Wie queersensibel ist die systemische Community?

Seit Anfang Juni finden in zahlreichen Städten Deutschlands und weltweit wieder Pride Paraden (Christopher Stress Days) statt.

Bis vor zwei/drei Jahren gab es viele Stimmen heterosexueller Menschen, die zu dieser Zeit fragten: „Brauchen wir eigentlich noch CSD`s!?“ – Ihr seid doch anerkannt und dürft jetzt sogar heiraten!“.

Sind wir also angekommen, in der Zukunft der Gleichstellung verschiedener sexueller Identitäten und Lebensmodelle? Leider nein!

Ich beobachte in unserer Gesellschaft eine Gleichzeitigkeit von wachsendem Pluralismus sowie Verflüssigung von Geschlechternomen und Familien- und Paarmodellen; parallel eine Verfestigung konservativer Vorstellung von Geschlecht, Rollen- und Familienmodellen.

Wie bereits an verschiedenen Stellen in den vergangenen Jahren möchte ich auch hier u. a. darüber schreiben, dass Systemisches Arbeiten aus meiner Sicht implizit politisch ist.
Die Annahme, dass jedes Verhalten Sinn im jeweiligen Kontext macht; Wirklichkeit eine Konstruktion ist und es keine Wahrheit gibt, ist in sich radikal und verneint autoritäres und starres Denken und Handeln. Auch die Bedeutung des Kontextes für Systemiker*innen lässt politische Dimensionen nicht außen vor. Das ermöglicht es grundsätzlich auch queere Lebensrealitäten innerhalb einer heteronormativen Gesellschaft als relevanten Kontext zu betrachten und dadurch entstehende Wechselwirkungen zu beobachten und als relevant zudenken.

Wenn wir als Berater*innen/Therapeut*innen grundsätzlich davon ausgehen, die Wahrheit nicht zu kennen, mit jedem Gespräch fremde uns unbekannte Welten betreten, dann sind wir verpflichtet, auch hinsichtlich Geschlecht, Geschlechtsidentitäten und Beziehungsmodellen offen und neugierig zu sein; neutral und allparteilich jeder Identität, jedem Lebensmodell gegenüber. Zur Diskussion bzgl. des Neutralitätskonzepts möchte ich auf den Artikel von Martina Masurek in systeme 2/2023 „Die Idee der Gleichgültigkeit im systemischen Arbeiten Eine machtkritische Perspektive auf das systemische Handeln und die Prinzipien der Neutralität und Allparteilichkeit“ hinweisen.

Feminist*innen und Queer-Aktivist*innen haben von jeher betont, dass der Kontext bedeutsam für das Verständnis für Personen und das Private politisch ist. Der aufsehenerregende WDR-Film von Rosa von Praunheim aus dem Jahr 1971(!) hatte den Titel: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt.“
Zwei sehr systemische Ideen, die außerhalb des systemischen Diskurses Relevanz bekommen haben.

Trotzdem haben Familientherapeut*innen in der Vergangenheit dazu beigetragen, dass Rollen und Familienbilder sich verfestigt haben; und ein patriarchal-konservatives Bild von Familien und Partnerschaft immer wieder reproduzieren. Siehe hierzu u. a. den aktuellen Artikel von Trung Hoàng Lê in der ZSTB 2/2026 „Zwischen Joining und Ausschluss: Minuchin, Machtverhältnisse und feministische Systemik“; sowie Buch Kuhnert/Siller (2025): „Sexualisierte Gewalt und Familientherapie im von Ihnen herausgegebenen Buch Systemik, die, Göttingen, Vandenhoeck und Ruprecht, S. 277 ff.

Systemische Theorie und Methodik ist nach wie vor sehr heteronormativ und binär geprägt. Hier einige Beispiel:

  • Wie beschreiben wir die typischen Entwicklungsaufgaben von Familien? Gibt es diese überhaupt oder sind dies bürgerliche Normvorstellungen?
  • Warum symbolisiert man eigentlich als erstes das Geschlecht im Genogramm?  
  • Wie zeichnet man eine Polybeziehung?
  • Warum kennt kaum jemand das Buch „Systemtheorie und Gender. Das Geschlecht im Netz der Systeme“ von Christine Weinbau (2004), erschienen im Verlag für Sozialwissenschaften, indem sie sich auf Basis der luhmanschen Systemtheorie mit Geschlechtskonstruktionen auseinandersetzt?
  • Welche Unterschiede macht es, ob ich ein queeres Paar berate oder ein heterosexuelles?
  • Warum wird queer-sein als Symptom für Systemdynamiken betrachtet und nicht einfach als das, was sie ist: Identität?
  • Welche Bedeutung hat es, dass in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung immer noch danach gesucht wird, wer denn nun die Männer-Rolle und wer die Frauen-Rolle innehat?
  • Usw.

Aus meiner Sicht wird die Beobachtung 3. Ordnung nicht konsequent genug gedacht. Es wird zwar darauf verwiesen, dass die Beobachtung immer eine Beobachter*innenperspektive ist, damit subjektiv, da ich immer nur aus meinem Blickwinkel Phänomene sehen kann, die ich beobachte. Dabei wird jedoch die gesellschaftliche Positionierung, z. B. weiß, weiblich, heterosexuell, in Europa geboren und aufgewachsen als Einflussfaktoren nicht konsequent genug mitbedacht. Also, dass meine Beobachtung und deren Bewertung immer auch von meiner gesellschaftlichen (Ohn-)Machtstellung geleitet ist. Das führt dazu, dass z. B. Familie immer bestehend aus Cis-Mann, Cis-Frau und zwei Cis-Kindern (im besten Falle ein Junge und ein Mädchen) gedacht wird. Es bedarf schon einer besonderen Aufmerksamkeit, nicht automatisch dieses innere Bild aufsteigen zu lassen.
Dieses Beispiel macht auch deutlich, dass unser Denken, auch als Systemiker*innen, stark von binären Bildern geprägt ist: Z. B. Mann-Frau. Da ich auf dieses komplexe Phänomen her nicht weiter eingehen kann, empfehle ich für diejenigen, die sich näher mit der Bedeutung von Binarität und binärem Denken beschäftigen möchten zum Einstieg : Michael Ebmeyer (2023). Nonbinär ist die Rettung. Ein Plädoyer für subversives Denken. Carl-Auer.

Zahlreiche (heterosexuelle) systemische Kolleg*innen schauen mich verwundert an, wenn ich oben genannte Fragen und Themen aufbringe. Mein Eindruck ist, aufgrund der systemischen Haltung von Neutralität und Allparteilichkeit (s.o.), dem Bewusstsein für Konstruktivismus und Wirklichkeitskonstruktionen gibt es das Selbstbild, dass Systemiker*innen genügend Offenheit und Toleranz mitbringen, um queersensibel zu sein – also queersensibel sind.
Das reicht leider nicht aus.

Vor einigen Jahren, als ich meine ersten Schritte in der systemischen Welt machte und gemeinsam mit einer älteren Kollegin einen Workshop auf einer DGSF-Tagung gab, wurde ich von ihr genötigt, in der Vorstellungsrunde etwas zu meiner Lebenssituation (unverheiratet, lesbisch, ohne Kinder) zu sagen. Sie würde sich doch auch vorstellen und es wäre ja wichtig, dass Teilnehmende etwas über unsere persönlichen Kontexte wüssten, wegen der Kontextrelevanz. Sie sah gar kein Problem darin, dass ich von mir erzähle – hatte kein Bewusstsein dafür, dass dies ein Outing und möglicherweise (wiederholte) Diskriminierungserfahrung bedeuten könnte – auch im systemischen Kontext; auch heute noch.

Systemisch Denken und Handeln bedeutet nicht per se tolerant und diskriminierungssensibel zu sein. Wer diskriminierungssensibel systemisch arbeiten möchte, muss verstehen, dass auch wir patriarchale, queerfeindliche, rassistische Muster reproduzieren (können).

Liebe Kolleg*innen, wenn ihr wirkliche Unterstützer*innen (Allys) sein möchtet, dann erweitert eure Perspektiven und Denkmodelle und öffnet euch queeren Lebensrealitäten.
Wenn wir miteinander in einen breiteten Dialog kommen würden, wären wir gemeinsam viel näher dran an der Verflüssigung rigider, starrer Muster auch für heterosexuelle Paare und Familien und die ganze Gesellschaft. Aber ein offener Dialog ist erst möglich, wenn queeres Leben nicht mehr als anders, sonderbar oder schillernd wahrgenommen wird (Othering), sondern einfach als Leben. Erst dann begegnen wir uns in einem Raum, der für alle gleichrangig und sicher ist. Dann könnte noch mehr Freiraum entstehen, um gemeinsam über Musterveränderungen für alle Einzelne, Paare / Beziehungssysteme, Familien u. a., nachzudenken und neue Möglichkeiten von Beziehungsgestaltung entstehen zu lassen, die bestehende Normen verflüssigen würden.

Vielleicht hissen deswegen plötzlich so viele Institutionen und Organisationen die Regenbogenfahnen, weil sie eine Ahnung davon haben, dass wenn queere Personen frei und ernsthaft gelebter, selbstverständlicher Teil von Gesellschaft sind, dies für alle mehr Freiheit bedeutet.

In diesem Sinne: Happy Pride for all!

Tanja Kuhnert