sollen. Ich bin erwartungsvoll und voller Vorfreude.

Doch kaum bin ich drin, lese ich Namen. Karl. Otto. Theo. Erich. Immer weiter. Und keiner davon mit Sternchen. Keine Frau. Keine Künstlerin. Keine einzige. Das Sternchen bleibt alleine stehen – als Symbol für etwas, das dann doch nicht eingelöst wird.

Erst später fällt mir auf: Das Sternchen steht ja nicht nur für cis Frauen. Es soll alle Geschlechter mitdenken, die sonst nicht sichtbar sind. Doch genau das passiert hier nicht. Neben Künstlerinnen fehlen eben auch alle anderen Geschlechter. Auch sie wurden nicht gezeigt, nicht mitgedacht, nicht sichtbar gemacht.

Es wirkt fast, als hätte man das Schild gemacht, weil man weiß, dass man das jetzt so macht. Weil es dazugehört. Aber drinnen war nichts davon zu spüren.

Ich frage mich, wie oft das so ist. Also nicht nur in dieser Ausstellung. Sondern überhaupt. Wer stellt eigentlich aus? Wer wird verlegt? Wer kommt zu Wort? Ich beginne, ein bisschen zu suchen. Zahlen, Statistiken. Und die Antworten sind ziemlich eindeutig: Nur etwa 20 Prozent der Werke in großen deutschen Museen stammen von Künstlerinnen. Und im Buchmarkt? 2021 war ein Rekordjahr: 40,3 Prozent aller Debüts kamen von Autorinnen. Zwei Jahre später sind es nur noch 37,4 Prozent. Fast wieder wie 2013.

Zurück zur Ausstellung. Skulpturen von Frauen. Frauenkörper aus verschiedenen Kontinenten. Beeindruckend, sinnlich, stark. Ich lese die Namensschilder. Jean-Baptiste Carpeaux. Ein Mann. Noch ein Mann. Wieder ein Mann. Männer stellen Frauen dar. Maler, Bildhauer, Erzähler. Und wir, wir Frauen, wachsen mit diesen Bildern auf.

Ich recherchiere das, was mir da gerade auffällt und wofür es einen Begriff gibt: „male gaze“. Ursprünglich von Laura Mulvey geprägt, beschreibt es die Art und Weise, wie Frauen in Kunst und Medien aus einer männlichen Perspektive dargestellt werden – als Objekte, die betrachtet werden, nicht als Subjekte, die gestalten. Der Blick, der über uns gelegt wird, formt nicht nur unsere Sicht auf andere, sondern auch auf uns selbst.

Mit diesen Bildern wachsen wir auf. Wir schauen in den Spiegel und messen uns an den Blicken, mit denen andere uns betrachtet haben. Lange bevor wir einen eigenen Blick entwickeln konnten. Es ist dieser Blick, der nicht nur Kunst, sondern unsere Körpergeschichte geformt hat. Wir sind geformt worden. Und oft nicht von uns selbst.

Ich bin wütend. Ich bin verärgert. Und ich fühle mich damit allein in dieser Ausstellung. Ich frage mich, wie viele Männer in dieser Ausstellung waren, die überhaupt bemerkt haben, dass keine Frau hier ausstellt. Und ich frage mich, wie viele Frauen es überhaupt wagen, solche Fragen zu stellen. Denn es fühlt sich unbequem an, die Einzige zu sein, die sie stellt.

So, als wäre es mein Problem. Und nicht das der Ausstellung.

Was bleibt? Ich nehme den Blick mit. Und das Wissen, dass ich nicht übertreibe. Dass das, was ich gesehen habe, ein Muster ist. Kein Einzelfall. Und dass es nicht reicht, ein Sternchen auf ein Schild zu drucken. Es braucht mehr. Es braucht echte Sichtbarkeit. Nicht nur Sprache, sondern Haltung. Nicht nur Repräsentation, sondern Teilhabe.

Ich wünsche mir Ausstellungen, in denen ich mich wiederfinde. Nicht nur als Körper, sondern als Künstlerin. Als Erzählerin. Als jemand mit einem eigenen Blick.

Neulich in der Gruppentherapie

Die Gruppentherapie auf meiner psychiatrischen Station, die ich gemeinsam mit einer Kollegin zwei Mal pro Woche leite, ist eine offene Gesprächsgruppe. Das heißt, es werden keine Themen von den Leitenden vorgegeben, sondern die Teilnehmenden bringen das ein, was sie gerade beschäftigt. Wir führen diese Gruppe angelehnt an die „Psychoanalytisch-interaktionelle Methode (PIM)“, die zwar die Psychoanalyse im Namen hat, aber mein systemisches Herz definitiv höherschlagen lässt. In der PIM wird die Gruppe als Mehrpersonensystem und soziale Interaktion als Produkt wechselseitiger Kommunikationsprozesse betrachtet. Es wird angenommen, dass sich alles Geschehen in der Gruppe im „Zwischen“ von allen Anwesenden entwickelt und somit auch immer soziale und gesellschaftliche Kontexte berührt. Ausgehend davon kann Verhalten in Beziehungen in der halböffentlichen Therapiegruppe erforscht und mit neuen Verhaltensweisen experimentiert werden (siehe Streeck, 2024).

In einer dieser Gruppen sitze ich nun. Eine Frau und ein Mann Ü50 kommen darüber ins Gespräch, wie schwer es ist, in diesem Alter neue Lohnarbeit zu finden. Sie hätten beide viele Bewerbungen verschickt, jedoch nur Absagen erhalten. Ich bin noch versunken in den Gedanken darüber, was ich gerade in der Gruppe wahrnehme und wie ich mich dazu verhalten möchte, als plötzlich das Gespräch eine neue Richtung einschlägt: „Aber die jungen Leute, die nicht mehr arbeiten wollen, denen wird alles hinterhergetragen!“ Es kommt Leben in die bisher etwas träge Gruppe. Und noch bevor ich selbst meinen plötzlichen Ärger über die Pauschalisierung einer ganzen Generation einordnen kann, geht es weiter: „Und den Ausländern erst…“ „Und den Behinderten…“ folgt darauf. Das Gespräch nimmt Geschwindigkeit auf und hat nun einen deutlich aggressiveren Unterton.

Meine Gedanken rasen ebenfalls. Mein Körper reagiert.  Neben einer für mich normalen Grundanspannung im Gruppensetting, spüre ich, wie mir heiß wird, wahrscheinlich laufe ich auch rot an. Mein Herz schlägt hart und ich spüre mein Blut in den Ohren rauschen.

Wie zur Hölle soll ich jetzt reagieren? Das muss ich auch möglichst schnell tun, damit die Rückmeldung noch passt! Meine Kollegin hat ungünstigerweise den Raum verlassen, weil sie einen Hustenanfall hatte, also muss ich alleine entscheiden. In mir verspüre ich mehrere Impulse: Ich möchte die Gefühle, die entstanden sind, würdigen und meine Patient*innen in ihrer Not ernstnehmen. Gleichzeitig möchte ich unbedingt die abwertenden Äußerungen unterbrechen und mich positionieren. Ich verspüre eine diffuse Angst, die Teilnehmenden vor den Kopf zu stoßen oder der Zensur bezichtigt zu werden, auch mich als „linke Großstädterin“ zu outen. Irgendwie schräg, denk ich.

Ich versuche im Sinne der PIM zu reagieren, stelle ich mich als Interaktionspartnerin zur Verfügung und melde einen Teil meines inneren Dialoges zurück.  Ich schildere meine eigene Ambivalenz zwischen der Einladung, dem Erleben der Anwesenden weiter Raum zu geben und gleichzeitig dem dringenden Impuls, den menschenverachtenden Aussagen Einhalt zu bieten. Die meisten verstehen meinen Wink, ein Teilnehmer schließt jedoch mit einer weiteren herabsetzenden Pauschalisierung an. Ich werde also doch deutlicher und frage den Patienten etwas scherzhaft, ob er meinen Wink mit dem Zaunpfahl mitbekommen hat: Ich möchte nicht, dass diese Art von Aussagen in meiner Gruppe getroffen werden. Er lacht kurz, danach wenden sich die Teilnehmenden thematisch etwas anderem zu.

Nach der Sitzung im Gespräch mit meiner Kollegin versuche ich mit kühlerem Kopf zu verstehen, was möglicherweise gerade passiert ist und welche Fragen für mich daraus folgen. Wie ist diese Interaktion entstanden? Welche Wechselwirkungsprozesse zwischen den Teilnehmen haben möglicherweise eine Rolle gespielt und was habe ich dazu beigetragen? In welchem (inneren) Kontext der Patient*innen ergibt es Sinn, diffuse Aggressionen, die vermutlich im Zusammenhang mit Hilflosigkeit, Kränkung, Trauer und Verzweiflung stehen, gegen bestimmte Menschengruppen zu richten, die nicht für ihr Unglück verantwortlich sind? Von den Gruppenteilnehmenden kam kein Widerspruch zu den Pauschalisierungen. Waren sich tatsächlich alle einig oder blieb etwas ungesagt? Und wenn ja, aus welchen Gründen?

Die Teilnehmenden und damit auch die Themen in unseren Gruppen wechseln meist von Sitzung zu Sitzung, so dass wir in der darauffolgenden Gesprächsrunde nicht mehr anknüpfen. Obwohl mich die Sitzung sehr gefordert hat, wäre ich definitiv neugierig: Welche inneren Reaktionen hatten Patient*innen auf meine Positionierung und auf welche Art könnten wir weiter darüber ins Gespräch kommen?

Mich hinterlässt die Sitzung nachdenklich und berührt. Ich versuche seitdem sensibler dafür zu sein und näher nachzufragen, wenn plötzlich Pauschalisierungen im Raum stehen. Eine Frage, die mich auch beschäftigt: Wie können wir in unserer Arbeit im Kontext der aktuellen politischen Lage einen Unterschied machen, der einen Unterschied macht? Hinterlasst gern dazu einen Kommentar mit euren Gedanken und kommt mit uns darüber ins Gespräch!