Vier Frauen – Eine Frage

In diesem Format wollen wir uns alle vier mit einem Thema oder einer Frage beschäftigen und unabhängig voneinander unsere Gedanken aufschreiben. Im letzten Redaktionstreff tauchte dann die Frage auf:

Warum schreiben Frauen eigentliche keine Gastbeiträge?

Gila

  • Sie haben so viel anderes zu tun. Sie sind mit Arbeit und Familie – also mit Geldverdienen und sehr viel Care-Arbeit – beschäftigt. Das erscheint ihnen wichtiger. Deshalb fehlen ihnen auch Ideen für Beiträge: Sie sind im Tun.
  • Sie halten ihre Beiträge nicht für so wertvoll oder bedeutsam, dass sie andere interessieren könnten. Und dann denken sie noch, dass es bestimmt auch nicht gut werden würde, wenn sie etwas schreiben. Sie denken, sie müssten dafür sehr viel recherchieren und lesen, damit es wirklich gut wird, und dafür haben sie keine Zeit.
  • Ihnen fehlt ein gewisses Maß an Eitelkeit, das ihnen sagen würde: „Schau mal, was du da Interessantes und Kluges für die anderen zur Verfügung stellen kannst.“
  • Sie wollen nicht, dass ihre Gedanken öffentlich werden und sie sich damit womöglich angreifbar machen. Gerade Frauen werden so oft im Internet bzw. auf social media aufs übelste angegriffen, dass es sehr vernünftig erscheint, sich davor zu schützen und die eigenen Positionen bzw. Diskussionsbeiträge lieber in weniger öffentlichen Kanälen darzustellen.

Tanja

Ich weiß nicht, wie viele Gespräche ich schon geführt habe mit Frauen und weiblich sozialisierten Personen[1], die interessante Dinge zu erzählen hätten, tolle Berater*innen/Therapeut*innen sind, aber auch auf Nachfrage hin, sich nicht als schreibende Person sehen.

Auch, wenn es heute zahlreiche Frauen* gibt, die auch Fachartikel und Fachbücher schreiben, als Wissenschaftler*innen und Professor*innen tätig sind und forschen.
So ist das immer noch weit verbreitete Bild, dass Männer ernster genommen werden, wenn sie schreiben als Frauen*.

Es geht sogar so weit, dass Frauen* auch zugeschrieben wird, zu blumig, zu praxisorientiert zu unwissenschaftlich zu schreiben; und zwar sowohl von Männern als auch von Frauen* selbst. Nicht wissenschaftlich genug? Ich selbst bin lange Zeit mit mir hart ins Gericht gegangen und hatte das Selbstbild nicht schreiben zu können. Auch heute beschleicht mich noch manchmal das Gefühlt, nicht wissenschaftlich fundiert genug zu schreiben. Erst zuletzt in einem Gespräch mit einem Kollegen, der Professor ist, habe ich selbst an mir angezweifelt. Das ist verrückt, da ich mittlerweile häufig schreibe….

Aber ich kann mich noch an meine ersten Schreib-Schritte in der Fachwelt erinnern. Ich habe mit so starken Selbstzweifeln gekämpft, dass ich manches Mal psychisch sehr angeschlagen war. Wobei sich in mir eher das kleine Arbeiter*innenkind gemeldet hat, was es eine Anmaßung fand, dass ich denke, etwas zu sagen zu haben.

Und genau, das ist der Punkt: Wer hat etwas zu sagen? Wem wird zugeschrieben etwas zu sagen zu haben? Wer nimmt sich den Raum etwas sagen zu wollen?

Mensch muss auch eine gewisse Coolness entwickeln, wenn man schreiben möchte. Natürlich werden nicht alle toll finden, was ich da zu Papier bringe. Es wird Kritiker*innen geben. Machtspiele sind vorprogrammiert. Tatsächlich muss mir das egal sein können. Mittlerweile schreibe und lektoriere ich Text von anderen Personen. Ich kann verraten: viele auch sehr bekannte Persönlichkeiten, die sehr viel publiziert haben, können eigentlich nicht gut schreiben. Sie benötigen Personen, die ihre Texte zu lesefähigen Produkten machen. Auch Menschen mit Doktortitel und Professuren bekommen Ablehnungen, wenn Sie Skripte einreichen. Das gehört tatsächlich dazu.

Wenn wir möchten, dass Fachdiskurse vielfältiger werden, müssen wir alle einen Beitrag dazu leisten. Der Satz „Wer schreibt der bleibt!“ stimmt leider. Nur was geschrieben, oder auf andere Art und Weise technisch vervielfältigt wurde, bleibt und kann Zugänge eröffnen. 

Wer schreiben möchte, sollte sich Unterstützung suchen. Kolleg*innen, die Erfahrung haben und beratend zu Seite stehen können. Kolleg*innen, denen es ähnlich geht, um sich gegenseitig zu unterstützen. Es kann hilfreich sein, mit kleineren Projekten zu beginnen, z. B. einer Buchrezension. Auch ein Schreib-Coaching kann hilfreich sein. Auf jeden Fall darf man sich nicht entmutigen lassen.

[1] Hiermit beziehe ich ganz bewusst Personen ein, die weiblich sozialisiert sind, sich aber nicht als weibliche, als Frau definieren, sondern sich selbst eine andere Geschlechtsidentität zuschreiben. Im Folgenden verwende ich zur Beschreibung entweder das Gender-Sternchen oder Frauen* als Benennung aller weiblich sozialisierten Personen.

Sarah

Ich glaube, dass in den wenigsten Fällen tatsächlich zu wenig Zeit oder gar fehlendes Interesse die Gründe sind.

Die ersten Reaktionen auf Anfragen waren vielmehr geprägt von Unsicherheit und fehlendem Vertrauen. In unseren Köpfen – also in denen vieler Frauen* – scheint immer noch stark verankert zu sein, dass man Rang und Namen braucht, um sich öffentlich äußern zu dürfen.

Wahrscheinlich spielt auch eine Rolle, dass Frauen* gelernt haben – und ich denke, mitunter immer noch lernen – sich zurückzuhalten und anderen die Bühne zu überlassen. Wie viele Frauen werden noch immer in öffentlichen Debatten von Männern unterbrochen? Von privaten Gesprächen ganz zu schweigen. Und wie viele Frauen* verleihen (wie ich finde) dieser Respektlosigkeit Ausdruck?

Vielmehr beobachte ich, wie häufig Frauen die stillen und aufmerksamen Zuhörerinnen* sind und nur äußerst selten ein Gespräch unterbrechen. Vielleicht stecken wir Frauen* noch zu oft in dieser sozialisierten Rolle fest.

Denn bekommen wir nicht schon allzu früh in unserem Leben gesagt, dass es unhöflich sei, zu unterbrechen? Scheinbar gilt das jedoch nur für uns Frauen*.

Frauen haben Scham, sich mit ihrer Perspektive zu zeigen – und dass, obwohl sie häufig sogar die Expertise haben.

Da ist die Sorge, dass die eigene Meinung nicht fachlich fundiert genug sei und deshalb besser gar nicht ausgesprochen werden sollte.

Der Gedanke, dass das, was man denkt, nicht wichtig genug sei, keinen „Mehrwert“ bietet oder ohnehin niemanden interessiere.

Hinzu kommen fehlendes Zutrauen und Vertrauen in die eigene Stimme, die Gewohnheit, sich eher zurückzuhalten und anderen die Bühne zu überlassen, sowie die Angst vor Be- und Verurteilung.

Anmerkung der Autorin:

Mit der Verwendung des Begriffs „Männer“ sind nicht einzelne Personen gemeint, sondern gesellschaftliche Muster und Strukturen, die durch Sozialisation entstehen.

Anne

„Wenn dann mache ich es richtig.“

Ich habe seit der Entstehung des Blogs einige Frauen in unterschiedlichen Kontexten gefragt oder ermutigt, einen Gastbeitrag zu verfassen. Keine davon hat bisher etwas geschrieben. Für den jetzigen Beitrag habe ich vier Freundinnen und Kolleginnen gefragt, was sie davon abhält.

Überrascht war ich, als mir eine Freundin und Kollegin von der Befürchtung berichtete, ihre Ansichten könnten nicht in den Blog passen, diese dafür nicht feministisch genug seien. Geprägt sei die Unsicherheit von einer strikten Art von Feminismus, in dem nur eine bestimmte Meinung in einem sehr engen Rahmen zähle und es weniger ein Austausch unterschiedlicher Ideen vor einer ähnlichen Grundhaltung sei. Diese Art von Feminismus unterstelle sie uns nicht unbedingt, trotzdem bleibe eine gewisse Unsicherheit darüber, dass die anderen Redakteurinnen und/oder die Leser*innenschaft den Text ablehnen könnten. Schade, dachte ich, denn genau aus diesem Grund würde mich ihr Beitrag besonders interessieren. Gleichzeitig meine ich zu wissen, was sie meint, da ich mich sowohl von Zeit zu Zeit bzgl. bestimmter Themen ebenso strikt erlebe als auch bestimmte Gedanken aus eben diesem Grund nur in bestimmter Gesellschaft ausspreche.

Eine andere Kollegin erzählte, sie erlebe ihren beruflichen und privaten Alltag als so dicht getaktet, dass sie nur am Abarbeiten sei. So könnten wenig Zeiten für Muße entstehen, und die bräuchte es dringend für einen Beitrag. Sie frage sich auch immer wieder „Wie viel will ich schaffen? Wie viel kann ich schaffen?“ und „Was hat Priorität?“. Letztere Frage beantwortet eine dritte Freundin eher mit „etwas anderes“. Sie befürchte nämlich, durch die Arbeit an einem Beitrag für den Blog, der ihr ohne Zweifel Freude bringen würde, andere Dinge zu vernachlässigen, die aktuell Priorität haben müssten.

Die vierte Freundin reichte mir den Titel meines Beitrags dazu: „Wenn dann mache ich es richtig.“ Sie gehe davon aus, dass sie Arbeit reinstecken müsse, damit es für andere Menschen interessant sei. In dem anschließenden Gespräch waren wir uns in unserem Neid auf Kollegen einig, die uns in diesem Zusammenhang einfielen, die einfach Dinge ohne große Vorbereitung tun oder tun lassen und damit Menschen offensichtlich begeistern können.

Diese Gespräche beschäftigen mich noch weiter. Versuche ich, die Unsicherheit herauszurechnen, dann bleibt vor allem Respekt vor den Kolleginnen, die Dinge ordentlich tun und die nötige Arbeit in ihre Projekte stecken wollen. Sie wollen einen Mehrwert kreieren, sich Zeit für Muße nehmen und andere wichtige Dinge dafür nicht vernachlässigen. Das weiß ich zu schätzen und fühle mich eingeladen, geduldig und gespannt auf das zu sein, was vielleicht noch kommt.


Die Leerstelle als Herausforderung

Sarahs Beitrag hat mich zum Nachdenken angeregt. Auch ich habe in meiner Arbeit auf einer psychiatrischen Station einige Frauen begleitet, die aus meiner Sicht mit einer Leerstelle, vielleicht die Leerstelle „Frau“, in Kontakt kamen. Diese Frauen beschrieben Symptome wie Erschöpfung, innere Unruhe, Ängste vor der Zukunft und Schlaflosigkeit. Etwas näher zu ihrer Lebenssituation und ihrem Alltag gefragt schien dieser geprägt von den Rollen als Partnerin, Mutter und Versorgerin. Die Krise schien sich dann in unterschiedlichen Kontexten zu entwickeln: Sie erlebten eine Überforderung mit den Ansprüchen der Rollen, da sich die Umstände veränderten. Sie pflegten vielleicht zusätzlich Angehörige oder bemerkten, dass sie den Anforderungen aufgrund von alters- oder gesundheitsbedingten Veränderungen nicht mehr gerecht werden konnten. Oder Aufgaben fielen weg, Kinder zogen aus, Partner wurden von anderen gepflegt.

Besonders interessant für mich war, dass die Frauen, denen ich in diesem Kontext begegnete, hartnäckig nach einer medikamentösen Behandlung oder Umstellung verlangten. Es müsse doch ein Mittel geben, das die quälenden inneren Zustände lindere. Eigene Interessen und Wünsche zu explorieren und diese in ihr Umfeld zu tragen, schienen ihnen gar nicht in den Sinn zu kommen. Vorsichtig nach Möglichkeiten gefragt, stieß ich des Öfteren auf eine Mauer.

Ich fragte mich dann: Welche Nebenwirkung hat meine vermeintliche „Lösung“ für die Frauen. Welches Risiko bringt es vielleicht in ihrem Lebenskontext, wenn sie plötzlich mit einer Leerstelle in Kontakt kommen? Was passiert, wenn sie eigenes neben der Rolle als Versorgerin explorieren und möglicherweise auch noch dafür einstehen? Wie könnte das Umfeld reagieren und welche Bedeutung hat diese Reaktion für die Frauen? Welches Risiko birgt diese „Lösung“ vielleicht auch für ihr Selbstbild?

Sarah merkte dazu an, „wie früh viele Frauen lernen, sich über Rollen zu definieren, weil das Sicherheit gibt.“ Diese Sicherheit zumindest zum Teil aufzugeben und auch den Gewinn, den solche Rollen mit sich bringen, bringt vielleicht nicht nur in Kontakt mit einer Leere, sondern auch mit einem möglichen Verlust.

Doch wie gehe ich nun therapeutisch vor, wenn der Möglichkeitsraum zunächst begrenzt erscheint? Im Austausch mit meinen Kolleginnen entstanden folgende Ideen: Vielleicht gilt es erstmal, diese Leerstelle gemeinsam auszuhalten und zu würdigen, was bisher war und geleistet wurde. Auch wenn ich den Wunsch nach einer medikamentösen Behandlung reflexartig und sehr unsystemisch als „Widerstand“ einordnete, ist er möglicherweise Ausdruck einer Loyalität gegenüber einem bisher gut funktionierenden System und dessen Beziehungsmustern. Die Symptome könnten gleichzeitig die Grenze für das, was in diesem System unter bisherigen Bedingungen leistbar ist, markieren. Vielleicht kann ich hier dann vorsichtig explorieren, welche Risiken und Nebenwirkungen Veränderungen mit sich bringen und was es unbedingt an Sicherheiten zu erhalten gilt. Ich bin gespannt.

Der Elefant im Zimmer

Eigentlich hatte ich vor, in diesem Text einen Konflikt an meinem Arbeitsplatz und meine Beobachtungen zu Interaktionen zwischen Frauen und Männern zu schildern. Doch: nur beim Daran denken verging mir schon die Lust. In mir sperrte sich etwas, mich erneut in den Ärger und das Ohnmachtsgefühl, das mich begleitete und immer noch nicht ganz loslässt, hineinzubegeben. Ich entschied mich letztendlich für einen ressourcenorientierten Zugang und schreibe nun über das, was nützlich war.

Das Buch „Der Elefant im Zimmer“ von Petra Morsbach (empfohlen von einer geschätzten Kollegin) half mir in dieser Situation nicht das erste Mal aus einer inneren Zwickmühle. Die Autorin beschreibt ausführlich drei Fälle, in denen die Beteiligten (im letzten Fall auch sie selbst) mit den „Mächtigen“ in Konflikt gerieten.

Die Idee entstand aus der eigenen Erfahrung sowie dem Austausch mit Kolleg*innen und Bekannten. Während letzterem entstand bei ihr der Eindruck, dass Konflikte mit „Mächtigen“ nach ähnlichen Mustern abzulaufen scheinen:

  1. Angehörige eines Systems wehrten sich gegen eine problematisch Anweisung oder wiesen auf Fehler hin, in der Erwartung von Abhilfe.
  2. Vorgesetzte ignorierten den Hinweis oder ließen diesen nach einer Scheindiskussion versanden.
  3. Nachhaken führte ironischem Entgegenkommen, Spott, Einschüchterungsversuche, Drohungen und Disziplinarmaßnahmen.
  4. Wenn die Kritik am Chef als Kritik an der Institution gesehen wurde, richtete sich die Stimmung der Belegschaft gegen die Kritiker*innen, Solidarität verschwand.
  5.  Korrekturen gab es wenn überhaupt nach schweren Schäden, Skandalen oder Sanktionen.

Morsbach geht mit Hilfe ihrer drei Beispiele von „Widerstand gegen Machtmissbrauch“ auf eine „literarische Erkundungstour“.

Ihre These: Die Verleugnung der Macht (des Elefanten im Raum) ist das Kernproblem.  Liegt bei Personen, die Macht in Institutionen innehaben, eine Kombination aus Machtorientierung (also eines Strebens nach Selbstaufwertung und Anerkennung durch diese Position) UND Machtleugnung, mit der individuelle Verantwortung zurückgewiesen wird („Ich kann da nichts machen.“) vor, entsteht ein Paradoxon, das schwer aufzulösen ist. Weiterhin bemerkt sie, komme erschwerend hinzu, dass jede Person, die das Problem im Verlauf „unwidersprochen hinnimmt, wird zum Komplizen und muss sich angegriffen fühlen, wenn es auf den Tisch kommt.“

Die Autorin legt in ihren Ausführungen den Fokus auf die Dynamiken, die auf die Aufdeckung des Problems folgen, beleuchtet die Sprache, in der die Konflikte geführt wurden, und möchte tiefer liegende (unbewusste) Motive explorieren.

Ihre Frage: Können „Unmächtige“ mit legalen Mitteln Machtmissbrauch praktisch abhelfen? Und wenn ja wie? Ihre Antwort im Nachwort: Jein. „Eigentlich nicht, aber sie sollten es trotzdem versuchen, denn das bewirkt etwas.“

Auch wenn die Konflikte mit „Mächtigen“, in denen ich beteiligt war, nicht ganz diesem Muster entsprachen, erleichterte es mich ungemein, dass es sich anscheinend um eine geteilte Erfahrung handelt. Das Buch gab mir die Chance, sprachliche Muster abzugleichen und in den „Machtkontext“ einzuordnen, auch wenn meine Beispiele in vergleichsweise kleineren Organisationseinheiten stattfanden. Ich fühlte mich dann nicht mehr so ohnmächtig. Eine schöne Erkenntnis war auch, Unterschiede in den Mustern zu entdecken. Ich war zum Glück nie allein als Kritikerin, sondern Teil einer Gruppe und die Solidarität untereinander blieb uns auch erhalten. Es war vor allem eine Solidarität unter Frauen, die sich männlich besetzten Machtstrukturen entgegensetzte.  Und: Auch machte ich die Erfahrung, die die Autorin mit „Eigentlich nein, aber sie wollten es trotzdem versuchen, es bewirkt etwas.“ beschrieb. Ich beobachtete oft kleine, manchmal auch größere Veränderungen, die vielleicht in dieser Dosis und/oder nach etwas verstrichener Zeit für das System verträglich erschienen.

Morsbachs Buch ist für mich einfach gute Unterhaltung, weil die Autorin mich mit ihrem persönlich wirkenden Schreibstil in den Bann gezogen hat. Darüber hinaus gibt sie mit dem Buch die Chance, sich mit bestimmten Mechanismen der Macht vertraut zu machen, und stellt am Ende einen Katalog mit 33 Empfehlungen und Überlegungen zur Verfügung, von denen viele in unterschiedlichsten Konflikten anwendbar erscheinen.

Ich möchte den Text mit einem Gedanken der Autorin beenden, der auf die zirkulären Wirkmechanismen in diesen Konflikten eingeht und mich auch immer wieder etwas demütig werden lässt. Sie kommentiert die Dynamik zwischen den Machausübenden und den Kritiker*innen mit folgenden Fragen: „Sind nicht auch sie in Wechselwirkung aufeinander bezogen? Spielt jeder nur eine Rolle in einem größeren Spiel, das er nicht überblickt? Wer hat recht? Wer entscheidet das? Wer verteilt die Rollen?“

Neulich in der Gruppentherapie

Die Gruppentherapie auf meiner psychiatrischen Station, die ich gemeinsam mit einer Kollegin zwei Mal pro Woche leite, ist eine offene Gesprächsgruppe. Das heißt, es werden keine Themen von den Leitenden vorgegeben, sondern die Teilnehmenden bringen das ein, was sie gerade beschäftigt. Wir führen diese Gruppe angelehnt an die „Psychoanalytisch-interaktionelle Methode (PIM)“, die zwar die Psychoanalyse im Namen hat, aber mein systemisches Herz definitiv höherschlagen lässt. In der PIM wird die Gruppe als Mehrpersonensystem und soziale Interaktion als Produkt wechselseitiger Kommunikationsprozesse betrachtet. Es wird angenommen, dass sich alles Geschehen in der Gruppe im „Zwischen“ von allen Anwesenden entwickelt und somit auch immer soziale und gesellschaftliche Kontexte berührt. Ausgehend davon kann Verhalten in Beziehungen in der halböffentlichen Therapiegruppe erforscht und mit neuen Verhaltensweisen experimentiert werden (siehe Streeck, 2024).

In einer dieser Gruppen sitze ich nun. Eine Frau und ein Mann Ü50 kommen darüber ins Gespräch, wie schwer es ist, in diesem Alter neue Lohnarbeit zu finden. Sie hätten beide viele Bewerbungen verschickt, jedoch nur Absagen erhalten. Ich bin noch versunken in den Gedanken darüber, was ich gerade in der Gruppe wahrnehme und wie ich mich dazu verhalten möchte, als plötzlich das Gespräch eine neue Richtung einschlägt: „Aber die jungen Leute, die nicht mehr arbeiten wollen, denen wird alles hinterhergetragen!“ Es kommt Leben in die bisher etwas träge Gruppe. Und noch bevor ich selbst meinen plötzlichen Ärger über die Pauschalisierung einer ganzen Generation einordnen kann, geht es weiter: „Und den Ausländern erst…“ „Und den Behinderten…“ folgt darauf. Das Gespräch nimmt Geschwindigkeit auf und hat nun einen deutlich aggressiveren Unterton.

Meine Gedanken rasen ebenfalls. Mein Körper reagiert.  Neben einer für mich normalen Grundanspannung im Gruppensetting, spüre ich, wie mir heiß wird, wahrscheinlich laufe ich auch rot an. Mein Herz schlägt hart und ich spüre mein Blut in den Ohren rauschen.

Wie zur Hölle soll ich jetzt reagieren? Das muss ich auch möglichst schnell tun, damit die Rückmeldung noch passt! Meine Kollegin hat ungünstigerweise den Raum verlassen, weil sie einen Hustenanfall hatte, also muss ich alleine entscheiden. In mir verspüre ich mehrere Impulse: Ich möchte die Gefühle, die entstanden sind, würdigen und meine Patient*innen in ihrer Not ernstnehmen. Gleichzeitig möchte ich unbedingt die abwertenden Äußerungen unterbrechen und mich positionieren. Ich verspüre eine diffuse Angst, die Teilnehmenden vor den Kopf zu stoßen oder der Zensur bezichtigt zu werden, auch mich als „linke Großstädterin“ zu outen. Irgendwie schräg, denk ich.

Ich versuche im Sinne der PIM zu reagieren, stelle ich mich als Interaktionspartnerin zur Verfügung und melde einen Teil meines inneren Dialoges zurück.  Ich schildere meine eigene Ambivalenz zwischen der Einladung, dem Erleben der Anwesenden weiter Raum zu geben und gleichzeitig dem dringenden Impuls, den menschenverachtenden Aussagen Einhalt zu bieten. Die meisten verstehen meinen Wink, ein Teilnehmer schließt jedoch mit einer weiteren herabsetzenden Pauschalisierung an. Ich werde also doch deutlicher und frage den Patienten etwas scherzhaft, ob er meinen Wink mit dem Zaunpfahl mitbekommen hat: Ich möchte nicht, dass diese Art von Aussagen in meiner Gruppe getroffen werden. Er lacht kurz, danach wenden sich die Teilnehmenden thematisch etwas anderem zu.

Nach der Sitzung im Gespräch mit meiner Kollegin versuche ich mit kühlerem Kopf zu verstehen, was möglicherweise gerade passiert ist und welche Fragen für mich daraus folgen. Wie ist diese Interaktion entstanden? Welche Wechselwirkungsprozesse zwischen den Teilnehmen haben möglicherweise eine Rolle gespielt und was habe ich dazu beigetragen? In welchem (inneren) Kontext der Patient*innen ergibt es Sinn, diffuse Aggressionen, die vermutlich im Zusammenhang mit Hilflosigkeit, Kränkung, Trauer und Verzweiflung stehen, gegen bestimmte Menschengruppen zu richten, die nicht für ihr Unglück verantwortlich sind? Von den Gruppenteilnehmenden kam kein Widerspruch zu den Pauschalisierungen. Waren sich tatsächlich alle einig oder blieb etwas ungesagt? Und wenn ja, aus welchen Gründen?

Die Teilnehmenden und damit auch die Themen in unseren Gruppen wechseln meist von Sitzung zu Sitzung, so dass wir in der darauffolgenden Gesprächsrunde nicht mehr anknüpfen. Obwohl mich die Sitzung sehr gefordert hat, wäre ich definitiv neugierig: Welche inneren Reaktionen hatten Patient*innen auf meine Positionierung und auf welche Art könnten wir weiter darüber ins Gespräch kommen?

Mich hinterlässt die Sitzung nachdenklich und berührt. Ich versuche seitdem sensibler dafür zu sein und näher nachzufragen, wenn plötzlich Pauschalisierungen im Raum stehen. Eine Frage, die mich auch beschäftigt: Wie können wir in unserer Arbeit im Kontext der aktuellen politischen Lage einen Unterschied machen, der einen Unterschied macht? Hinterlasst gern dazu einen Kommentar mit euren Gedanken und kommt mit uns darüber ins Gespräch!

Anstrengend sein

In meiner therapeutischen Arbeit spreche ich mit meinen Klient*innen oft über Wut. In den Gesprächen mit Frauen geht es meistens darum, diese Emotion überhaupt anzuerkennen und in das Selbstbild zu integrieren. Oft wird Wut negativ bewertet, als unangenehm markiert. Andere könnten mit Abgrenzung und Abwertung reagieren, deswegen wird der Ärger eher unterdrückt oder geschluckt, anstatt ihn als Hinweis für die eigenen Grenzen zu interpretieren.

Dabei kann weibliche Wut aus Unterdrückung, Ungerechtigkeit oder Diskriminierung resultieren und hat die Kraft, diese Strukturen aufzubrechen und zu verändern. Gleichzeitig oder gerade deswegen gelten wütende Frauen als abstoßend, dramatisch, nicht weiblich und verrückt. Wütende Frauen sind hässliche Frauen. Wütende Frauen werden als weniger kompetent eingeschätzt.

Auch ich habe sowohl in privaten als auch beruflichen Beziehungen die Erfahrung gemacht, dass mein geäußerter Ärger, z.B. nur in Form einer kritischen Rückmeldung, in manchen Kontexten bagatellisiert, lächerlich gemacht, pathologisiert bzw. mir meine Wahrnehmung abgesprochen wird. Dabei scheinen die Strategien einem bestimmten Muster zu folgen. Angesprochene Personen fokussieren auf die Emotion, die transportiert wird, und gehen nicht auf inhaltliche Komponenten ein. Gleichzeitig wird der Vorwurf zurückgegeben, dass der gewählte Ton nicht angemessen sei. Damit tauschen sich plötzlich die Rollen zwischen der kritisierenden und kritisierten Person. Das verwirrt und macht zunächst sprachlos. Bleibe ich dann mit meiner inhaltlichen Position hartnäckig, gelte ich schnell als anstrengend und erschöpfend.

Und wieder drängt sich die kollektive Erfahrung von Frauen und anderen marginalisierten Gruppen auf, die sich einfach nur in andere Worte als noch vor 100 Jahren kleidet. Wir sind eben nicht mehr hysterisch, sondern zu emotional und anstrengend. Ein klassisches Ablenkungsmanöver von berechtigter Kritik.

Auch oder gerade im systemischen Kontext mache ich diese Erfahrung. Unmut zu äußern scheint an sich schon verpönt, nicht Ressourcen- und Lösungsorientiert genug. Kritik trifft auf Rechtfertigungen und vermeintlich neutrale Äußerungen, die sich letztlich doch als Positionierungen lesen lassen. Nämlich für einen Status quo, der von strukturell verankerter Ignoranz von bestimmten Stimmen profitiert.

Aus systemischer Perspektive könnte ich mich nun fragen, worum geht es eigentlich? Was steckt hinter den Positionen, die schnell sehr vehement vertreten werden? Ein als besonders stark interpretierter Gefühlsausdruck, deutliche, wütende Worte können möglicherweise Ausdruck für eine ganze Kette von Unterdrückungserfahrungen stehen, die sich in diesem Moment entladen. Vielleicht wurde vorher schon so viel nicht gehört, dass die einzige Option ein Aufstampfen und Aufschreien zu sein scheint.

Und wozu könnte die Bagatellisierung und Rollenumkehr dienen? Machterhalt wäre meine Hypothese. Denn: Ist Macht das, was Frauen wollen? […] Die Frage […] lässt zudem den Gedanken aufkommen, dass die Untergebenen sich ebenfalls nach Macht sehnen könnten, und das löst damit bei Männern Angst und Bestürzung und bei Frauen Angst und Verlegenheit aus.“ (T.J. Goodrich)

In einem solchen Ringen um Gestaltungsfreiraum und Deutungshoheit lässt es sich schön festbeißen und abarbeiten. Denn wie in Goodrichs Zitat werden bei allen Beteiligten verschiedene verinnerlichte Muster (sexistische wie natürlich auch anderer biografisch und kontextbezogene Wechselwirkungen) mit dazugehörigen Gefühlen und Abwehr aktiviert. Das strengt an und bei fehlender Reflexion dieser Mechanismen aller Beteiligten, ist der Weg zu einer konstruktiven Betrachtung zunächst versperrt.

Wie navigiere ich also am besten in dieser Gemengelage? Ich denke es ist wichtig, Positionen klar zu vertreten, hartnäckig und unbequem zu sein. Doch wenn ich merke, dass sich ein Teil von mir dazu eingeladen fühlt, in dieser (natürlich zirkulär funktionierenden) Dynamik in die Rolle zu rutschen, die mir zugeschrieben wird, trete ich einen Schritt zurück.
Ich distanziere mich also, beobachte den Prozess und wäge die Optionen ab. Wenn ich mit dem gleichen nicht weitergekommen bin, dann sollte ich im systemischen Sinne etwas anderes probieren. Für mich heißt das manchmal, an anderer Stelle weiterzumachen, die mir beweglicher erscheint. Manchmal heißt es für mich auch, klare Konsequenzen zu ziehen und die Beziehungen auf andere Weise zu gestalten.
Denn auch wenn ich kein Gehör finde, muss ich mich nicht mit dem Status quo zufriedengeben und die Gewalt, die darin steckt, akzeptieren. Ich erlaube mir, meine Grenzen zu setzen und versuche darauf zu pfeifen, dass mich mein Gegenüber für anstrengend und schwierig hält.

Inspiriert auch durch: https://www.emotion.de/leben-arbeit/weibliche-wut

Liebe Systemik, ich muss dir widersprechen!

Zunächst möchte ich betonen, dass ich als Systemikerin grundsätzlich von der Wirksamkeit und Effektivität des systemischen Ansatzes überzeugt bin. Ich bin leidenschaftliche Systemikerin durch und durch. Insbesondere die Fokussierung auf Ressourcen und Stärken der Klient*innen, anstatt ausschließlich auf Probleme und Defizite zu blicken, hat sich als äußerst erfolgreich erwiesen.

Doch in letzter Zeit muss ich der Systemik widersprechen: Sie ist mir phasenweise zu lösungs- und ressourcenorientiert.

Es gibt Zeiten, in denen alles schwierig und unübersichtlich ist und in denen Lösungen nicht sofort ersichtlich sind. In solchen Momenten kann es für die Klient*innen und auch für mich als Therapeutin verlockend sein, schnell nach Lösungen zu suchen, um das Unbehagen zu lindern.

Doch kommen wir damit nicht auf ein gesamtgesellschaftliches Thema zu sprechen? Nämlich dem, uns selbst und anderen gegenüber einen enormen Druck auszuüben, stets effizient und produktiv zu sein. 

In unserer Gesellschaft wird Erfolg oft mit Produktivität und Effizienz gleichgesetzt. Es wird erwartet, dass wir jederzeit unsere Arbeit schnell und fehlerfrei erledigen, unsere Ziele konsequent verfolgen und im Leben vorankommen. Diese Mentalität führt dazu, dass wir unsere Emotionen unterdrücken oder ihnen nicht genügend Raum geben. Emotionen werden oft als störend und unproduktiv betrachtet und es wird angenommen, dass sie uns von unseren Zielen abbringen.

Dieses Denken ist jedoch problematisch, da Emotionen Teil unseres menschlichen Seins sind und uns dabei helfen, unsere Bedürfnisse und Grenzen zu erkennen. Wenn wir unsere Emotionen ignorieren oder unterdrücken, können sie uns innerlich belasten und möglicherweise zu körperlichen oder psychischen Erkrankungen führen.

Zu schnell verfallen wir als professionelle Systemiker*innen in die Haltung, immer wieder zu reflektieren, neue Perspektiven aufzuzeigen oder Ressourcen hervorzuheben. Das mag in manchen Fällen eine hilfreiche Methode sein, um den Klient*innen neue Wege aufzuzeigen, kann jedoch auch zu einer Distanz der eigentlichen Themen und Problemen führen.

Zudem liegt der Fokus somit sehr auf der Handlungsebene und die zugrundeliegenden emotionalen Prozesse werden nicht ausreichend berücksichtigt. Klient*innen unterdrücken oder ignorieren Emotionen, um schnellstmöglich zu einer Lösung zu gelangen.

In unserem hektischen Alltag und unserer schnelllebigen Gesellschaft ist es oft schwer, Raum für Emotionen zu schaffen und diese zuzulassen. 

Gerade wir als professionelle Systemiker*innen sollten eine Raum schaffen, in dem Emotionen willkommen sind und nicht als störend oder unnütz betrachtet werden. 

Wir sollten Sorge dafür tragen, dass unsere Klient*innen die Chance haben, sich auch mit ihren Emotionen auseinanderzusetzen und eine gesunde Haltung zu diesen zu entwickeln. 

Wie siehst du das? Hinterlass es uns gern in den Kommentaren – wir sind gespannt!

Wann werden sie verstehen?

Viele Frauen lauschen auf einem Kongress dem Vortrag eines Mannes, der Einfluss hat auf Veränderungsprozesse in Organisationen und der weiß, dass er gerade vor 180 Frauen spricht. Er meint, viele von den Zuhörerinnen hätten davon vielleicht noch nichts mitbekommen, aber es gebe da so Entwicklungen in der IT … Eine Zuhörerin macht deutlich, dass sie an ihrem Arbeitsplatz schon sehr viel weiter sind als bei dem Stand, den er gerade geschildert hat. Viele andere nicken.

Der Redner lobt gerade den Veränderungsprozess einer Organisation, als eine Frau sich zu Wort meldet, die von genau diesem Prozess eine Menge mitbekommen hat. Sie beklagt, dass die Belange von Frauen darin überhaupt keine Berücksichtigung fanden. „Ach ja“, sagt er, „so ist das, wenn man ein neues Auto baut. Da kommen dann Leute und wollen ein fünftes Rad und man muss dann sehen, wie man all die Räder noch in das neue Auto integriert.“ – Soso, Frauenbelange sind also das fünfte Rad am Wagen. Klarer lässt sich männliches Denken nicht zum Ausdruck bringen. Aber es geht noch weiter.

Er zeigt den Frauen das Bild eines heute gängigen Autos (keine Ahnung, was das für eins ist, ich habe überhaupt nicht darauf geachtet). Damit will er deutlich machen, dass wir uns mental noch in einem Zustand befinden, der sich für ihn am besten mit dem Fahren eines Autos mit dem heute üblichen technischen Standard vergleichen lässt. Man ist auf die herkömmlichen Armaturen eingestellt und geht davon aus, dass diese so bleiben werden. Und da müsse sich in den Köpfen noch einiges verändern. Meine Sitznachbarin und ich schauen uns vielsagend an. Wir können uns nicht vorstellen, dass die anderen 180 Frauen in diesem Raum sagen: „Ach, stimmt, ich muss mich wohl auf ein neues Auto-Cockpit einlassen. Ich werde mein heiß geliebtes Auto-Armaturenbrett sicher sehr vermissen.“

Immerhin ist es für die Frauen keine Selbstverständlichkeit mehr, dass sie mit dieser männlichen Ignoranz konfrontiert werden: Immer mehr Teilnehmerinnen stehen auf und gehen kurz raus oder unterhalten sich. Aber dass diese Sorte Männlichkeit, die sich weiterhin in den verantwortlichen Positionen breit macht, ausstirbt, darauf werden wir wohl noch lange warten müssen.