Die Kraft von ‚Dümpelsitzungen‘

Ich sehe mich noch heute, als wäre es gestern gewesen, in meiner Weiterbildung im Seminar „Paartherapie“ sitzen. Der Trainer stellte einen detaillierten Ablauf für aufeinander aufbauende Sitzungen vor – von der ersten bis zur zehnten – vollgepackt mit Methoden.

„Als Klientin wäre ich vollkommen erschlagen und mir wäre das zu viel“, dachte ich und äußerte dies auch gegenüber dem Trainer. „Ist es nicht auch wichtig, Gespräche zu führen, indem wir zuhören und Raum geben?“, fügte ich hinzu.

Seine Antwort lautete: „Das kann man machen, aber das sind dann Dümpelsitzungen.“

Diese Bemerkung irritierte und verunsicherte mich, denn genau so hatte ich bis dahin mit meinen Klient*innen gearbeitet.

Auch in meiner Arbeit mit Studierenden begegne ich oft dem Wunsch, möglichst viele Methoden zu erlernen, fast als ob die Anzahl der Techniken ein Maßstab für Kompetenz wäre. Doch die bloße Kenntnis vieler Methoden macht noch lange keine kompetente Beratungsperson aus. Viel wichtiger sind grundlegende Fähigkeiten wie aktives Zuhören und das Schaffen von Stille und Raum in Gesprächen. Diese Techniken erscheinen auf den ersten Blick simpel, erfordern jedoch Übung und Hingabe, um sie wirklich effektiv anzuwenden.

Es ist oft überraschend, wie wenig Beachtung diesen essentiellen Fähigkeiten geschenkt wird, obwohl sie den Kern einer erfolgreichen therapeutischen Arbeit ausmachen. Wirklich hinhören und präsent sein ist eine Kunst, die weit über das bloße Anwenden von Techniken hinausgeht.

Die Anzahl der Methoden und Techniken, die wir in unserem Repertoire haben, sagt noch lange nichts über unsere Kompetenz und vor allem nichts über unsere Empathie, unser Feingefühl und unsere Intuition aus. Es geht darum, Methoden und Interventionen gezielt einzusetzen, um das System in Bewegung zu bringen und neue Perspektiven aufzuzeigen – aber eben mit Bedacht und nicht unentwegt. 

Gerade die wichtigsten und wertvollsten Methoden sind das aufmerksame Zuhören, das Geben von Raum, das Zurücknehmen der eigenen Person sowie das Schaffen einer beruhigenden und sicheren Atmosphäre. Diese Qualitäten, die oft als „weiblich“ angesehen werden, spielen eine zentrale Rolle in meiner Arbeit. Sie schaffen eine Atmosphäre des Vertrauens, die für die therapeutische Beziehung essentiell ist.

Heute kann ich sagen: „Dümpelsitzungen“ sind mein wichtigstes Werkzeug! Denn daraus entstehen vertrauensvolle und sichere Arbeitsbeziehungen. Und nicht, indem ich meine Klient*innen von einer Methode zur nächsten jage.

Gerade in einer Zeit, in der Effizienz und Produktivität hoch im Kurs stehen, ist es wichtig, auch die „weibliche Seite“ der Systemik zu betonen – die Seite, die für Achtsamkeit, Empathie und das Schaffen eines sicheren Raumes steht. Diese Elemente sind nicht nur Methoden, sondern Ausdruck einer Haltung, die in der therapeutischen Arbeit von unschätzbarem Wert ist.

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Weiblicher Blick in der Beratung

Worauf schaue ich zuerst, wenn ich als Beraterin eine Sitzung beginne? Sehen Männer dasselbe? Was schießt mir durch den Kopf? Will ich das gerade sehen oder hindert es mich womöglich, mich auf das zu konzentrieren, was ich mir vorgenommen habe? Und wie lasse ich das, was ich da wahrnehme, in die Beratung einfließen – oder auch nicht? Was davon kann sehr wichtig für den Beratungsprozess sein? Nehme ich meine Wahrnehmungen ernst genug, um das einfließen zu lassen?
Welche Erfahrungen habt ihr in Bezug auf die Einbeziehung eurer Beobachtungen und Wahrnehmungen in der Beratung gemacht?