Vier Frauen – Eine Frage

In diesem Format wollen wir uns alle vier mit einem Thema oder einer Frage beschäftigen und unabhängig voneinander unsere Gedanken aufschreiben. Im letzten Redaktionstreff tauchte dann die Frage auf:

Warum schreiben Frauen eigentliche keine Gastbeiträge?

Gila

  • Sie haben so viel anderes zu tun. Sie sind mit Arbeit und Familie – also mit Geldverdienen und sehr viel Care-Arbeit – beschäftigt. Das erscheint ihnen wichtiger. Deshalb fehlen ihnen auch Ideen für Beiträge: Sie sind im Tun.
  • Sie halten ihre Beiträge nicht für so wertvoll oder bedeutsam, dass sie andere interessieren könnten. Und dann denken sie noch, dass es bestimmt auch nicht gut werden würde, wenn sie etwas schreiben. Sie denken, sie müssten dafür sehr viel recherchieren und lesen, damit es wirklich gut wird, und dafür haben sie keine Zeit.
  • Ihnen fehlt ein gewisses Maß an Eitelkeit, das ihnen sagen würde: „Schau mal, was du da Interessantes und Kluges für die anderen zur Verfügung stellen kannst.“
  • Sie wollen nicht, dass ihre Gedanken öffentlich werden und sie sich damit womöglich angreifbar machen. Gerade Frauen werden so oft im Internet bzw. auf social media aufs übelste angegriffen, dass es sehr vernünftig erscheint, sich davor zu schützen und die eigenen Positionen bzw. Diskussionsbeiträge lieber in weniger öffentlichen Kanälen darzustellen.

Tanja

Ich weiß nicht, wie viele Gespräche ich schon geführt habe mit Frauen und weiblich sozialisierten Personen[1], die interessante Dinge zu erzählen hätten, tolle Berater*innen/Therapeut*innen sind, aber auch auf Nachfrage hin, sich nicht als schreibende Person sehen.

Auch, wenn es heute zahlreiche Frauen* gibt, die auch Fachartikel und Fachbücher schreiben, als Wissenschaftler*innen und Professor*innen tätig sind und forschen.
So ist das immer noch weit verbreitete Bild, dass Männer ernster genommen werden, wenn sie schreiben als Frauen*.

Es geht sogar so weit, dass Frauen* auch zugeschrieben wird, zu blumig, zu praxisorientiert zu unwissenschaftlich zu schreiben; und zwar sowohl von Männern als auch von Frauen* selbst. Nicht wissenschaftlich genug? Ich selbst bin lange Zeit mit mir hart ins Gericht gegangen und hatte das Selbstbild nicht schreiben zu können. Auch heute beschleicht mich noch manchmal das Gefühlt, nicht wissenschaftlich fundiert genug zu schreiben. Erst zuletzt in einem Gespräch mit einem Kollegen, der Professor ist, habe ich selbst an mir angezweifelt. Das ist verrückt, da ich mittlerweile häufig schreibe….

Aber ich kann mich noch an meine ersten Schreib-Schritte in der Fachwelt erinnern. Ich habe mit so starken Selbstzweifeln gekämpft, dass ich manches Mal psychisch sehr angeschlagen war. Wobei sich in mir eher das kleine Arbeiter*innenkind gemeldet hat, was es eine Anmaßung fand, dass ich denke, etwas zu sagen zu haben.

Und genau, das ist der Punkt: Wer hat etwas zu sagen? Wem wird zugeschrieben etwas zu sagen zu haben? Wer nimmt sich den Raum etwas sagen zu wollen?

Mensch muss auch eine gewisse Coolness entwickeln, wenn man schreiben möchte. Natürlich werden nicht alle toll finden, was ich da zu Papier bringe. Es wird Kritiker*innen geben. Machtspiele sind vorprogrammiert. Tatsächlich muss mir das egal sein können. Mittlerweile schreibe und lektoriere ich Text von anderen Personen. Ich kann verraten: viele auch sehr bekannte Persönlichkeiten, die sehr viel publiziert haben, können eigentlich nicht gut schreiben. Sie benötigen Personen, die ihre Texte zu lesefähigen Produkten machen. Auch Menschen mit Doktortitel und Professuren bekommen Ablehnungen, wenn Sie Skripte einreichen. Das gehört tatsächlich dazu.

Wenn wir möchten, dass Fachdiskurse vielfältiger werden, müssen wir alle einen Beitrag dazu leisten. Der Satz „Wer schreibt der bleibt!“ stimmt leider. Nur was geschrieben, oder auf andere Art und Weise technisch vervielfältigt wurde, bleibt und kann Zugänge eröffnen. 

Wer schreiben möchte, sollte sich Unterstützung suchen. Kolleg*innen, die Erfahrung haben und beratend zu Seite stehen können. Kolleg*innen, denen es ähnlich geht, um sich gegenseitig zu unterstützen. Es kann hilfreich sein, mit kleineren Projekten zu beginnen, z. B. einer Buchrezension. Auch ein Schreib-Coaching kann hilfreich sein. Auf jeden Fall darf man sich nicht entmutigen lassen.

[1] Hiermit beziehe ich ganz bewusst Personen ein, die weiblich sozialisiert sind, sich aber nicht als weibliche, als Frau definieren, sondern sich selbst eine andere Geschlechtsidentität zuschreiben. Im Folgenden verwende ich zur Beschreibung entweder das Gender-Sternchen oder Frauen* als Benennung aller weiblich sozialisierten Personen.

Sarah

Ich glaube, dass in den wenigsten Fällen tatsächlich zu wenig Zeit oder gar fehlendes Interesse die Gründe sind.

Die ersten Reaktionen auf Anfragen waren vielmehr geprägt von Unsicherheit und fehlendem Vertrauen. In unseren Köpfen – also in denen vieler Frauen* – scheint immer noch stark verankert zu sein, dass man Rang und Namen braucht, um sich öffentlich äußern zu dürfen.

Wahrscheinlich spielt auch eine Rolle, dass Frauen* gelernt haben – und ich denke, mitunter immer noch lernen – sich zurückzuhalten und anderen die Bühne zu überlassen. Wie viele Frauen werden noch immer in öffentlichen Debatten von Männern unterbrochen? Von privaten Gesprächen ganz zu schweigen. Und wie viele Frauen* verleihen (wie ich finde) dieser Respektlosigkeit Ausdruck?

Vielmehr beobachte ich, wie häufig Frauen die stillen und aufmerksamen Zuhörerinnen* sind und nur äußerst selten ein Gespräch unterbrechen. Vielleicht stecken wir Frauen* noch zu oft in dieser sozialisierten Rolle fest.

Denn bekommen wir nicht schon allzu früh in unserem Leben gesagt, dass es unhöflich sei, zu unterbrechen? Scheinbar gilt das jedoch nur für uns Frauen*.

Frauen haben Scham, sich mit ihrer Perspektive zu zeigen – und dass, obwohl sie häufig sogar die Expertise haben.

Da ist die Sorge, dass die eigene Meinung nicht fachlich fundiert genug sei und deshalb besser gar nicht ausgesprochen werden sollte.

Der Gedanke, dass das, was man denkt, nicht wichtig genug sei, keinen „Mehrwert“ bietet oder ohnehin niemanden interessiere.

Hinzu kommen fehlendes Zutrauen und Vertrauen in die eigene Stimme, die Gewohnheit, sich eher zurückzuhalten und anderen die Bühne zu überlassen, sowie die Angst vor Be- und Verurteilung.

Anmerkung der Autorin:

Mit der Verwendung des Begriffs „Männer“ sind nicht einzelne Personen gemeint, sondern gesellschaftliche Muster und Strukturen, die durch Sozialisation entstehen.

Anne

„Wenn dann mache ich es richtig.“

Ich habe seit der Entstehung des Blogs einige Frauen in unterschiedlichen Kontexten gefragt oder ermutigt, einen Gastbeitrag zu verfassen. Keine davon hat bisher etwas geschrieben. Für den jetzigen Beitrag habe ich vier Freundinnen und Kolleginnen gefragt, was sie davon abhält.

Überrascht war ich, als mir eine Freundin und Kollegin von der Befürchtung berichtete, ihre Ansichten könnten nicht in den Blog passen, diese dafür nicht feministisch genug seien. Geprägt sei die Unsicherheit von einer strikten Art von Feminismus, in dem nur eine bestimmte Meinung in einem sehr engen Rahmen zähle und es weniger ein Austausch unterschiedlicher Ideen vor einer ähnlichen Grundhaltung sei. Diese Art von Feminismus unterstelle sie uns nicht unbedingt, trotzdem bleibe eine gewisse Unsicherheit darüber, dass die anderen Redakteurinnen und/oder die Leser*innenschaft den Text ablehnen könnten. Schade, dachte ich, denn genau aus diesem Grund würde mich ihr Beitrag besonders interessieren. Gleichzeitig meine ich zu wissen, was sie meint, da ich mich sowohl von Zeit zu Zeit bzgl. bestimmter Themen ebenso strikt erlebe als auch bestimmte Gedanken aus eben diesem Grund nur in bestimmter Gesellschaft ausspreche.

Eine andere Kollegin erzählte, sie erlebe ihren beruflichen und privaten Alltag als so dicht getaktet, dass sie nur am Abarbeiten sei. So könnten wenig Zeiten für Muße entstehen, und die bräuchte es dringend für einen Beitrag. Sie frage sich auch immer wieder „Wie viel will ich schaffen? Wie viel kann ich schaffen?“ und „Was hat Priorität?“. Letztere Frage beantwortet eine dritte Freundin eher mit „etwas anderes“. Sie befürchte nämlich, durch die Arbeit an einem Beitrag für den Blog, der ihr ohne Zweifel Freude bringen würde, andere Dinge zu vernachlässigen, die aktuell Priorität haben müssten.

Die vierte Freundin reichte mir den Titel meines Beitrags dazu: „Wenn dann mache ich es richtig.“ Sie gehe davon aus, dass sie Arbeit reinstecken müsse, damit es für andere Menschen interessant sei. In dem anschließenden Gespräch waren wir uns in unserem Neid auf Kollegen einig, die uns in diesem Zusammenhang einfielen, die einfach Dinge ohne große Vorbereitung tun oder tun lassen und damit Menschen offensichtlich begeistern können.

Diese Gespräche beschäftigen mich noch weiter. Versuche ich, die Unsicherheit herauszurechnen, dann bleibt vor allem Respekt vor den Kolleginnen, die Dinge ordentlich tun und die nötige Arbeit in ihre Projekte stecken wollen. Sie wollen einen Mehrwert kreieren, sich Zeit für Muße nehmen und andere wichtige Dinge dafür nicht vernachlässigen. Das weiß ich zu schätzen und fühle mich eingeladen, geduldig und gespannt auf das zu sein, was vielleicht noch kommt.


„Und was mache ich jetzt damit?“

Eine Frage, die mir in der letzten Zeit in meinen Sitzungen immer wieder begegnet ist. Eine Frage, die mir häufig gestellt wurde – oft genau dann, wenn Erkenntnisse gewonnen oder Zusammenhänge erkannt wurden.

Häufig hatte ich darauf keine Antwort, habe aber trotzdem versucht, eine zu geben. Und genau das hat mich dann doch sehr irritiert.

Warum hat diese Frage ein Gefühl von Verantwortung in mir ausgelöst?
Muss ich als gute Therapeutin darauf eine Antwort haben?
Habe ich etwas falsch gemacht, wenn meine Klient*innen die Antworten darauf noch nicht kennen?

Die Antwort scheint leicht: Natürlich nicht. Die Antworten liegen bei unserem Gegenüber. Klientinnen sind Expertinnen für ihr eigenes Leben. Rational war mir das völlig klar – und trotzdem hat diese Frage in mir etwas berührt.

Meine Klient*innen sind Selbstzahler*innen und ich spüre manchmal einen gewissen Druck, „liefern“ zu müssen. Ich muss zeigen, dass meine Arbeit das Geld wert ist. Zumindest ist das der Gedanke, der sich dann kurz in mir meldet.

All diese Gedanken haben bewirkt, dass ich mich mal wieder – und so soll es für mich auch immer wieder sein – mit meiner eigenen Haltung auseinandergesetzt habe.

Ich bin keine Therapeutin, die schnelle Antworten und Lösungen vorgibt. Und das entspricht ja nun auch ganz und gar nicht der Systemik. Von Anfang an verdeutliche ich, dass therapeutische Arbeit ein Prozess ist. Deshalb beginnt eine Zusammenarbeit bei mir auch erst ab vier Sitzungen.

Denn therapeutische Prozesse brauchen vor allem eines: Zeit und Geduld.

Und für die Frage: „Und was mache ich jetzt damit?“ gibt es kein Datum, an dem sich etwas zeigen muss. Keine klare Frist. Kein messbares Ergebnis, das abgehakt werden kann.

Bei näherer Betrachtung wurde mir wieder einmal bewusst: Im therapeutischen Setting hat Leistung nichts zu suchen.

Genau das habe ich noch einmal konkreter mit in meine Vorgespräche genommen und kommuniziert. Die Reaktionen waren überwiegend von Erleichterung geprägt.

Als Therapeutin fällt mir immer wieder auf, dass so vieles gemessen werden soll: Leistung, Erfolg, Entwicklung, Fortschritt. Auch im therapeutischen Kontext kann schnell der Wunsch entstehen, etwas vorzeigen zu können. Eine Lösung. Eine Veränderung. Einen nächsten Schritt.

Ich bin meinem eigenen Gespür sehr dankbar, dass diese Frage ein Störgefühl in mir ausgelöst hat. Denn so konnte ich mich noch einmal feiner ausjustieren.

Mein Fazit aus diesem kleinen inneren Prozess – und vielleicht auch das weiblich Systemische daran:

Die Einladung, ins Spüren zu kommen. Innezuhalten. Und wirken zu lassen.

Die Leerstelle als Herausforderung

Sarahs Beitrag hat mich zum Nachdenken angeregt. Auch ich habe in meiner Arbeit auf einer psychiatrischen Station einige Frauen begleitet, die aus meiner Sicht mit einer Leerstelle, vielleicht die Leerstelle „Frau“, in Kontakt kamen. Diese Frauen beschrieben Symptome wie Erschöpfung, innere Unruhe, Ängste vor der Zukunft und Schlaflosigkeit. Etwas näher zu ihrer Lebenssituation und ihrem Alltag gefragt schien dieser geprägt von den Rollen als Partnerin, Mutter und Versorgerin. Die Krise schien sich dann in unterschiedlichen Kontexten zu entwickeln: Sie erlebten eine Überforderung mit den Ansprüchen der Rollen, da sich die Umstände veränderten. Sie pflegten vielleicht zusätzlich Angehörige oder bemerkten, dass sie den Anforderungen aufgrund von alters- oder gesundheitsbedingten Veränderungen nicht mehr gerecht werden konnten. Oder Aufgaben fielen weg, Kinder zogen aus, Partner wurden von anderen gepflegt.

Besonders interessant für mich war, dass die Frauen, denen ich in diesem Kontext begegnete, hartnäckig nach einer medikamentösen Behandlung oder Umstellung verlangten. Es müsse doch ein Mittel geben, das die quälenden inneren Zustände lindere. Eigene Interessen und Wünsche zu explorieren und diese in ihr Umfeld zu tragen, schienen ihnen gar nicht in den Sinn zu kommen. Vorsichtig nach Möglichkeiten gefragt, stieß ich des Öfteren auf eine Mauer.

Ich fragte mich dann: Welche Nebenwirkung hat meine vermeintliche „Lösung“ für die Frauen. Welches Risiko bringt es vielleicht in ihrem Lebenskontext, wenn sie plötzlich mit einer Leerstelle in Kontakt kommen? Was passiert, wenn sie eigenes neben der Rolle als Versorgerin explorieren und möglicherweise auch noch dafür einstehen? Wie könnte das Umfeld reagieren und welche Bedeutung hat diese Reaktion für die Frauen? Welches Risiko birgt diese „Lösung“ vielleicht auch für ihr Selbstbild?

Sarah merkte dazu an, „wie früh viele Frauen lernen, sich über Rollen zu definieren, weil das Sicherheit gibt.“ Diese Sicherheit zumindest zum Teil aufzugeben und auch den Gewinn, den solche Rollen mit sich bringen, bringt vielleicht nicht nur in Kontakt mit einer Leere, sondern auch mit einem möglichen Verlust.

Doch wie gehe ich nun therapeutisch vor, wenn der Möglichkeitsraum zunächst begrenzt erscheint? Im Austausch mit meinen Kolleginnen entstanden folgende Ideen: Vielleicht gilt es erstmal, diese Leerstelle gemeinsam auszuhalten und zu würdigen, was bisher war und geleistet wurde. Auch wenn ich den Wunsch nach einer medikamentösen Behandlung reflexartig und sehr unsystemisch als „Widerstand“ einordnete, ist er möglicherweise Ausdruck einer Loyalität gegenüber einem bisher gut funktionierenden System und dessen Beziehungsmustern. Die Symptome könnten gleichzeitig die Grenze für das, was in diesem System unter bisherigen Bedingungen leistbar ist, markieren. Vielleicht kann ich hier dann vorsichtig explorieren, welche Risiken und Nebenwirkungen Veränderungen mit sich bringen und was es unbedingt an Sicherheiten zu erhalten gilt. Ich bin gespannt.

Wo ist eigentlich die Frau?

In einer Sitzung wollte eine Klientin mit mir ihre Rollen sortieren. Ganz schlicht: Welche Rollen prägen sie im Alltag am stärksten – und was macht das mit ihrem Selbstbild?

Sie hat ziemlich schnell zwei Rollen benannt, die für sie die wichtigsten sind: Partnerin und Mutter. Das erscheint auf den ersten Blick so selbstverständlich – zumindest ging es meiner Klientin so.

Wir sind dann weitergegangen: Wenn Partnerin und Mutter so zentral sind – wie entsteht daraus ein Selbstbild? Woran misst sie ihren Wert? Was bedeutet „ich mache es gut“? Und was passiert innerlich, wenn es nicht klappt, wenn sie müde ist, wenn sie genervt ist, wenn sie scheitert?

Ich saß dabei zunehmend irritiert da und habe mich gefragt: Wo bleibt sie? Sie als Frau? Nicht „Frau“ als Kategorie auf dem Papier, sondern als Identität, als etwas Eigenes. Wo ist das?

Genau das habe ich sie gefragt – und dann war da erstmal wenig. Eher eine Leerstelle. Kein klares Bild, keine Sprache dafür. Und dann wurde deutlich: Frausein kommt in ihrem inneren Rollen-Set kaum vor. Partnerin – ja. Mutter – ja. Aber Frau? Wenn überhaupt, dann sofort in Verbindung mit Erwartungen von außen oder in Beziehung zu jemand anderem.

Das Frausein an sich wird dabei merkwürdig unsichtbar – oder es wird auf Körper, Aussehen und Verhalten reduziert. Und wenn Frausein entweder an Erwartungen gekoppelt ist oder bewertet wird, ist es logisch, dass viele Frauen gar nicht selbstverständlich einen inneren Zugang dazu entwickeln, was Frausein für sie persönlich bedeutet. In vielen Biografien entsteht dadurch eine Art Verschiebung: Das Eigene bleibt vage, während die Rollen klar sind. Partnerin und Mutter haben Kontur, Regeln und Kriterien. „Frau“ dagegen wird entweder zur Hülle oder zur Aufgabe – aber nicht zu einem inneren Ort, an dem man sich selbst wirklich verorten kann.

Ich habe gemerkt, wie vertraut mir das ist: Dass viele von uns ziemlich genau gelernt haben, was eine Frau alles sein soll – aber kaum, was es bedeuten könnte, eine Frau als Individuum zu sein. Nicht als Funktion. Nicht als Rolle für andere. Sondern als Person mit einer eigenen Innenwelt, mit Bedürfnissen, Grenzen, Wünschen, mit einer eigenen Art, im Leben zu stehen.

So haben wir uns in der Sitzung der Rolle (wobei mir hier fraglich erscheint, ob es überhaupt als „Rolle“ zu bezeichnen ist) als Frau ganz individuell für die Klientin angenähert. In der Begleitung hatte ich schnell das Gefühl, dass sie sehr klar benennen konnte, wie eine Frau zu sein hat (gesellschaftlich, sozialisiert). Das war jedoch nichts, was die Klientin sich selbst zuschreiben würde. Und genau das wurde zu einem wichtigen Teil dieser Arbeit: Was für ein Bild wird von Frauen gezeichnet? Welche Erwartungen sind damit verbunden? Und: Will ich das überhaupt?

Alles, was sie als Zuschreibungen von außen wahrnahm, sammelten wir in einem äußeren Kreis. Dort landeten beispielsweise „Schönheitsideal entsprechen“, „unterordnen“, „schwaches Geschlecht“ und „nicht auffallen“. Für den inneren Kreis – wie sie sich als Frau sieht bzw. sehen möchte – brauchten wir deutlich mehr Zeit. Nach und nach konnten wir aber auf folgende Sammlung zurückblicken:

  • Verständnis für den eigenen Körper
  • eigene Sexualität
  • leidenschaftlich und sinnlich sein
  • frei machen von äußeren Erwartungen und Rollenzuschreibungen
  • unabhängig
  • selbstbewusst
  • selbstbestimmt

Und genau an dieser Stelle wurde für mich deutlich: Der äußere Kreis war schnell gefüllt. Der innere brauchte Zeit – und das war keine „Blockade“, sondern eher ein Hinweis darauf, wie wenig Raum es dafür bisher gab.

So nehme ich aus dieser Sitzung zwei Dinge mit.

Erstens: Wie schnell „Partnerin“ und „Mutter“ zu Identität werden können – und wie wenig Platz dann noch bleibt für ein Frausein, das nicht nur im Dienst für andere steht.

Und zweitens, ganz persönlich: Wie wenig selbstverständlich auch in meinem eigenen Leben der Satz war: Ich bin eine Frau. Punkt. Nicht im Zusammenhang. Nicht als Rolle. Sondern als etwas Eigenes.

Und ich glaube, das ist ein wichtiger Punkt, auch systemisch: Diese Leerstelle entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie hat mit Sozialisation zu tun, mit Beziehungserfahrungen, mit dem, was belohnt wurde und dem, was beschämt wurde. Und damit, wie früh viele Frauen lernen, sich über Rollen zu definieren, weil das Sicherheit gibt – während das Eigene oft diffus bleibt oder sogar riskant wirkt.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Arbeit: Nicht eine Definition zu liefern, sondern Klient*innen dabei zu begleiten, sauberer zu unterscheiden – was kommt von außen, was ist verinnerlicht, und was gehört eigentlich wirklich zu mir. Und dass diese Trennung oft nicht „im Kopf“ entschieden wird, sondern Zeit braucht, weil das Äußere sich so selbstverständlich anfühlt, als wäre es das Eigene.

Mit Adleraugen

In den systemischen Approbationskursen in denen ich als Lehrende tätig bin, nehme ich ein großes Interesse der Teilnehmenden an genderspezifischen (und generell an diversen) Blicken auf die Systemik wahr. Das Wenige, was ich an Wissen und an Zeit dafür zu bieten habe, würde ich gerne ergänzen durch Hinweise zum Eigenstudium. Und jetzt weiß ich, was ich zukünftig empfehlen werde: Die systemische Timeline von Tanja Kuhnert und Nikola Siller.

Die beiden haben Ende letzten Jahres das Buch Systemik, die – Feministische Perspektiven systemischer Theorie und Praxis herausgegeben und dort einen Teil dieser Timeline grafisch schön gestaltet in der Mitte des Buches präsentiert. Jetzt haben sie eine ausführliche Version in Tabellenform auf diesem Blog veröffentlicht.

In ihrem Buch weisen die Herausgeberinnen darauf hin, dass Geschichtserzählung je nach Beobachtendenperspektive bestimmte Ereignisse auswählt, also Interpunktionen vornimmt, die ein spezifisches Bild erzeugen sollen. Ihr Fokus ist auf weibliche Einflüsse auf die Entwicklung des systemischen Ansatzes und auf den Kontext dieser Entwicklungen gerichtet. Sie beginnen Mitte des 19. Jahrhunderts mit einigen Ereignissen, welche die Anfänge der Frauenbewegung markieren. In diesem Kontext sehen sie die Entstehung der sozialen Arbeit mit dem Fokus auf die Arbeit mit der ganzen Familie.

Im Kontext finden sich auch politische Ereignisse, die Tanja Kuhnert und Nikola Siller als bedeutsam ansehen für die Entwicklung von sozialer Arbeit, Beratung und Therapie, letztendlich bis hin zur Prägung des heutigen Standes in der Systemischen Therapie. Sie betonen die Subjektivität, die einem solchen Unterfangen zugrunde liegt, und laden dazu ein, Ergänzungen vorzunehmen. Wir dürfen gespannt sein, wie sich diese Timeline weiterentwickeln wird und auf welche Weise viele unterschiedliche Sichtweisen das daraus entstehende Bild verändern werden.

Was mir aufgefallen ist: Die „klassischen“ Erwähnungen fehlen. Zwar ist die Rede von Virginia Satir , von Lynn Hoffman, von einer Veröffentlichung der Mailänder Schule und davon, dass Margret Mead eine der beiden einzigen Frauen auf der ersten Macy-Konferenz war, doch es findet sich nichts über Gregory Bateson, die männlichen Mitglieder des Mental Research Institutes (MRI), Milton Erikson, Steve der Schazer und Imso Kim Berg oder Helm Stierlin. Heinz von Foerster und Ernst von Glasersfeld werden nur am Rande in Bezug auf ihre Flucht in die USA erwähnt. Luhmanns Artikel, in dem er das binäre Geschlechtsmodell hinterfragt, findet Eingang in die Zeittafel. Die üblichen Wissensbestände des systemischen Ansatzes bleiben unerwähnt. Nach einer anfänglichen inneren Reaktion von „Wo sind denn diese für die Entwicklung des systemischen Ansatzes wichtigen Personen und ihre Ideen?“ achte ich darauf, was für ein Bild dadurch bei mir entsteht. Es ist wie ein transparentes Blatt, das über ein anderes Blatt gelegt wird und dieses damit vervollständigt. Ich kann darüber fliegen und einen Adlerblick auf das Ganze werfen.

Bei den Angaben aus der jüngeren Zeit fallen mir zwei Veröffentlichungen auf, die ich gerne weiterempfehlen werde, weil sie ein Anfang sind, um die Lücke zu füllen, welche die Teilnehmenden der Approbationsausbildung beklagen: Christine Weinbachs Dissertation zu Systemtheorie und Gender von 2004 und das erste Buch über Kritisches weiß-Sein in der (systemischen) Beratung von 2022. Ansonsten gilt weiterhin, was ich den Teilnehmenden bisher gesagt habe: Fühlt euch gerne aufgerufen, die wahrgenommenen Lücken zu füllen.

Was hat die Systemische (Psycho-) Therapie zu bieten?

Ich bin nun schon das zweite Mal bei den Lindauer Psychotherapiewochen (eine traditionell psychodynamisch orientierte Tagung) gewesen und meine schon jetzt einen Unterschied zwischen diesem und letztem Jahr zu bemerken.

2023 war ich beim „Novizentreffen“ für Menschen, die das erste Mal in Lindau sind. Eine Kollegin meldete den vertretenen Veranstalter*innen zurück, dass unter den Hauptvorträgen auffallend wenig Frauen seien und stellte die Frage nach einer moderneren Besetzung. Es gab daraufhin bestätigende Rückmeldungen, aber auch die uns leider bekannten Argumentationslinien.

Positiv überrascht, konnte ich mich dieses Jahr in meinem gewählten Vortragsstrang auf eine diverse Zusammenstellung von Referent*innen freuen. Ein angenehmer Bonus war außerdem, die politische Komponente, die in vielen Vorträgen offen zur Sprache gebracht oder Teil des Themas war. Nichts mit therapeutischer Abstinenz, sondern es wurde zu einer Positionierung eingeladen bzw. sich deutlich positioniert.

Um eine Beispiele zu nennen:

Katharina van Bronswijk sprach zu psychologischen Implikationen des Klimawandels.

Amma Yeboah lud uns ein, uns mit Rassismus und Critical Whiteness in der Therapie auseinanderzusetzen.

Eran Rolnik wurde aus Tel Aviv zugeschaltet und sprach zur ganz unmittelbaren Einflussnahme des Krieges auf den therapeutischen Gestaltungsraum.

Heide Glaesmer referierte zu Unrechterfahrungen in der DDR am Beispiel der Heimerziehung.

Martin Schenk stellte am Beispiel des Bildes von „Brot und Rosen“ den möglichen Einfluss von Armutserfahrungen in der Kindheit auf die psychische Gesundheit aus.

Besonders berührten mich die Vorträge von Nasim Ghaffari und Hadiye Kücükkaragöz, die Unrechtserfahrungen im Iran und in der Türkei lebhaft und ganz konkret mit in den Tagungsraum brachten.

In den meisten dieser Vorträge wurde direkt oder subtil die Machtfrage gestellt und deutliche Unterschiede zwischen den Mächtigen und Ohnmächtigen gezeichnet. Immer wieder waren auch wir als Zuhörer*innen aufgefordert eigene Ressentiments und Positionierungen, die wir mit in die Therapie bringen, zu hinterfragen. Auffällig schien mir die teilweise konkret ausgesprochene Einladung der Referent*innen über den Tellerrand der intrapsychischen Dynamik hinauszuschauen und (gesellschaftliche) strukturelle Bedingungen als Akteur*innen in der Therapie Beachtung zu schenken.

Steckt da nicht eine systemische Grundhaltung drin?

Wir als systemisch Arbeitende wollen uns nicht nur mit den Gedanken, Gefühlen, Wünschen und Bedürfnissen unserer Klient*innen beschäftigen, sondern vor allem auch wie diese in Wechselwirkung mit allen möglichen Kontexten bzw. Umwelten stehen, in denen sich diese Person bewegt.

Als Neuling unter den sozialrechtlich anerkannten Psychotherapieverfahren könnte die systemische Therapie hier einen wesentlichen Beitrag zur Theoriebildung und Praxis leisten sowie (auch aus einer Machtperspektive) mehr Raum im psychotherapeutischen Feld einnehmen.

Eine Voraussetzung dafür ist meiner Meinung nach die Aufgabe der Vorstellung von systemischer Therapie als politikfreien Raum. Im Austausch mit Fachkolleg*innen entsteht bisweilen der Eindruck, dass wir unsere systemische Arbeit außerhalb gesellschaftlicher Strukturen sowie deren Machtdynamiken verorten und diese unabhängig davon stattfindet. Das ist ein Trugschluss!

Wir sollten uns mit unserem eigenen Eingebundensein in Gesellschaft und Politik und das Eingebundensein unser Klient*innen auseinandersetzen. Neben der Erweiterung unseres Wirklichkeits- und Möglichkeitsraums in der therapeutischen Arbeit erscheint mir gerade die systemische Therapie dafür geeignet, die Machtfrage theoretisch fundiert in die Psychotherapie einzuführen.

In der systemische Fachliteratur werden dazu schon spannende Ideen diskutiert, siehe z.B.:

Martina Masurek: Die Idee der Gleichgültigkeit im systemischen Arbeiten (systeme, 2023)

Ilja Gold und Jessi Mmari: Macht- und Rassismuskritik als Querschnittsaufgabe für die systemische Praxis (Familiendynamik, 2024)

Marlen Gnerlich und Anne Gemeinhardt: Soziale Unterschiede, die einen Unterschied machen Zur Bedeutung von Klassismus in systemischen Beratungskontexten (systeme, 2021)

Anstrengend sein

In meiner therapeutischen Arbeit spreche ich mit meinen Klient*innen oft über Wut. In den Gesprächen mit Frauen geht es meistens darum, diese Emotion überhaupt anzuerkennen und in das Selbstbild zu integrieren. Oft wird Wut negativ bewertet, als unangenehm markiert. Andere könnten mit Abgrenzung und Abwertung reagieren, deswegen wird der Ärger eher unterdrückt oder geschluckt, anstatt ihn als Hinweis für die eigenen Grenzen zu interpretieren.

Dabei kann weibliche Wut aus Unterdrückung, Ungerechtigkeit oder Diskriminierung resultieren und hat die Kraft, diese Strukturen aufzubrechen und zu verändern. Gleichzeitig oder gerade deswegen gelten wütende Frauen als abstoßend, dramatisch, nicht weiblich und verrückt. Wütende Frauen sind hässliche Frauen. Wütende Frauen werden als weniger kompetent eingeschätzt.

Auch ich habe sowohl in privaten als auch beruflichen Beziehungen die Erfahrung gemacht, dass mein geäußerter Ärger, z.B. nur in Form einer kritischen Rückmeldung, in manchen Kontexten bagatellisiert, lächerlich gemacht, pathologisiert bzw. mir meine Wahrnehmung abgesprochen wird. Dabei scheinen die Strategien einem bestimmten Muster zu folgen. Angesprochene Personen fokussieren auf die Emotion, die transportiert wird, und gehen nicht auf inhaltliche Komponenten ein. Gleichzeitig wird der Vorwurf zurückgegeben, dass der gewählte Ton nicht angemessen sei. Damit tauschen sich plötzlich die Rollen zwischen der kritisierenden und kritisierten Person. Das verwirrt und macht zunächst sprachlos. Bleibe ich dann mit meiner inhaltlichen Position hartnäckig, gelte ich schnell als anstrengend und erschöpfend.

Und wieder drängt sich die kollektive Erfahrung von Frauen und anderen marginalisierten Gruppen auf, die sich einfach nur in andere Worte als noch vor 100 Jahren kleidet. Wir sind eben nicht mehr hysterisch, sondern zu emotional und anstrengend. Ein klassisches Ablenkungsmanöver von berechtigter Kritik.

Auch oder gerade im systemischen Kontext mache ich diese Erfahrung. Unmut zu äußern scheint an sich schon verpönt, nicht Ressourcen- und Lösungsorientiert genug. Kritik trifft auf Rechtfertigungen und vermeintlich neutrale Äußerungen, die sich letztlich doch als Positionierungen lesen lassen. Nämlich für einen Status quo, der von strukturell verankerter Ignoranz von bestimmten Stimmen profitiert.

Aus systemischer Perspektive könnte ich mich nun fragen, worum geht es eigentlich? Was steckt hinter den Positionen, die schnell sehr vehement vertreten werden? Ein als besonders stark interpretierter Gefühlsausdruck, deutliche, wütende Worte können möglicherweise Ausdruck für eine ganze Kette von Unterdrückungserfahrungen stehen, die sich in diesem Moment entladen. Vielleicht wurde vorher schon so viel nicht gehört, dass die einzige Option ein Aufstampfen und Aufschreien zu sein scheint.

Und wozu könnte die Bagatellisierung und Rollenumkehr dienen? Machterhalt wäre meine Hypothese. Denn: Ist Macht das, was Frauen wollen? […] Die Frage […] lässt zudem den Gedanken aufkommen, dass die Untergebenen sich ebenfalls nach Macht sehnen könnten, und das löst damit bei Männern Angst und Bestürzung und bei Frauen Angst und Verlegenheit aus.“ (T.J. Goodrich)

In einem solchen Ringen um Gestaltungsfreiraum und Deutungshoheit lässt es sich schön festbeißen und abarbeiten. Denn wie in Goodrichs Zitat werden bei allen Beteiligten verschiedene verinnerlichte Muster (sexistische wie natürlich auch anderer biografisch und kontextbezogene Wechselwirkungen) mit dazugehörigen Gefühlen und Abwehr aktiviert. Das strengt an und bei fehlender Reflexion dieser Mechanismen aller Beteiligten, ist der Weg zu einer konstruktiven Betrachtung zunächst versperrt.

Wie navigiere ich also am besten in dieser Gemengelage? Ich denke es ist wichtig, Positionen klar zu vertreten, hartnäckig und unbequem zu sein. Doch wenn ich merke, dass sich ein Teil von mir dazu eingeladen fühlt, in dieser (natürlich zirkulär funktionierenden) Dynamik in die Rolle zu rutschen, die mir zugeschrieben wird, trete ich einen Schritt zurück.
Ich distanziere mich also, beobachte den Prozess und wäge die Optionen ab. Wenn ich mit dem gleichen nicht weitergekommen bin, dann sollte ich im systemischen Sinne etwas anderes probieren. Für mich heißt das manchmal, an anderer Stelle weiterzumachen, die mir beweglicher erscheint. Manchmal heißt es für mich auch, klare Konsequenzen zu ziehen und die Beziehungen auf andere Weise zu gestalten.
Denn auch wenn ich kein Gehör finde, muss ich mich nicht mit dem Status quo zufriedengeben und die Gewalt, die darin steckt, akzeptieren. Ich erlaube mir, meine Grenzen zu setzen und versuche darauf zu pfeifen, dass mich mein Gegenüber für anstrengend und schwierig hält.

Inspiriert auch durch: https://www.emotion.de/leben-arbeit/weibliche-wut

Feminismus in der Familientherapie Teil 2

Auf der Suche nach kritischer Auseinandersetzung mit systemischen Konzepten bin ich auf zwei interessante Bücher gestoßen, die ich als emanzipatorische Praxis innerhalb der systemischen Therapie und Beratung interpretiere.

Zunächst habe ich „Feministische Familientherapie in Theorie und Praxis“ von McGoldrick, Anderson und Walsh (Hrsg., 1991) vorgestellt und möchte nun auch auf „Frauen und Macht“ von Thelma Jean Goodrich (Hrsg., 1994) verweisen.

Während des Lesens bemerkte ich wieder eine deutliche Aufregung: Wir sind nicht die ersten! Feministische Praxis in der Familientherapie ist nichts Neues und hat ihren Anfang auch sicher nicht erst in den 1990ern genommen. Die Autorinnen der Beiträge beschäftigen sich mit einem vermeintlich unbequemen Thema: Macht. Dabei setzen sie sich im ersten Teil mit Erscheinungsformen, Bedeutungen und Auswirkungen von Macht in einem patriarchalen System auseinander. Es folgen Ausführungen zu „weiblichen“ und „männlichen“ Zugängen zu Macht, Problemkomplexen und Ansätzen in der klinischen Praxis sowie den Auswirkungen auf die persönliche systemische Praxis.

Für einen konkreten Einblick möchte ich einige Autorinnen selbst zu Wort kommen lassen:

„Ist Macht das, was Frauen wollen? […] Die Frage ist nicht nur peinlich, sondern lässt zudem den Gedanken aufkommen, dass die Untergebenen sich ebenfalls nach Macht sehnen könnten, und das löst damit bei Männern Angst und Bestürzung und bei Frauen Angst und Verlegenheit aus.“ (T.J. Goodrich)

„Wir dürfen nicht dem Irrtum verfallen, einer Frau zu helfen, ihre persönlichen Möglichkeiten stärker einzufordern und wahrzunehmen, sei dasselbe, wie ihr zu helfen Macht zu besitzen. […] Ich halte es für unumgänglich, meine Arbeit mit meinen Klientinnen im Kontext einer patriarchalen Gesellschaft zu sehen und Therapie nicht mit einer Veränderung des Kontexts selbst zu verwechseln. […] Wenn ich den patriarchalen Kontext so verändern will, dass Frauen effektiv Macht besitzen […], muss ich mich außerhalb der Therapie politisch betätigen.“ (J.M. Avis)

„Es scheint klar, dass sich eine Gruppe, die sich als dominanter Teil der Gesellschaft herausgebildet hat, kein Interesse daran hat, ihre Fähigkeiten zur Ermächtigung anderer weiterzuentwickeln. Eine solche Gruppe würde vielleicht nicht einmal zugeben, dass es diese Möglichkeit überhaupt gibt. Aber es gibt sie. Frauen und einige Männer praktizieren sie seit Jahrtausenden. Vor uns liegt die Aufgabe, Wege zu finden, um diese wertvolle Fähigkeit in eine wechselseitig bereichernde Aktivität zu verwandeln“. (J.B. Miller)

„Das angebliche Leiden der Co-Abhängigkeit brandmarkt Frauen als krankhaft, weil sie genau die Züge aufweisen, die von der Gesellschaft als angemessenes weibliches Verhalten eingestuft werden. Da Frauen in diesem Kulturkreis dazu erzogen werden zu glauben, dass es richtig ist, im Dienste anderer zu leben und falsch selbst im Zentrum ihres Lebens zu stehen, ist es wohl kaum fair, ihnen jetzt zu sagen, dass sie krank seien, weil sie genau das tun, was ihnen antrainiert wurde.“ (C. Rampage)

„Nur wenn der Therapeut oder die Therapeutin die wirtschaftlichen, politischen, sozialen und biologischen Zwänge, denen das Leben und Verhalten von Frauen unterliegen, wirklich versteht, kann er oder sie ermächtigend wirken.“ (J.M. Avis)

„Wenn Ehetherapie es versäumt, den wirtschaftlichen Kontext der Ehe und ihr Machtgefüge zu ergründen, lässt sie einen wesentlichen Punkt außer Acht, denn dieser bestimmt das Recht, die Bedingungen der Partnerschaft auszuhandeln und die Freiheit, die Beziehung notfalls zu beenden.“ (M. McGoldrick)

„Ich hoffe, dass die Familientherapie zu einer Kraft werden kann, die Männern und Frauen mehr Raum gibt für ihre eigene Art, sich mit ihrem Lebenspartner und ihren Freunden verbunden zu fühlen, wie auch mit ihrer Arbeit, der Gemeinschaft, in der sie leben, und anderen Generation umzugehen.“ (M. McGoldrick)

Narrative, die in uns wirken

In den letzten Jahren sehen wir uns stark verbreiteten, aggressiven Narrativen ausgesetzt, die feministische, linke, grüne, diverse … – fortschrittliche – Ziele und Auffassungen an den Pranger stellen und über Skandalisierungen hohe Empörungswellen dagegen erzeugen. Weibliche Perspektiven stehen besonders im Fokus der „Anti-Diskurse“. Wenn z.B. gegen das Gendern von Sprache gehetzt wird, spricht das nicht nur die eigene rechte „Blase“ an, sondern die entsprechenden Diskurse sickern bei Menschen aus vielen Milieus ein, die das Gendern irritiert oder herausfordert. Immer häufiger reproduzieren Menschen aus liberalen Milieus rechte Narrative, ohne zu merken, woher sie stammen. So werden z.B. grüne Politiker_innen als „ideologiegeleitet“ bezeichnet, demgegenüber man die „Realität“ oder die „Fakten“ behaupten müsse. Zu diesen Positionen könnte man inhaltlich vieles sagen. Worum es mir aber geht, ist mein Erschrecken darüber, wie unbemerkt, wie hoch wirksam und wie weitgehend die Verbreitung dieser Narrative ist. Und natürlich geht es auch um die Frage, welche Strategien wir gerade aus weiblicher Perspektive dagegen entwickeln können.

Der Literaturwissenschaftler Peter Brooks sprach in den 1980-er-Jahren vom „Narrare ergo sum.“ Heute ist der „narrative turn“ in vielen Bereichen angekommen. „Storytelling“ gilt als erfolgreiche Strategie der Beeinflussung.

 „… wissen, in welchen Formen, durch welche Kanäle und entlang welcher Diskurse die Macht es schafft, bis in die winzigsten und individuellsten Verhaltensweisen vorzudringen …“* – Das war die Frage, die Michel Foucault Anfang der siebziger Jahre durch sein Werk „Sexualität und Wahrheit“ leitete. Er zeigte darin, dass Sexualität mitnichten, wie oft angenommen, ausschließlich tabuisiert wurde, sondern dass eine „Diskursivisierung des Sex“ stattfand, über die sich Ideologien quasi unsichtbar und unbemerkt in den Individuen tief verankern.

Der systemische Ansatz greift u.a. auf den sozialen Konstruktionismus und auf den narrativen Ansatz zurück. Demnach entsteht Wissen in Beziehungen innerhalb kultureller und historischer Kontexte, über Texte und Geschichten. Der Blick auf den Kontext der Individuen muss daher die Eingebundenheit der Einzelnen in Kultur und Gesellschaft einschließen. Der kulturelle Kontext legt fest, was akzeptable, erzählbare Geschichten sind. Erfahrungen werden eingeordnet und mit Bedeutung versehen. Für unterschiedliche Gruppen ist Unterschiedliches gültig (richtig-falsch, gut-schlecht). Daher ist nicht die passende Beschreibung, sondern die Koordination vieler gleichwertiger Beschreibungen wichtig.

Mit einem systemischen Blick (in Beratung und im Alltag) zu agieren heißt, die vertraute Art, die Wirklichkeit zu sehen, unvertraut machen, Narrative zu dekonstruieren und zu verflüssigen. Der weibliche Blick auf dominante männliche Narrative kann helfen, Unterschiede (Differenzen) überhaupt wahrzunehmen, wachsam dafür zu bleiben, auf die Konstruktion dieser Narrative hinzuweisen und alternative Narrative dagegen zu setzen.

* Foucault, Michel: Sexualität und Wahrheit. Bd I. Der Wille zum Wissen. Frankfurt a.M. 1988. 2. Auflage. S. 21

Die weibliche Seite – Was ist das eigentlich?

Während unserer Redaktionssitzungen sprechen wir immer wieder darüber, was das Weibliche in unserer Überschrift eigentlich ausmacht und wen wir damit ansprechen wollen. Dabei vertreten wir vier unterschiedliche Standpunkte, die sich überschneiden, aber auch stellenweise auseinander gehen. Wir wollen uns transparent damit auseindersetzen und dabei in systemischer Manier erstmal vor allem Fragen stellen, um im Verlauf möglicherweise eine vorläufige Antwort zu finden. Außerdem möchten wir euch als Leser*innen herzlich einladen, eure Gedanken zum Thema in Kommentaren oder eigenen Beiträgen zu teilen.

Ich persönlich bin bzgl. der Überschrift immer wieder im inneren Konflikt. In meiner eigenen politischen Entwicklung war es für mich wesentlich, mich als Frau zu erkennen und zu identifizieren. Das Erkennen der mit dieser Identität einhergehenden strukturellen Benachteiligung war ein schmerzhafter und zugleich bestärkender der Prozess, der mich immer wieder dazu befähigt, Geschehnisse aus einer weiteren Perspektive wahrzunehmen und vermeintlich in Stein gemeißeltes zu hinterfragen. Dadurch ist es für mich wichtig, dem Weiblichen in Domänen, in denen vor allem Männliches unterschiedliche Räume dominiert, Raum zu erkämpfen und diesen auch zu nutzen.

Gleichzeitig frage ich mich immer wieder: Wie kann ich aus einer weiblichen Perspektive schreiben und agieren, ohne zu Recht hinterfragte Schubladen und Stereotype zu bedienen? Was ist überhaupt meine persönliche weibliche Perspektive? Reicht es aus Frauen, die Möglichkeit zu geben, sich auszudrücken oder sollten wir uns immer wieder die weibliche Brille zu eigen machen und aus dieser schreiben?

Weiterhin muss diesem Kontext auch die suggerierte Binarität der Kategorien weiblich und männlich hinterfragt werden. Dabei befinden wir uns in einem, sicherlich aus anderen emanzipatorischen Zusammenhängen bekannten, Konflikt. Um bisher scheinbar Unsichtbares sichtbar zu machen, müssen (erzwungene) Zugehörigkeiten benannt werden, die eigentlich aufgelöst werden wollen. Gleichzeitig werden dabei Identitäten, die in dieser normativen Logik keinen Platz haben vernachlässigt, auch wenn die Binarität als soziale Konstruktion markiert wird.

Eine interessante Perspektive nimmt dazu das Feministische Streikbündnis Leipzig ein, die sich maßgeblich an der Streikorganisation für den 8. März beteiligen. Kämpfe gegen das Patriachat sowie das Sichtbar-machen verschiedener, sich teilweise überschneidender Unterdrückungsformen werden laut Selbstverständnis aus einem intersektionalen Verständnis heraus und unter dem Namen „Feministischer Kampftag“ vereint und organisiert. Dabei stehen FlINTA* (Frauen, Lesben, Inter, Nicht-binäre, Trans und Agender Personen) im Vordergrund und die bewusste Abkehr von einem Feminismus, der sich auf das Bestärken einzelner Personen bezieht, um einer Spaltung entgehen zu wirken.

Die Entwicklung vom „Frauenkampftag“ zum „Feministischen Kampftag“ war möglicherweise mit ähnlichen Denkprozessen wie den unseren verbunden. Was von diesem Verständnis könnten bzw. sollten wir für unser eigenes Schaffen in der systemischen Welt nutzen?

Wir freuen uns über eure Kommentare und Beiträge.

Ergänzung: Im aktuellen Missy-Magazine (online hinter einer Paywall) wird in einem Essay die Geschichte des Akronyms FLINTA beschrieben und ausgeführt wer eigentlich für welchen Buchstaben wie gekämpft hat und welche Abnutzungserscheinungen sich im Mainstream zeigen.