Vier Frauen – Eine Frage

In diesem Format wollen wir uns alle vier mit einem Thema oder einer Frage beschäftigen und unabhängig voneinander unsere Gedanken aufschreiben. Im letzten Redaktionstreff tauchte dann die Frage auf:

Warum schreiben Frauen eigentliche keine Gastbeiträge?

Gila

  • Sie haben so viel anderes zu tun. Sie sind mit Arbeit und Familie – also mit Geldverdienen und sehr viel Care-Arbeit – beschäftigt. Das erscheint ihnen wichtiger. Deshalb fehlen ihnen auch Ideen für Beiträge: Sie sind im Tun.
  • Sie halten ihre Beiträge nicht für so wertvoll oder bedeutsam, dass sie andere interessieren könnten. Und dann denken sie noch, dass es bestimmt auch nicht gut werden würde, wenn sie etwas schreiben. Sie denken, sie müssten dafür sehr viel recherchieren und lesen, damit es wirklich gut wird, und dafür haben sie keine Zeit.
  • Ihnen fehlt ein gewisses Maß an Eitelkeit, das ihnen sagen würde: „Schau mal, was du da Interessantes und Kluges für die anderen zur Verfügung stellen kannst.“
  • Sie wollen nicht, dass ihre Gedanken öffentlich werden und sie sich damit womöglich angreifbar machen. Gerade Frauen werden so oft im Internet bzw. auf social media aufs übelste angegriffen, dass es sehr vernünftig erscheint, sich davor zu schützen und die eigenen Positionen bzw. Diskussionsbeiträge lieber in weniger öffentlichen Kanälen darzustellen.

Tanja

Ich weiß nicht, wie viele Gespräche ich schon geführt habe mit Frauen und weiblich sozialisierten Personen[1], die interessante Dinge zu erzählen hätten, tolle Berater*innen/Therapeut*innen sind, aber auch auf Nachfrage hin, sich nicht als schreibende Person sehen.

Auch, wenn es heute zahlreiche Frauen* gibt, die auch Fachartikel und Fachbücher schreiben, als Wissenschaftler*innen und Professor*innen tätig sind und forschen.
So ist das immer noch weit verbreitete Bild, dass Männer ernster genommen werden, wenn sie schreiben als Frauen*.

Es geht sogar so weit, dass Frauen* auch zugeschrieben wird, zu blumig, zu praxisorientiert zu unwissenschaftlich zu schreiben; und zwar sowohl von Männern als auch von Frauen* selbst. Nicht wissenschaftlich genug? Ich selbst bin lange Zeit mit mir hart ins Gericht gegangen und hatte das Selbstbild nicht schreiben zu können. Auch heute beschleicht mich noch manchmal das Gefühlt, nicht wissenschaftlich fundiert genug zu schreiben. Erst zuletzt in einem Gespräch mit einem Kollegen, der Professor ist, habe ich selbst an mir angezweifelt. Das ist verrückt, da ich mittlerweile häufig schreibe….

Aber ich kann mich noch an meine ersten Schreib-Schritte in der Fachwelt erinnern. Ich habe mit so starken Selbstzweifeln gekämpft, dass ich manches Mal psychisch sehr angeschlagen war. Wobei sich in mir eher das kleine Arbeiter*innenkind gemeldet hat, was es eine Anmaßung fand, dass ich denke, etwas zu sagen zu haben.

Und genau, das ist der Punkt: Wer hat etwas zu sagen? Wem wird zugeschrieben etwas zu sagen zu haben? Wer nimmt sich den Raum etwas sagen zu wollen?

Mensch muss auch eine gewisse Coolness entwickeln, wenn man schreiben möchte. Natürlich werden nicht alle toll finden, was ich da zu Papier bringe. Es wird Kritiker*innen geben. Machtspiele sind vorprogrammiert. Tatsächlich muss mir das egal sein können. Mittlerweile schreibe und lektoriere ich Text von anderen Personen. Ich kann verraten: viele auch sehr bekannte Persönlichkeiten, die sehr viel publiziert haben, können eigentlich nicht gut schreiben. Sie benötigen Personen, die ihre Texte zu lesefähigen Produkten machen. Auch Menschen mit Doktortitel und Professuren bekommen Ablehnungen, wenn Sie Skripte einreichen. Das gehört tatsächlich dazu.

Wenn wir möchten, dass Fachdiskurse vielfältiger werden, müssen wir alle einen Beitrag dazu leisten. Der Satz „Wer schreibt der bleibt!“ stimmt leider. Nur was geschrieben, oder auf andere Art und Weise technisch vervielfältigt wurde, bleibt und kann Zugänge eröffnen. 

Wer schreiben möchte, sollte sich Unterstützung suchen. Kolleg*innen, die Erfahrung haben und beratend zu Seite stehen können. Kolleg*innen, denen es ähnlich geht, um sich gegenseitig zu unterstützen. Es kann hilfreich sein, mit kleineren Projekten zu beginnen, z. B. einer Buchrezension. Auch ein Schreib-Coaching kann hilfreich sein. Auf jeden Fall darf man sich nicht entmutigen lassen.

[1] Hiermit beziehe ich ganz bewusst Personen ein, die weiblich sozialisiert sind, sich aber nicht als weibliche, als Frau definieren, sondern sich selbst eine andere Geschlechtsidentität zuschreiben. Im Folgenden verwende ich zur Beschreibung entweder das Gender-Sternchen oder Frauen* als Benennung aller weiblich sozialisierten Personen.

Sarah

Ich glaube, dass in den wenigsten Fällen tatsächlich zu wenig Zeit oder gar fehlendes Interesse die Gründe sind.

Die ersten Reaktionen auf Anfragen waren vielmehr geprägt von Unsicherheit und fehlendem Vertrauen. In unseren Köpfen – also in denen vieler Frauen* – scheint immer noch stark verankert zu sein, dass man Rang und Namen braucht, um sich öffentlich äußern zu dürfen.

Wahrscheinlich spielt auch eine Rolle, dass Frauen* gelernt haben – und ich denke, mitunter immer noch lernen – sich zurückzuhalten und anderen die Bühne zu überlassen. Wie viele Frauen werden noch immer in öffentlichen Debatten von Männern unterbrochen? Von privaten Gesprächen ganz zu schweigen. Und wie viele Frauen* verleihen (wie ich finde) dieser Respektlosigkeit Ausdruck?

Vielmehr beobachte ich, wie häufig Frauen die stillen und aufmerksamen Zuhörerinnen* sind und nur äußerst selten ein Gespräch unterbrechen. Vielleicht stecken wir Frauen* noch zu oft in dieser sozialisierten Rolle fest.

Denn bekommen wir nicht schon allzu früh in unserem Leben gesagt, dass es unhöflich sei, zu unterbrechen? Scheinbar gilt das jedoch nur für uns Frauen*.

Frauen haben Scham, sich mit ihrer Perspektive zu zeigen – und dass, obwohl sie häufig sogar die Expertise haben.

Da ist die Sorge, dass die eigene Meinung nicht fachlich fundiert genug sei und deshalb besser gar nicht ausgesprochen werden sollte.

Der Gedanke, dass das, was man denkt, nicht wichtig genug sei, keinen „Mehrwert“ bietet oder ohnehin niemanden interessiere.

Hinzu kommen fehlendes Zutrauen und Vertrauen in die eigene Stimme, die Gewohnheit, sich eher zurückzuhalten und anderen die Bühne zu überlassen, sowie die Angst vor Be- und Verurteilung.

Anmerkung der Autorin:

Mit der Verwendung des Begriffs „Männer“ sind nicht einzelne Personen gemeint, sondern gesellschaftliche Muster und Strukturen, die durch Sozialisation entstehen.

Anne

„Wenn dann mache ich es richtig.“

Ich habe seit der Entstehung des Blogs einige Frauen in unterschiedlichen Kontexten gefragt oder ermutigt, einen Gastbeitrag zu verfassen. Keine davon hat bisher etwas geschrieben. Für den jetzigen Beitrag habe ich vier Freundinnen und Kolleginnen gefragt, was sie davon abhält.

Überrascht war ich, als mir eine Freundin und Kollegin von der Befürchtung berichtete, ihre Ansichten könnten nicht in den Blog passen, diese dafür nicht feministisch genug seien. Geprägt sei die Unsicherheit von einer strikten Art von Feminismus, in dem nur eine bestimmte Meinung in einem sehr engen Rahmen zähle und es weniger ein Austausch unterschiedlicher Ideen vor einer ähnlichen Grundhaltung sei. Diese Art von Feminismus unterstelle sie uns nicht unbedingt, trotzdem bleibe eine gewisse Unsicherheit darüber, dass die anderen Redakteurinnen und/oder die Leser*innenschaft den Text ablehnen könnten. Schade, dachte ich, denn genau aus diesem Grund würde mich ihr Beitrag besonders interessieren. Gleichzeitig meine ich zu wissen, was sie meint, da ich mich sowohl von Zeit zu Zeit bzgl. bestimmter Themen ebenso strikt erlebe als auch bestimmte Gedanken aus eben diesem Grund nur in bestimmter Gesellschaft ausspreche.

Eine andere Kollegin erzählte, sie erlebe ihren beruflichen und privaten Alltag als so dicht getaktet, dass sie nur am Abarbeiten sei. So könnten wenig Zeiten für Muße entstehen, und die bräuchte es dringend für einen Beitrag. Sie frage sich auch immer wieder „Wie viel will ich schaffen? Wie viel kann ich schaffen?“ und „Was hat Priorität?“. Letztere Frage beantwortet eine dritte Freundin eher mit „etwas anderes“. Sie befürchte nämlich, durch die Arbeit an einem Beitrag für den Blog, der ihr ohne Zweifel Freude bringen würde, andere Dinge zu vernachlässigen, die aktuell Priorität haben müssten.

Die vierte Freundin reichte mir den Titel meines Beitrags dazu: „Wenn dann mache ich es richtig.“ Sie gehe davon aus, dass sie Arbeit reinstecken müsse, damit es für andere Menschen interessant sei. In dem anschließenden Gespräch waren wir uns in unserem Neid auf Kollegen einig, die uns in diesem Zusammenhang einfielen, die einfach Dinge ohne große Vorbereitung tun oder tun lassen und damit Menschen offensichtlich begeistern können.

Diese Gespräche beschäftigen mich noch weiter. Versuche ich, die Unsicherheit herauszurechnen, dann bleibt vor allem Respekt vor den Kolleginnen, die Dinge ordentlich tun und die nötige Arbeit in ihre Projekte stecken wollen. Sie wollen einen Mehrwert kreieren, sich Zeit für Muße nehmen und andere wichtige Dinge dafür nicht vernachlässigen. Das weiß ich zu schätzen und fühle mich eingeladen, geduldig und gespannt auf das zu sein, was vielleicht noch kommt.


„Wohnen“ von Doris Dörrie systemisch betrachtet

„Wohnen“ – ein dünnes Buch mit viel Inhalt, was mich zum Schmunzeln, aber vor allem zum Nachdenken gebracht hat. 

Doris Dörrie gelingt es, aus dem Alltäglichen – einer Wohnung, einer Küche, einem Raum – Fragen zu machen, die viel größer sind als die Räume selbst. 

Wohnen – das ist nicht nur ein Dach über dem Kopf, eine bestimmte Adresse oder eine Einrichtung. Wohnen heißt auch, wie wir uns innerlich einrichten. Welche Rollen wir einnehmen. Welche Freiheiten wir uns zugestehen. Und welche Sehnsüchte uns begleiten.

Besonders nachdrücklich ist mir Dörries Beschreibung im Kopf geblieben, wie sie lange Zeit die Küche gemieden hat. Ich habe sofort gespürt, was sie meint. Auch bei mir gibt es diesen inneren Widerstand – als wäre die Küche der Ort, an dem Feminismus und Emanzipation enden. Als müsste ich, wenn ich mich dort aufhalte, eine Rolle erfüllen, in die ich auf keinen Fall mehr gezwungen werden will. Fast so, als sei Kochen nicht einfach eine Tätigkeit, sondern ein Symbol: dafür, wie Frauen über Generationen hinweg unsichtbar, zuständig und selbstverständlich verfügbar waren.

Die Küche gilt bis heute als der Raum der Frauen. Doch gerade darin liegt ein Widerspruch: Sie ist kein Raum, der Freiheit schenkt, sondern einer, der mit Aufgaben belegt ist. Kochen, versorgen, bereitstellen – all das passiert hier, meistens von Frauen, fast schon selbstverständlich. Schon August Bebel schrieb vor über 150 Jahren, die Privatküche sei eine Zumutung für Frauen, weil sie Kraft und Lebensfreude raube. Deshalb plädierte er für Gemeinschaftsküchen – eine nette Idee, wenn dort nicht auch wieder nur Frauen hätten kochen sollen.

Das Tragische daran ist: Wenn die Küche der Frauenraum ist, dann bleibt ihnen zugleich ein anderer Raum verwehrt – ein Raum, der wirklich nur ihnen gehört. Männer hatten traditionell ihr Arbeitszimmer, ihre Werkstatt oder den Hobbykeller. Rückzugsorte, die ihnen selbstverständlich zugestanden wurden. Frauen dagegen hatten die Küche. Aber eine Küche ist eben kein eigener Raum, sondern einer, der in den Dienst anderer gestellt wird.

Doris Dörrie schreibt darüber, wie sie lange keinen eigenen Raum hatte. Und ich erkenne mich darin sofort. Auch mir fehlt dieser Ort bis heute: ein Raum ohne Funktion, ohne Rolle, ohne Erwartung. Ein Ort, an dem ich mich zurückziehen kann – nur mit mir, meinen Gedanken, meiner Kreativität.

Und doch merke ich: Diese Sehnsucht nach einem eigenen Raum ist nicht nur meine ganz persönliche. Sie ist Teil einer weiblichen Geschichte, die in vielen Familien weitergegeben wurde. Systemisch betrachtet erzählen Räume immer auch von Mustern und Loyalitäten: Wer hat Anspruch auf Sichtbarkeit? Wer bleibt zuständig für das Unsichtbare, das Alltägliche, das, was sich von selbst zu erledigen scheint?

In Aufstellungen und Genogrammen tauchen solche Fragen oft unvermittelt auf: Räume stehen für Zugehörigkeit und Abgrenzung, für Macht und Ohnmacht. Das „Arbeitszimmer“ eines Vaters symbolisiert nicht nur Rückzug, sondern auch das Selbstverständnis, das ihm zugestanden wird. Die „Küche“ einer Mutter hingegen verweist nicht nur auf Versorgung, sondern auf eine Rolle, die selten freiwillig gewählt, sondern tradiert wurde.

Wenn ich Dörrie lese, erkenne ich diese Muster wieder. Und ich spüre, wie sie bis heute wirken: in meiner eigenen Biografie, aber auch in den Geschichten vieler Klientinnen. Die Frage nach einem eigenen Raum ist deshalb keine Nebensächlichkeit, sondern eine zentrale Frage der Selbstbestimmung. Sie berührt Autonomie, Identität und die Möglichkeit, sich als eigenständiges Subjekt wahrzunehmen.

Vielleicht beginnt Emanzipation genau hier: indem wir uns die inneren und äußeren Räume bewusst anschauen. Indem wir erkennen, wo wir alte Loyalitäten fortsetzen – und wo wir uns erlauben dürfen, neue Räume zu öffnen. Für uns selbst, aber auch im systemischen Sinn für die, die nach uns kommen.

Und manchmal sitze ich mit einem Glas Wein und baumelnden Beinen auf der Arbeitsfläche – und denke: Vielleicht ist die Küche ja doch mehr als ein Ort zum Kochen und Abwaschen.

Der Elefant im Zimmer

Eigentlich hatte ich vor, in diesem Text einen Konflikt an meinem Arbeitsplatz und meine Beobachtungen zu Interaktionen zwischen Frauen und Männern zu schildern. Doch: nur beim Daran denken verging mir schon die Lust. In mir sperrte sich etwas, mich erneut in den Ärger und das Ohnmachtsgefühl, das mich begleitete und immer noch nicht ganz loslässt, hineinzubegeben. Ich entschied mich letztendlich für einen ressourcenorientierten Zugang und schreibe nun über das, was nützlich war.

Das Buch „Der Elefant im Zimmer“ von Petra Morsbach (empfohlen von einer geschätzten Kollegin) half mir in dieser Situation nicht das erste Mal aus einer inneren Zwickmühle. Die Autorin beschreibt ausführlich drei Fälle, in denen die Beteiligten (im letzten Fall auch sie selbst) mit den „Mächtigen“ in Konflikt gerieten.

Die Idee entstand aus der eigenen Erfahrung sowie dem Austausch mit Kolleg*innen und Bekannten. Während letzterem entstand bei ihr der Eindruck, dass Konflikte mit „Mächtigen“ nach ähnlichen Mustern abzulaufen scheinen:

  1. Angehörige eines Systems wehrten sich gegen eine problematisch Anweisung oder wiesen auf Fehler hin, in der Erwartung von Abhilfe.
  2. Vorgesetzte ignorierten den Hinweis oder ließen diesen nach einer Scheindiskussion versanden.
  3. Nachhaken führte ironischem Entgegenkommen, Spott, Einschüchterungsversuche, Drohungen und Disziplinarmaßnahmen.
  4. Wenn die Kritik am Chef als Kritik an der Institution gesehen wurde, richtete sich die Stimmung der Belegschaft gegen die Kritiker*innen, Solidarität verschwand.
  5.  Korrekturen gab es wenn überhaupt nach schweren Schäden, Skandalen oder Sanktionen.

Morsbach geht mit Hilfe ihrer drei Beispiele von „Widerstand gegen Machtmissbrauch“ auf eine „literarische Erkundungstour“.

Ihre These: Die Verleugnung der Macht (des Elefanten im Raum) ist das Kernproblem.  Liegt bei Personen, die Macht in Institutionen innehaben, eine Kombination aus Machtorientierung (also eines Strebens nach Selbstaufwertung und Anerkennung durch diese Position) UND Machtleugnung, mit der individuelle Verantwortung zurückgewiesen wird („Ich kann da nichts machen.“) vor, entsteht ein Paradoxon, das schwer aufzulösen ist. Weiterhin bemerkt sie, komme erschwerend hinzu, dass jede Person, die das Problem im Verlauf „unwidersprochen hinnimmt, wird zum Komplizen und muss sich angegriffen fühlen, wenn es auf den Tisch kommt.“

Die Autorin legt in ihren Ausführungen den Fokus auf die Dynamiken, die auf die Aufdeckung des Problems folgen, beleuchtet die Sprache, in der die Konflikte geführt wurden, und möchte tiefer liegende (unbewusste) Motive explorieren.

Ihre Frage: Können „Unmächtige“ mit legalen Mitteln Machtmissbrauch praktisch abhelfen? Und wenn ja wie? Ihre Antwort im Nachwort: Jein. „Eigentlich nicht, aber sie sollten es trotzdem versuchen, denn das bewirkt etwas.“

Auch wenn die Konflikte mit „Mächtigen“, in denen ich beteiligt war, nicht ganz diesem Muster entsprachen, erleichterte es mich ungemein, dass es sich anscheinend um eine geteilte Erfahrung handelt. Das Buch gab mir die Chance, sprachliche Muster abzugleichen und in den „Machtkontext“ einzuordnen, auch wenn meine Beispiele in vergleichsweise kleineren Organisationseinheiten stattfanden. Ich fühlte mich dann nicht mehr so ohnmächtig. Eine schöne Erkenntnis war auch, Unterschiede in den Mustern zu entdecken. Ich war zum Glück nie allein als Kritikerin, sondern Teil einer Gruppe und die Solidarität untereinander blieb uns auch erhalten. Es war vor allem eine Solidarität unter Frauen, die sich männlich besetzten Machtstrukturen entgegensetzte.  Und: Auch machte ich die Erfahrung, die die Autorin mit „Eigentlich nein, aber sie wollten es trotzdem versuchen, es bewirkt etwas.“ beschrieb. Ich beobachtete oft kleine, manchmal auch größere Veränderungen, die vielleicht in dieser Dosis und/oder nach etwas verstrichener Zeit für das System verträglich erschienen.

Morsbachs Buch ist für mich einfach gute Unterhaltung, weil die Autorin mich mit ihrem persönlich wirkenden Schreibstil in den Bann gezogen hat. Darüber hinaus gibt sie mit dem Buch die Chance, sich mit bestimmten Mechanismen der Macht vertraut zu machen, und stellt am Ende einen Katalog mit 33 Empfehlungen und Überlegungen zur Verfügung, von denen viele in unterschiedlichsten Konflikten anwendbar erscheinen.

Ich möchte den Text mit einem Gedanken der Autorin beenden, der auf die zirkulären Wirkmechanismen in diesen Konflikten eingeht und mich auch immer wieder etwas demütig werden lässt. Sie kommentiert die Dynamik zwischen den Machausübenden und den Kritiker*innen mit folgenden Fragen: „Sind nicht auch sie in Wechselwirkung aufeinander bezogen? Spielt jeder nur eine Rolle in einem größeren Spiel, das er nicht überblickt? Wer hat recht? Wer entscheidet das? Wer verteilt die Rollen?“

Frauen in Rot

„Women in Red“ ist ein Schreibprojekt innerhalb der Wikipedia, das sich zum Ziel erklärt hat, (bemerkenswerte) Frauen durch Einträge sichtbarer zu machen und gleichzeitig den Anteil der weiblichen Beitragenden zu erhöhen. Symbolisch sollen „red links“ (Wikipedia-Links, hinter denen noch kein Artikel steckt) in „blue links“ umgewandelt werden. Dafür werden immer wieder Schreibaktionen – „Edit-a-thons“ – in Städten rund um die Welt durchgeführt, um Beitragende auszubilden. Ein Beispiel ist der Art+Feminism Edit-a-thon, der jährlich am 8. März stattfindet, um Beiträge über Frauen in der Kunst hinzuzufügen.

Das Projekt existiert bisher in 32 Sprachen. Der deutschsprachige Teil der „Women in Red“ fokussiert auf die Erstellung von deutschsprachigen Biographien, die schon in anderen Sprachen verfügbar sind.

Bisher können in der Wikipedia (Abruf am 24.08.2024) 170.463 weibliche Biografien (17,93 %), gegenüber 780.165 männlichen (82,0 %) gelesen werden.

Wie ist die Lage bei den Systemikerinnen? Lasst uns in den Kommentaren wissen, welche Systemikerinnen ihr schon gesucht und in der Wikipedia nicht gefunden habt. Vielleicht habt ihr auch Lust, im Sinne der „Women in Red“ einen Beitrag über genau diese bemerkenswerten Frauen zu schreiben.

Feminismus in der Familientherapie Teil 2

Auf der Suche nach kritischer Auseinandersetzung mit systemischen Konzepten bin ich auf zwei interessante Bücher gestoßen, die ich als emanzipatorische Praxis innerhalb der systemischen Therapie und Beratung interpretiere.

Zunächst habe ich „Feministische Familientherapie in Theorie und Praxis“ von McGoldrick, Anderson und Walsh (Hrsg., 1991) vorgestellt und möchte nun auch auf „Frauen und Macht“ von Thelma Jean Goodrich (Hrsg., 1994) verweisen.

Während des Lesens bemerkte ich wieder eine deutliche Aufregung: Wir sind nicht die ersten! Feministische Praxis in der Familientherapie ist nichts Neues und hat ihren Anfang auch sicher nicht erst in den 1990ern genommen. Die Autorinnen der Beiträge beschäftigen sich mit einem vermeintlich unbequemen Thema: Macht. Dabei setzen sie sich im ersten Teil mit Erscheinungsformen, Bedeutungen und Auswirkungen von Macht in einem patriarchalen System auseinander. Es folgen Ausführungen zu „weiblichen“ und „männlichen“ Zugängen zu Macht, Problemkomplexen und Ansätzen in der klinischen Praxis sowie den Auswirkungen auf die persönliche systemische Praxis.

Für einen konkreten Einblick möchte ich einige Autorinnen selbst zu Wort kommen lassen:

„Ist Macht das, was Frauen wollen? […] Die Frage ist nicht nur peinlich, sondern lässt zudem den Gedanken aufkommen, dass die Untergebenen sich ebenfalls nach Macht sehnen könnten, und das löst damit bei Männern Angst und Bestürzung und bei Frauen Angst und Verlegenheit aus.“ (T.J. Goodrich)

„Wir dürfen nicht dem Irrtum verfallen, einer Frau zu helfen, ihre persönlichen Möglichkeiten stärker einzufordern und wahrzunehmen, sei dasselbe, wie ihr zu helfen Macht zu besitzen. […] Ich halte es für unumgänglich, meine Arbeit mit meinen Klientinnen im Kontext einer patriarchalen Gesellschaft zu sehen und Therapie nicht mit einer Veränderung des Kontexts selbst zu verwechseln. […] Wenn ich den patriarchalen Kontext so verändern will, dass Frauen effektiv Macht besitzen […], muss ich mich außerhalb der Therapie politisch betätigen.“ (J.M. Avis)

„Es scheint klar, dass sich eine Gruppe, die sich als dominanter Teil der Gesellschaft herausgebildet hat, kein Interesse daran hat, ihre Fähigkeiten zur Ermächtigung anderer weiterzuentwickeln. Eine solche Gruppe würde vielleicht nicht einmal zugeben, dass es diese Möglichkeit überhaupt gibt. Aber es gibt sie. Frauen und einige Männer praktizieren sie seit Jahrtausenden. Vor uns liegt die Aufgabe, Wege zu finden, um diese wertvolle Fähigkeit in eine wechselseitig bereichernde Aktivität zu verwandeln“. (J.B. Miller)

„Das angebliche Leiden der Co-Abhängigkeit brandmarkt Frauen als krankhaft, weil sie genau die Züge aufweisen, die von der Gesellschaft als angemessenes weibliches Verhalten eingestuft werden. Da Frauen in diesem Kulturkreis dazu erzogen werden zu glauben, dass es richtig ist, im Dienste anderer zu leben und falsch selbst im Zentrum ihres Lebens zu stehen, ist es wohl kaum fair, ihnen jetzt zu sagen, dass sie krank seien, weil sie genau das tun, was ihnen antrainiert wurde.“ (C. Rampage)

„Nur wenn der Therapeut oder die Therapeutin die wirtschaftlichen, politischen, sozialen und biologischen Zwänge, denen das Leben und Verhalten von Frauen unterliegen, wirklich versteht, kann er oder sie ermächtigend wirken.“ (J.M. Avis)

„Wenn Ehetherapie es versäumt, den wirtschaftlichen Kontext der Ehe und ihr Machtgefüge zu ergründen, lässt sie einen wesentlichen Punkt außer Acht, denn dieser bestimmt das Recht, die Bedingungen der Partnerschaft auszuhandeln und die Freiheit, die Beziehung notfalls zu beenden.“ (M. McGoldrick)

„Ich hoffe, dass die Familientherapie zu einer Kraft werden kann, die Männern und Frauen mehr Raum gibt für ihre eigene Art, sich mit ihrem Lebenspartner und ihren Freunden verbunden zu fühlen, wie auch mit ihrer Arbeit, der Gemeinschaft, in der sie leben, und anderen Generation umzugehen.“ (M. McGoldrick)

„Der Trost der Schönheit“

Im flüsternden Gewirr der Buchläden finde ich Ruhe – meine Zuflucht vor der Welt. Bei meinem letzten Streifzug fiel mir auf, dass ich instinktiv mehr Werke von Autoren wählte. War es Zufall? Meine Neugier erwachte, und die Recherche enthüllte eine bittere Wahrheit: Ein Ungleichgewicht, das tiefer liegt als bloße Zufälligkeit.

„Ein Bericht über die Frühjahrsprogramme der Verlage Hanser, Fischer und Rowohlt offenbart einen Autorinnenanteil von gerade einmal 22 bis 30 Prozent. Generell sind es nur 40 Autorinnen auf 60 Autoren, mit einem besonders starken Missverhältnis in Genres abseits der leichten Unterhaltung.“

Es ist ein bekanntes Muster, doch heute möchte ich nicht die Missstände in den Fokus rücken, sondern eine Stimme, die mich erreicht hat.

Gabriele von Arnims „Der Trost der Schönheit“ war ein Zufallsgriff und die ersten Zeilen ließen mich innehalten: „Denn wenn ich Schönheit sehe, höre, lese, spüre, dann glaube ich an Möglichkeiten. An Wege, Räume, Purzelbäume. Der Trost der Schönheit ist vielleicht Eskapismus, aber ganz gewiss auch notwendiger Selbsterhalt.“

Das Buch ist ein Abenteuer – ein literarisches Eintauchen in die Schönheit als Gegenpol zum Getöse der Welt.

Wie oft dachte ich es nicht nur, sondern sprach es auch laut aus: „Wie schön!“ 

Durchatmen, lächeln und innehalten, hielten bis zur letzten Seite an. 

„Der Trost der Schönheit“ ist ein Werk, das unsere Zeit dringend benötigt.

Die Texte sind eine Sammlung persönlicher Geschichten und Reflexionen, die tiefgründig die Facetten der menschlichen Erfahrung – Empathie, Trauer, Freude und Leid – erkunden. Sie thematisieren die Notwendigkeit, Pausen von den Problemen der Welt zu nehmen, und betonen die Rolle der Schönheit als Rettungsanker.

Dieses Buch ist ein Nachdenken über menschliche Resilienz in einer von Schönheit und Tragödie gezeichneten Welt. Es lädt uns ein, über unsere Position inmitten globaler Unruhen nachzudenken und wie wir zwischen Empathie und Selbstfürsorge ein Gleichgewicht finden können.

In diesem literarischen Schatz offenbart sich auch meine weibliche Seite der Systemik. Das Buch spiegelt den systemischen Ansatz wider – es betrachtet das Leben in seiner Ganzheit, verknüpft die Schönheit mit dem Schmerz, das Individuum mit dem Kollektiv. Es lehrt uns, die Komplexität unseres Daseins zu umarmen und unsere persönlichen Erfahrungen als Teil eines größeren Ganzen zu sehen. Gabriele von Arnim hat nicht nur ein Buch geschrieben; sie hat einen systemischen Dialog geschaffen, der die Brücke schlägt zwischen unserem inneren Erleben und der äußeren Welt. In ihrer Reflexion zeigt sich die wahre Kunst der Systemik: Verbindung aufzubauen – zwischen Worten, Menschen, Gefühlen und letztlich der Gesellschaft selbst.

Feminismus in der Familientherapie Teil 1

Auf der Suche nach kritischer Auseinandersetzung mit systemischen Konzepten bin ich auf zwei interessante Bücher gestoßen, die ich als emanzipatorische Praxis innerhalb der systemischen Therapie und Beratung interpretiere.

Als erstes möchte ich „Feministische Familientherapie in Theorie und Praxis“ von McGoldrick, Anderson und Walsh (1991) kurz vorstellen. Das zweite folgt in einem meiner nächsten Beiträge.

Zu Beginn wird die These aufgestellt, dass die Familientherapie bis heute (und das gilt sicher auch nicht nur für die 90er, sondern darüber hinaus) einer patriarchal bestimmten Perspektive verhaftet bleibt. Untermalt wird diese Hypothese durch Beiträge mehrerer Autor*innen zu verschiedenen Themenbereichen und Fragestellungen:

  • Zur Entwicklung systemischer Konzepte. Dabei wird die Arbeit gewürdigt und gleichzeitig die Vernachlässigung der Kategorie Geschlecht bzw. Gender kritisch diskutiert.
  • Machtungleichheiten entlang von Klasse, race, Gender und Alter im Sinne von Hierarchien, die im theoretischen systemischen Diskurs unterbetont bleiben
  • Im Rahmen einer Falldarstellung aus feministischer Perspektive
  • Gedanken zu einem feministischen Modell in der systemischen Ausbildung
  • Analyse vermeintlich geschlechtsspezifischer Merkmale im Beratungskontext
  • Und weitere.

Dabei wird deutlich, welche Problematik eine Vernachlässigung dieser Perspektive mit sich bringt: Kontexte, in denen sich Frauen* bewegen, können weder ausreichend verstanden noch gewürdigt werden. Versteckt scheint dieses Hinwegsehen z.B. hinter einem reduzierten Verständnis von Neutralität und Zirkularität.

Außerdem schwingt in den Beiträgen immer wieder die Frage mit, wer Theorie entwickelt und damit auch aus welcher Perspektive. Oft scheint (auch in anderen Zusammenhängen) die (cis-) männliche Perspektive als vermeintlich neutral und objektiv zu gelten. Das gilt es zu hinterfragen und dazu entwickeln die Autor*innen dieser Publikation schon 1991 (!) spannende und inspirierende Zugänge.

Gleichzeitig bleibt beim Lesen und Entdecken dieser vielfältigen und langjährigen feministischen Tradition in der Familientherapie ein bitterer Beigeschmack. Ohne intensive Suche wäre ich nicht auf sie gestoßen und frage mich, warum diese Analysen scheinbar immer noch nicht in dem Maß ernst genommen werden, dass sie im breiten Diskurs ankommen. Im systemischen Sinne: Was braucht es noch…? Wahrscheinlich weiterhin eine kämpferische Haltung und Hartnäckigkeit, da voraussichtlich niemand freiwillig Platz machen wird.