Angeregt durch den Beitrag von Gila Klindworth vom 24. Juli 2026, möchte ich gerne einen weiteren Begriff in die Diskussion rund um Neutralität und Allparteilichkeit einführen: Solidarität.
Das Konzept von Neutralität und Allparteilichkeit ist ein wesentlicher Bestandteil systemischer Haltung. Aber schon Schlippe und Schweitzer schrieben bereit 1996 in Ihrem Lehrbuch:
„Neutralität ist ein häufig missverstandener Begriff. Neutralität heißt nicht, keine Meinung zu haben, sondern lediglich diese nicht in einer doktrinären Form einzubringen (…). Neutralität meint auch nicht kühle Distanziertheit“ (Schlippe u. Schweitzer, 1996, S. 119).
Sie definieren, dass „Allparteilichkeit die Fähigkeit [ist], für alle Familienmitglieder gleichermaßen Partei ergreifen zu können, die Fähigkeit, die Verdienste jedes Familienmitgliedes (an)zuerkennen und sich mit den beiden Seiten ambivalenter Beziehungen identifizieren zu können“ (ebd.).
Die aktuellen Diskussionen über Neutralität und Allparteilichkeit sind meiner Ansicht nach den gesellschaftlichen Entwicklungen geschuldet. Es herrscht auch in der systemischen Community eine höhere Sensibilität für die Bedeutung von Unterschieden in gesellschaftlichen Positionierungen (siehe hierzu Gold 2021 et al, Masurek 2023, Mmari u. Sarr-Mahmoudi 2025,) und das damit einhergehend die Konzepte von Neutralität und Allparteilichkeit diskutabel sind.
Ich teile diese Einschätzung, auch wenn ich gleichzeitig überzeugt davon bin, dass systemische Perspektiven, die sich aus Kybernetik, Systemtheorie und Konstruktivismus speisen unbedingt Bestand haben sollten, da sie nach wie vor einen Unterschied in der beraterisch/therapeutischen Landschaft machen. In der Arbeit im Mehrpersonensetting ist es aus meiner Sicht immer noch zielführend für den Aufbau einer Arbeitsbeziehung, wenn wir dem Prinzip der Allparteilichkeit folgen, um mit allen Beteiligten eine gute Arbeitsbeziehung entwickeln zu können (Borst u. von Sydow 2018). Auch die Neutralität z. B. gegenüber Zielvorstellungen, individuellen Wirklichkeitskosntruktionen und Wahrnehmungen, sind aus meiner Sicht grundsätzliche wichtige Aspekte systemischer Haltung und Arbeitsweise (Schwing u. Fryszer 2012).
Mir scheint aber, mit beiden Konzepten stoßen wir manchmal an Grenzen dessen, was Menschen benötigen. Wenn Menschen traumatisches erlebt haben, leidvolle Erfahrungen gemacht haben, scheinen mir beide Konzepte nicht mehr immer stimmig und angemessen.
Unser Angebot an Menschen sollte Ankopplung ermöglichen, um ein hilfreiches Arbeitsbündnis aufbauen zu können. Aufgrund der benannten gesellschaftlichen Entwicklungen verändern sich möglicherweise auch die Anforderungen an systemisch beratende Personen.
Mein Plädoyer dafür die Solidarität neben Neutralität und Allparteilichkeit zu stellen, erwächst aus der Überzeugung, dass wir manchmal der Lebenswelt der Klient*innen näherkommen müssen, um unterstützend wirken zu können. Wenn ich täglich z. B. mehrfach von Misogynie, Rassismus, Queerfeindlichkeit, von Armut und Deprivilegierung betroffen bin, benötige ich solidarische Menschen an meiner Seite, die als Zeug*innen fungieren, mir meine Realität glauben und mich in meiner Wahrnehmung unterstützen. Das ist aus meiner Sicht mehr als Allparteilichkeit. Mein Erleben in der praktischen Arbeit ist, dass Menschen Zugehörigkeit suchen und ein Gefühl von Verbundenheit benötigen, um Veränderungsfragen, Trauer und Leid verarbeiten zu können. Solidarität ermöglicht dies eher als Neutralität und Allparteilichkeit
Solidarität ist die Überzeugung einer Gemeinschaft die dadurch Verbundenheit erlebt (nach Viekandt 1928). Demnach wäre Solidarität Teil von Anerkennung der erlebten Wirklichkeit, keine Parteinahme im eigentlichen Sinne, sondern Anerkennung verschiedener Realitäten, sowie benennen, anerkennen und reflektieren gesellschaftlicher Exklusionsmechanismen (Luhmann 2018). Diese Kontextsensibilität ermöglich eine andere Reflektion der jeweiligen Lebenssituation für Klient*innen selbst. Fachkräften eröffnet die solidarische Haltung eine andere Annäherung an die Lebensrealität der Menschen und verändert so möglicherweise das beraterisch/therapeutische Handeln.
Literatur
Gold, I., Weinberg, E., & Rohr, D. (o. J.). Das hat ja was mit mir zu tun!? Macht- und rassismuskritische Perspektiven für Beratung, Therapie und Supervision. Carl-Auer.
Masurek, M. (2023). Die Idee der Gleichgültigkeit im systemischen Arbeiten: Eine machtkritische Perspektive auf das systemische Handeln und die Prinzipien der Neutralität und Allparteilichkeit. systeme, 37(2), 169–183.
Mmari, J., & Sarr, E.-M. (2024). System.Macht.Rassismus: Zur Notwendigkeit einer intersektionalen Rassismus- und Machtkritik aus Schwarzer systemischer Perspektive. In T. Kuhnert & N. Siller (Hrsg.), Systemik, die: Feministische Perspektiven systemischer Theorie und Praxis (S. 202–232). Vandenhoeck & Ruprecht.
Vierkandt, A. (1969). Solidarität. In W. Bernsdorf (Hrsg.), Wörterbuch der Soziologie (2., neubearb. u. erw. Aufl., S. 944–946). Ferdinand Enke.abebooks+1
von Schlippe, A., & Schweitzer, J. (2012). Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I: Das Grundlagenwissen. Vandenhoeck & Ruprecht.
