In diesem Format wollen wir uns alle vier mit einem Thema oder einer Frage beschäftigen und unabhängig voneinander unsere Gedanken aufschreiben. Im letzten Redaktionstreff tauchte dann die Frage auf:
Warum schreiben Frauen eigentliche keine Gastbeiträge?
Gila
- Sie haben so viel anderes zu tun. Sie sind mit Arbeit und Familie – also mit Geldverdienen und sehr viel Care-Arbeit – beschäftigt. Das erscheint ihnen wichtiger. Deshalb fehlen ihnen auch Ideen für Beiträge: Sie sind im Tun.
- Sie halten ihre Beiträge nicht für so wertvoll oder bedeutsam, dass sie andere interessieren könnten. Und dann denken sie noch, dass es bestimmt auch nicht gut werden würde, wenn sie etwas schreiben. Sie denken, sie müssten dafür sehr viel recherchieren und lesen, damit es wirklich gut wird, und dafür haben sie keine Zeit.
- Ihnen fehlt ein gewisses Maß an Eitelkeit, das ihnen sagen würde: „Schau mal, was du da Interessantes und Kluges für die anderen zur Verfügung stellen kannst.“
- Sie wollen nicht, dass ihre Gedanken öffentlich werden und sie sich damit womöglich angreifbar machen. Gerade Frauen werden so oft im Internet bzw. auf social media aufs übelste angegriffen, dass es sehr vernünftig erscheint, sich davor zu schützen und die eigenen Positionen bzw. Diskussionsbeiträge lieber in weniger öffentlichen Kanälen darzustellen.
Tanja
Ich weiß nicht, wie viele Gespräche ich schon geführt habe mit Frauen und weiblich sozialisierten Personen[1], die interessante Dinge zu erzählen hätten, tolle Berater*innen/Therapeut*innen sind, aber auch auf Nachfrage hin, sich nicht als schreibende Person sehen.
Auch, wenn es heute zahlreiche Frauen* gibt, die auch Fachartikel und Fachbücher schreiben, als Wissenschaftler*innen und Professor*innen tätig sind und forschen.
So ist das immer noch weit verbreitete Bild, dass Männer ernster genommen werden, wenn sie schreiben als Frauen*.
Es geht sogar so weit, dass Frauen* auch zugeschrieben wird, zu blumig, zu praxisorientiert zu unwissenschaftlich zu schreiben; und zwar sowohl von Männern als auch von Frauen* selbst. Nicht wissenschaftlich genug? Ich selbst bin lange Zeit mit mir hart ins Gericht gegangen und hatte das Selbstbild nicht schreiben zu können. Auch heute beschleicht mich noch manchmal das Gefühlt, nicht wissenschaftlich fundiert genug zu schreiben. Erst zuletzt in einem Gespräch mit einem Kollegen, der Professor ist, habe ich selbst an mir angezweifelt. Das ist verrückt, da ich mittlerweile häufig schreibe….
Aber ich kann mich noch an meine ersten Schreib-Schritte in der Fachwelt erinnern. Ich habe mit so starken Selbstzweifeln gekämpft, dass ich manches Mal psychisch sehr angeschlagen war. Wobei sich in mir eher das kleine Arbeiter*innenkind gemeldet hat, was es eine Anmaßung fand, dass ich denke, etwas zu sagen zu haben.
Und genau, das ist der Punkt: Wer hat etwas zu sagen? Wem wird zugeschrieben etwas zu sagen zu haben? Wer nimmt sich den Raum etwas sagen zu wollen?
Mensch muss auch eine gewisse Coolness entwickeln, wenn man schreiben möchte. Natürlich werden nicht alle toll finden, was ich da zu Papier bringe. Es wird Kritiker*innen geben. Machtspiele sind vorprogrammiert. Tatsächlich muss mir das egal sein können. Mittlerweile schreibe und lektoriere ich Text von anderen Personen. Ich kann verraten: viele auch sehr bekannte Persönlichkeiten, die sehr viel publiziert haben, können eigentlich nicht gut schreiben. Sie benötigen Personen, die ihre Texte zu lesefähigen Produkten machen. Auch Menschen mit Doktortitel und Professuren bekommen Ablehnungen, wenn Sie Skripte einreichen. Das gehört tatsächlich dazu.
Wenn wir möchten, dass Fachdiskurse vielfältiger werden, müssen wir alle einen Beitrag dazu leisten. Der Satz „Wer schreibt der bleibt!“ stimmt leider. Nur was geschrieben, oder auf andere Art und Weise technisch vervielfältigt wurde, bleibt und kann Zugänge eröffnen.
Wer schreiben möchte, sollte sich Unterstützung suchen. Kolleg*innen, die Erfahrung haben und beratend zu Seite stehen können. Kolleg*innen, denen es ähnlich geht, um sich gegenseitig zu unterstützen. Es kann hilfreich sein, mit kleineren Projekten zu beginnen, z. B. einer Buchrezension. Auch ein Schreib-Coaching kann hilfreich sein. Auf jeden Fall darf man sich nicht entmutigen lassen.
[1] Hiermit beziehe ich ganz bewusst Personen ein, die weiblich sozialisiert sind, sich aber nicht als weibliche, als Frau definieren, sondern sich selbst eine andere Geschlechtsidentität zuschreiben. Im Folgenden verwende ich zur Beschreibung entweder das Gender-Sternchen oder Frauen* als Benennung aller weiblich sozialisierten Personen.
Sarah
Ich glaube, dass in den wenigsten Fällen tatsächlich zu wenig Zeit oder gar fehlendes Interesse die Gründe sind.
Die ersten Reaktionen auf Anfragen waren vielmehr geprägt von Unsicherheit und fehlendem Vertrauen. In unseren Köpfen – also in denen vieler Frauen* – scheint immer noch stark verankert zu sein, dass man Rang und Namen braucht, um sich öffentlich äußern zu dürfen.
Wahrscheinlich spielt auch eine Rolle, dass Frauen* gelernt haben – und ich denke, mitunter immer noch lernen – sich zurückzuhalten und anderen die Bühne zu überlassen. Wie viele Frauen werden noch immer in öffentlichen Debatten von Männern unterbrochen? Von privaten Gesprächen ganz zu schweigen. Und wie viele Frauen* verleihen (wie ich finde) dieser Respektlosigkeit Ausdruck?
Vielmehr beobachte ich, wie häufig Frauen die stillen und aufmerksamen Zuhörerinnen* sind und nur äußerst selten ein Gespräch unterbrechen. Vielleicht stecken wir Frauen* noch zu oft in dieser sozialisierten Rolle fest.
Denn bekommen wir nicht schon allzu früh in unserem Leben gesagt, dass es unhöflich sei, zu unterbrechen? Scheinbar gilt das jedoch nur für uns Frauen*.
Frauen haben Scham, sich mit ihrer Perspektive zu zeigen – und dass, obwohl sie häufig sogar die Expertise haben.
Da ist die Sorge, dass die eigene Meinung nicht fachlich fundiert genug sei und deshalb besser gar nicht ausgesprochen werden sollte.
Der Gedanke, dass das, was man denkt, nicht wichtig genug sei, keinen „Mehrwert“ bietet oder ohnehin niemanden interessiere.
Hinzu kommen fehlendes Zutrauen und Vertrauen in die eigene Stimme, die Gewohnheit, sich eher zurückzuhalten und anderen die Bühne zu überlassen, sowie die Angst vor Be- und Verurteilung.
Anmerkung der Autorin:
Mit der Verwendung des Begriffs „Männer“ sind nicht einzelne Personen gemeint, sondern gesellschaftliche Muster und Strukturen, die durch Sozialisation entstehen.
Anne
„Wenn dann mache ich es richtig.“
Ich habe seit der Entstehung des Blogs einige Frauen in unterschiedlichen Kontexten gefragt oder ermutigt, einen Gastbeitrag zu verfassen. Keine davon hat bisher etwas geschrieben. Für den jetzigen Beitrag habe ich vier Freundinnen und Kolleginnen gefragt, was sie davon abhält.
Überrascht war ich, als mir eine Freundin und Kollegin von der Befürchtung berichtete, ihre Ansichten könnten nicht in den Blog passen, diese dafür nicht feministisch genug seien. Geprägt sei die Unsicherheit von einer strikten Art von Feminismus, in dem nur eine bestimmte Meinung in einem sehr engen Rahmen zähle und es weniger ein Austausch unterschiedlicher Ideen vor einer ähnlichen Grundhaltung sei. Diese Art von Feminismus unterstelle sie uns nicht unbedingt, trotzdem bleibe eine gewisse Unsicherheit darüber, dass die anderen Redakteurinnen und/oder die Leser*innenschaft den Text ablehnen könnten. Schade, dachte ich, denn genau aus diesem Grund würde mich ihr Beitrag besonders interessieren. Gleichzeitig meine ich zu wissen, was sie meint, da ich mich sowohl von Zeit zu Zeit bzgl. bestimmter Themen ebenso strikt erlebe als auch bestimmte Gedanken aus eben diesem Grund nur in bestimmter Gesellschaft ausspreche.
Eine andere Kollegin erzählte, sie erlebe ihren beruflichen und privaten Alltag als so dicht getaktet, dass sie nur am Abarbeiten sei. So könnten wenig Zeiten für Muße entstehen, und die bräuchte es dringend für einen Beitrag. Sie frage sich auch immer wieder „Wie viel will ich schaffen? Wie viel kann ich schaffen?“ und „Was hat Priorität?“. Letztere Frage beantwortet eine dritte Freundin eher mit „etwas anderes“. Sie befürchte nämlich, durch die Arbeit an einem Beitrag für den Blog, der ihr ohne Zweifel Freude bringen würde, andere Dinge zu vernachlässigen, die aktuell Priorität haben müssten.
Die vierte Freundin reichte mir den Titel meines Beitrags dazu: „Wenn dann mache ich es richtig.“ Sie gehe davon aus, dass sie Arbeit reinstecken müsse, damit es für andere Menschen interessant sei. In dem anschließenden Gespräch waren wir uns in unserem Neid auf Kollegen einig, die uns in diesem Zusammenhang einfielen, die einfach Dinge ohne große Vorbereitung tun oder tun lassen und damit Menschen offensichtlich begeistern können.
Diese Gespräche beschäftigen mich noch weiter. Versuche ich, die Unsicherheit herauszurechnen, dann bleibt vor allem Respekt vor den Kolleginnen, die Dinge ordentlich tun und die nötige Arbeit in ihre Projekte stecken wollen. Sie wollen einen Mehrwert kreieren, sich Zeit für Muße nehmen und andere wichtige Dinge dafür nicht vernachlässigen. Das weiß ich zu schätzen und fühle mich eingeladen, geduldig und gespannt auf das zu sein, was vielleicht noch kommt.
