Opfer sein – das hättet ihr wohl gern

Mitte Februar erschien das Buch von Gisele Pelicot auf dem deutschen Buchmarkt. Mich interessierte daran, wie diese Frau es geschafft hatte, eine solche Stärke zu entwickeln, dass sie sich für den Gerichtsprozess gegen ihren Mann und über 50 weitere Vergewaltiger der Öffentlichkeit aussetzte und damit ihr ganzes Leben offenbarte, und wie sie es überhaupt geschafft hat, mit dem Geschehenen umzugehen. Ich nehme an, dass alle Leser_innen wissen, worum es geht, und will das hier nicht noch einmal ausbreiten. (Zum Nachlesen: https://taz.de/Memoiren-von-Gisele-Pelicot/!6155045&s=Pelicot/) In diesem Text beschränke ich mich darauf zu beschreiben, was ich aus ihren Schilderungen herausgelesen habe, auch wenn sie es vielleicht anders meinte.

Gisele Pelicot, die gar nicht mehr so heißt, weil sie nach der Scheidung von ihrem Mann ihren Geburtsnamen wieder angenommen hat, nahm sich weder als Heldin noch als starke Frau wahr. Sie betont immer wieder, dass es ihr in ihrer Auseinandersetzung mit dem Geschehenen darum ging, dem „Nichts“ zu entkommen – dem zu entkommen, dass sie ihr Leben als verkorkst, ihre Lebensentscheidungen als falsch und ihr Vertrauen in ihren Mann, mit dem sie 50 Jahre verheiratet war, als Dummheit ansehen musste. Und deshalb fand ich ihr Buch so interessant, auch aus systemischer und aus der Perspektive von Beratenden und Therapeut_innen. Sie versucht zu erklären, warum sie sich auf eine Art und Weise verhielt, die viele andere als seltsam, vielleicht auch als nicht angemessen, ansahen.

Gisele Pelicot lässt uns teilhaben an ihrem Prozess der Auseinandersetzung mit dem Unvorstellbaren. Alles, was bisher gegolten hatte, sollte nicht mehr gelten, aber sie klammerte sich daran, dass vieles in ihrem Leben gut war. In Beratung und Therapie begegnet uns das ja auch immer wieder, dass Menschen an ihren Konzepten festhalten, auch wenn es für uns so klar erscheint, dass das nicht mehr funktioniert. Aber häufig kann eben nicht sein, was nicht sein darf. Erst nach und nach findet Gisele Pelicot Kraft, und erst dann kann sie sich neu erfinden. Mich macht das einmal mehr demütig, weil es mich daran erinnert, wie viel Respekt wir den Lösungsversuchen der Klient_innen entgegenbringen können, und dass wir nur dazu da sind, sie bei ihrer Suche nach den für sie passenden Wegen zu unterstützen. Und ich bin immer neugierig darauf, wie Menschen es schaffen, unüberwindbar Scheinendes zu bewältigen.

Pelicot erläutert, wie sie versuchte, nicht zusammenzubrechen, und sich deshalb in bestimmten Situationen erstaunlich gefasst und unnahbar verhielt. Und sie verteidigte ihre Ehe mit ihrem Peiniger, der seine monströsen Gedanken und Handlungen hinter einer liebevollen Fassade sehr gut verbergen konnte, so gut, dass seine Frau und seine Kinder ihn als wirklich liebevoll wahrnahmen. Gisele Pelicot beschreibt seine und ihre Kindheit, um zu erklären, wieso sie zueinander fanden und so lange zusammen blieben. Für sie war ihre Ehe absolut folgerichtig, und sie legt dar, wieso es für die beiden gar nicht anders ging, damit sie ihrer beider Vergangenheit entkommen konnten. Sie merkte nicht, dass ihr Mann seiner Vergangenheit eben nicht entkam. Sie zitiert in ihrem Buch die Verteidigerin ihres Mannes: „Als Dominique Pelicot seine spätere Frau kennenlernte, heilte sie ihn nicht, sie versöhnte ihn mit sich selbst.“

Gisele Pelicot machte die Gerichtsverhandlung öffentlich, weil ihr klar wurde, dass sie und ihre Angehörigen ansonsten den vielen Mitangeklagten alleine gegenüberstehen und von ihnen angeschaut werden würden. In einem öffentlichen Prozess konnte die ganze Welt auf die Vergewaltiger sehen, und nicht sie stand als Opfer im Fokus. Sie weigerte sich, in die Opferhaltung zu gehen, so wie die Öffentlichkeit sie sehen wollte. Gerade ihren Peinigern konnte sie paradoxerweise dadurch die Stirn bieten. Denn die zogen Gisele Pelicot in den Dreck, indem sie versuchten, sie zur Schuldigen zu machen und sie als Mittäterin zu inszenieren, die das selber gewollt habe oder wahlweise ihrem Mann vollkommen hörig war. Um unschuldig zu sein, müsse sie eine gebrochene Frau sein. Doch den Gefallen tat sie ihnen nicht. „Also musste ich ihr ein Gesicht geben, dieser Geschichte, und den geschundenen Körper rehabilitieren, … ihm eine Stimme, eine Haltung, einen Ausdruck verleihen, und auch Eleganz, all das, was eine Vergewaltigung zunichtemachen will. Und da war vor allem diese Menschenmenge, diese Frauen … Wie sollte ich denen, die auf mich warteten und einen Mut priesen, der mir selbst gar nicht bewusst war, vermitteln, dass ihre Anwesenheit draußen für mich ein Gegengift war … ?“

Der Elefant im Zimmer

Eigentlich hatte ich vor, in diesem Text einen Konflikt an meinem Arbeitsplatz und meine Beobachtungen zu Interaktionen zwischen Frauen und Männern zu schildern. Doch: nur beim Daran denken verging mir schon die Lust. In mir sperrte sich etwas, mich erneut in den Ärger und das Ohnmachtsgefühl, das mich begleitete und immer noch nicht ganz loslässt, hineinzubegeben. Ich entschied mich letztendlich für einen ressourcenorientierten Zugang und schreibe nun über das, was nützlich war.

Das Buch „Der Elefant im Zimmer“ von Petra Morsbach (empfohlen von einer geschätzten Kollegin) half mir in dieser Situation nicht das erste Mal aus einer inneren Zwickmühle. Die Autorin beschreibt ausführlich drei Fälle, in denen die Beteiligten (im letzten Fall auch sie selbst) mit den „Mächtigen“ in Konflikt gerieten.

Die Idee entstand aus der eigenen Erfahrung sowie dem Austausch mit Kolleg*innen und Bekannten. Während letzterem entstand bei ihr der Eindruck, dass Konflikte mit „Mächtigen“ nach ähnlichen Mustern abzulaufen scheinen:

  1. Angehörige eines Systems wehrten sich gegen eine problematisch Anweisung oder wiesen auf Fehler hin, in der Erwartung von Abhilfe.
  2. Vorgesetzte ignorierten den Hinweis oder ließen diesen nach einer Scheindiskussion versanden.
  3. Nachhaken führte ironischem Entgegenkommen, Spott, Einschüchterungsversuche, Drohungen und Disziplinarmaßnahmen.
  4. Wenn die Kritik am Chef als Kritik an der Institution gesehen wurde, richtete sich die Stimmung der Belegschaft gegen die Kritiker*innen, Solidarität verschwand.
  5.  Korrekturen gab es wenn überhaupt nach schweren Schäden, Skandalen oder Sanktionen.

Morsbach geht mit Hilfe ihrer drei Beispiele von „Widerstand gegen Machtmissbrauch“ auf eine „literarische Erkundungstour“.

Ihre These: Die Verleugnung der Macht (des Elefanten im Raum) ist das Kernproblem.  Liegt bei Personen, die Macht in Institutionen innehaben, eine Kombination aus Machtorientierung (also eines Strebens nach Selbstaufwertung und Anerkennung durch diese Position) UND Machtleugnung, mit der individuelle Verantwortung zurückgewiesen wird („Ich kann da nichts machen.“) vor, entsteht ein Paradoxon, das schwer aufzulösen ist. Weiterhin bemerkt sie, komme erschwerend hinzu, dass jede Person, die das Problem im Verlauf „unwidersprochen hinnimmt, wird zum Komplizen und muss sich angegriffen fühlen, wenn es auf den Tisch kommt.“

Die Autorin legt in ihren Ausführungen den Fokus auf die Dynamiken, die auf die Aufdeckung des Problems folgen, beleuchtet die Sprache, in der die Konflikte geführt wurden, und möchte tiefer liegende (unbewusste) Motive explorieren.

Ihre Frage: Können „Unmächtige“ mit legalen Mitteln Machtmissbrauch praktisch abhelfen? Und wenn ja wie? Ihre Antwort im Nachwort: Jein. „Eigentlich nicht, aber sie sollten es trotzdem versuchen, denn das bewirkt etwas.“

Auch wenn die Konflikte mit „Mächtigen“, in denen ich beteiligt war, nicht ganz diesem Muster entsprachen, erleichterte es mich ungemein, dass es sich anscheinend um eine geteilte Erfahrung handelt. Das Buch gab mir die Chance, sprachliche Muster abzugleichen und in den „Machtkontext“ einzuordnen, auch wenn meine Beispiele in vergleichsweise kleineren Organisationseinheiten stattfanden. Ich fühlte mich dann nicht mehr so ohnmächtig. Eine schöne Erkenntnis war auch, Unterschiede in den Mustern zu entdecken. Ich war zum Glück nie allein als Kritikerin, sondern Teil einer Gruppe und die Solidarität untereinander blieb uns auch erhalten. Es war vor allem eine Solidarität unter Frauen, die sich männlich besetzten Machtstrukturen entgegensetzte.  Und: Auch machte ich die Erfahrung, die die Autorin mit „Eigentlich nein, aber sie wollten es trotzdem versuchen, es bewirkt etwas.“ beschrieb. Ich beobachtete oft kleine, manchmal auch größere Veränderungen, die vielleicht in dieser Dosis und/oder nach etwas verstrichener Zeit für das System verträglich erschienen.

Morsbachs Buch ist für mich einfach gute Unterhaltung, weil die Autorin mich mit ihrem persönlich wirkenden Schreibstil in den Bann gezogen hat. Darüber hinaus gibt sie mit dem Buch die Chance, sich mit bestimmten Mechanismen der Macht vertraut zu machen, und stellt am Ende einen Katalog mit 33 Empfehlungen und Überlegungen zur Verfügung, von denen viele in unterschiedlichsten Konflikten anwendbar erscheinen.

Ich möchte den Text mit einem Gedanken der Autorin beenden, der auf die zirkulären Wirkmechanismen in diesen Konflikten eingeht und mich auch immer wieder etwas demütig werden lässt. Sie kommentiert die Dynamik zwischen den Machausübenden und den Kritiker*innen mit folgenden Fragen: „Sind nicht auch sie in Wechselwirkung aufeinander bezogen? Spielt jeder nur eine Rolle in einem größeren Spiel, das er nicht überblickt? Wer hat recht? Wer entscheidet das? Wer verteilt die Rollen?“

Wo stehen wir eigentlich mit der Gleichheit in der Kommunikation zwischen den Geschlechtern?

Auf diesem Blog geht es darum, weibliche Perspektiven auf den systemischen Ansatz zu zeigen, und auch darum, zu zeigen, welchen Einfluss die Frauen auf die Entwicklung des systemischen Ansatzes hatten. Dieser Prozess hat vor Jahrzehnten begonnen, und wir könnten uns fragen, wie weit wir eigentlich gekommen sind, gerade aus therapeutisch-beraterischer Sicht. Als eine, die in den achtziger Jahren begonnen hat, sich mit feministischen Perspektiven zu beschäftigen, interessiert es mich, wie jüngere Frauen das heute sehen. Inwiefern sind die Herangehensweisen von Frauen damals für sie relevant, was ist längst zur Selbstverständlichkeit geworden, welche Themen bleiben aktuell und herausfordernd, und welche werden heute ganz anders gesehen? Und welche weiblichen Perspektiven sind heute im Alltag des systemischen Arbeitens gang und gäbe? Welche gilt es, neu zu diskutieren, für welche sollten wir uns neu sensibilisieren?

Zunächst zur Frage, wie sich die Beziehungen und die Kommunikation zwischen den Geschlechtern bis heute entwickelt haben. Überwunden scheint die alleinige Zuständigkeit und Rolle der Frauen als „nur Hausfrau und Mutter“ und ihre wirtschaftliche Abhängigkeit vom alleinverdienenden Ehemann. Doch wie weit ist es damit gediehen, die Fürsorge- und Erziehungs- sowie Hausarbeit mit anderen zu teilen? Und was heißt es, dass die Rollen sich angeglichen haben? „Irgendwie“ scheinen wir zu wissen, dass es noch einiges zu klären gibt in Bezug auf geschlechtsstereotype Verhaltensmuster, auch wenn sie nicht mehr so eindeutig auf männlich oder weiblich definierte oder gelesene Menschen zutreffen.

Da zeigt sich im Zusammenleben, dass die eher männlich sozialisierten Menschen sich stärker dafür verantwortlich fühlen, das finanzielle Wohlergehen zu sichern, und dass sie (wie ist es nur dazu gekommen?) die lukrativeren Jobs haben und deshalb keine Elternpause einlegen, zumal es im Berufsleben immer noch nicht selbstverständlich ist, dass Männer genau wie Frauen eine Familienpause machen. Und die eher weiblich sozialisierten Menschen haben mehr im Blick, was getan werden muss, damit der Haushalt reibungslos läuft und die Kinder zu den jahreszeitlichen Anlässen oder zum Geburtstag die richtigen Dinge mitnehmen.

Womöglich sind auch in den Auseinandersetzungen des Zusammenlebens verdächtig „typische“ Verhaltensmuster oder Missverständnisse zu sehen, z.B.: „Sie“ fühlt sich nicht gesehen, „er“ hat das Gefühl, dass er ständig kritisiert wird. „Er“ mauert, „sie“ nervt. Und im Beratungskontext: „Sie“ ist den Beratenden unsympathisch, weil sie sich einmischt, fordert, den Profis sagen will, wie sie ihre Arbeit machen sollen, während „er“ sich eher im Hintergrund hält – was erst einmal ganz angenehm ist. Und dann fragt man sich, was „sein“ Anteil an der Beziehungsdynamik eigentlich ist.

Zahlen zeigen, dass Frauen immer noch viel öfter Therapie aufsuchen oder über die Therapien als „depressiv“ definiert werden, während Männer vielfach versuchen, ihren Depressionen zu entkommen durch übersteigerten Aktionismus und Suchtverhalten (s. z.B. https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/depressionen-maenner-100.html).

In öffentlichen Auseinandersetzungen hat sich viel verändert, doch es finden sich auch viele alte Muster wieder bzw. weiterhin: Frauen fühlen sich von Dingen, die Männer sagen und tun, diskriminiert und kritisieren heftig. Männer reagieren darauf mit dem Vorwurf, es „fehle Sachlichkeit“ und die Kritik werde zu emotional vorgetragen, so dass sie sich dann nicht mehr mit den Inhalten der Kritik auseinandersetzen wollen. Zuerst sollen die Frauen von ihrer Art, zu kritisieren, Abstand nehmen und sich auf die von den Männern definierten Regeln der Auseinandersetzung einlassen (s. auch ausführlich: https://die-weibliche-seite-der-systemik.de/anstrengend-sein/).

Sich an die Spielregeln anpassen – das taten Frauen auch, als sie in den achtziger und neunziger Jahren ihr Verhältnis zur Macht thematisierten und versuchten, sich Macht anzueignen, um Unabhängigkeit zu erreichen. Mittlerweile versuchen Frauen häufig, flexibel mit „Kampfangeboten“ umzugehen: sich da auf die von Männern definierten Spielregeln einlassen, wo es sein muss, um sich durchzusetzen, dann aber andere Kulturen des Umgangs etablieren. Im beruflichen Bereich haben sich Machtverhältnisse verschoben, und für effektives Arbeiten wird eher nach anderen Formen der Zusammenarbeit gesucht, wie die Trends zu „New Work“ (z.B. Agilität) zeigen. Dafür sind weiblich sozialisierte Menschen oft viel besser aufgestellt, wenn sie auf den Einsatz von Macht verzichten. Hier tun sich gerade interessante Entwicklungen im Miteinander auf: Wo bleibt die Macht, wer setzt sie wie ein und welche alternativen Verhaltensweisen haben welche Auswirkungen?

Nach meinem Dafürhalten wäre es an der Zeit, eine Diskussion darüber zu führen, welche Verhaltensweisen unser Miteinander nach wie vor auf eine Weise bestimmen, dass eine genderspezifische Zirkularität entsteht? Wir könnten Kommunikation daraufhin untersuchen: Wer nervt hier wen aufgrund welchen Verhaltens, und was hat das mit unserer geschlechtsspezifischen Sozialisation zu tun? Wer ist (kommunikativ) wofür zuständig? Wofür ist genderspezifisches Verhalten eine Lösung? Mal angenommen, wir würden unsere Gefühle und Verhaltensweisen tauschen, wer wäre worüber überrascht / erfreut / beängstigt / empört? Wir können ja nicht einfach entscheiden, uns nicht geschlechtsspezifisch oder andersgeschlechtlich zu verhalten. Dafür müssen wir erst einmal genau anschauen, wo und wie wir das tun, und welcher Kontext zu welchem geschlechtsspezifischen Verhalten einlädt. Im nächsten Beitrag werde ich darauf detailliert eingehen.

Macht weiblich?

„Wir sollten uns nicht davor scheuen, unsere Macht als Berater auszuüben, zum Wohle der Klienten.“ – ???

So ein Satz wird als Einwurf während eines Vortrages auf einer systemischen Fachtagung im Jahre 2023 dahin gesagt, und da es so nebenbei gesagt ist, oder warum auch immer, bleibt er unkommentiert stehen. Da er nun mal in der Welt ist, soll er hier als Aufhänger dienen, um ein kleines Schlaglicht auf das Thema Macht zu werfen.

Zuerst können wir fragen: Haben Beratende überhaupt Macht? Systemiker_innen bemühen ja gerne Luhmann, wenn sie ihre Annahmen fundieren oder Anregungen haben möchten, um sich einem Sachverhalt zu nähern. Luhmann also spricht erst einmal von Einfluss. Diesen haben Personen, die bei anderen Personen Nein-Wahrscheinlichkeiten in Ja-Wahrscheinlichkeiten transformieren, wenn es um die Veränderung von Erleben oder auch von Handeln geht. Sie können nicht „machen“, dass andere ihr Erleben oder Handeln verändern, sondern nur die Wahrscheinlichkeit erhöhen.

Einfluss kann laut Luhmann auf verschiedenen Wegen stattfinden: Über Argumente und Reputation (sachlich generiert), über Autorität (zeitlich generiert), über Meinungsführer_innenschaft (sozial generiert) oder über Macht. Macht wiederum definiert er als Möglichkeit, jemand anderem den Aktionsraum einzuengen oder zu erweitern – sofern die andere Person dies auch für möglich hält.* Diese Möglichkeit kann über Austauschbarkeit gegeben sein. Haben also Beratende Macht? Soll sie über das Ausnutzen von (emotionaler, „organisationaler …) Abhängigkeit ausgeübt werden? Denkbar wäre dies in Zwangskontexten oder in der Psychotherapie, wenn partout kein anderer Therapieplatz zu finden ist. Wäre das förderlich für die Beratung? Ist nicht der systemische Ansatz gerade deshalb z.B. in der Jugendhilfe erfolgreich, weil er Widerstand der zu Beratenden nicht als hinderlich oder symptomatisch, sondern als sinnvolle Abwehr von Dingen betrachtet, die eine Person nicht möchte?

Was selbstverständlich in der Beratung stattfindet, ist Einfluss. Kann die beratende Person die Ja-Wahrscheinlichkeit nicht fördern, findet keine Veränderung statt. In der Regel wird Beratung jedoch mit dem Anspruch verbunden, Anstöße zur Veränderung geben zu können.

Dies als kleines Beispiel dafür, dass es sich lohnen könnte, sich mehr damit zu beschäftigen, wie wir es mit der Macht halten wollen, auch unabhängig von einer Beratungs- oder Therapiesituation. Dadurch könnten wir aus der alten Diskussion herauskommen – lehnen Frauen Macht generell ab oder ergreifen sie sie selber, um männlicher Macht etwas entgegenzusetzen? Letztendlich wollen wir ja Einfluss nehmen, und wir können entscheiden, auf welche Weise wir das versuchen.

Der Griff zu Machtmitteln – also Druck auf andere, etwas zu tun oder zu lassen – erscheint zunächst recht einfach, wenn man denn über solche Mittel verfügt, wie z.B. in einer hierarchischen Position oder bei bestimmten Abhängigkeiten. Aber sie hat immer einen Preis: Drohungen müssen ggf. wahr gemacht werden, was viel Aufwand erforderlich macht. Die andere Person kann in den Widerstand und damit in einen Machtkampf gehen, aus dem niemand „gut“ wieder herauskommt. In der Regel werden Beziehungen beschädigt. Oder die andere Person hat Alternativen, und die Macht zerfällt.

In früheren feministischen Diskussionen wurde die Macht von Männern zunächst verurteilt, dann gab es Differenzierungen: Üben Frauen nicht auch Macht aus, wenn auch weniger offensichtlich, sondern subtil, wie z.B. über emotionalen Druck oder über die Gestaltung und Kontrolle der Details? Eine andere, einflussreiche Position war (und ist) die, Frauen müssten auch Macht wollen, sich aneignen und ausüben, um Gleichberechtigung zu erreichen. Viele Frauen haben seitdem einflussreiche Positionen erreicht und sich darüber Machtmöglichkeiten gesichert. Aber wen wundert es, dass viele Menschen, die mit Macht ausübenden Frauen zu tun haben, seufzen, diese seien nicht anders und schon gar nicht besser als Männer? Es ist also die Frage, wie Menschen – sowohl Frauen als auch Männer -, die Macht haben, mit Macht umgehen können oder sollten, damit Gleichberechtigung für alle stattfinden kann.

Männer haben tiefgreifende Lernerfahrungen darin, ihren Einfluss sozial zu generieren. Auch in systemischen Kontexten geraten wir immer wieder in Situationen, in denen Frauen zuschauen und klatschen, wenn sich die Männer selbst darstellen und wenn sie definieren und gestalten. Frauen merken oft noch nicht einmal, wenn die „Spielchen“ ablaufen. Ein Mann schilderte sein Verhalten im beruflichen Kontext in etwa so: „Ich schaue genau, wer was sagt, wer Einfluss hat und wann ich was sage und wessen Position ich jeweils unterstütze.“ Viele Frauen wollen diese „Spielchen“ nicht spielen. Sie versuchen meistens erst einmal, mit Argumenten Einfluss zu nehmen, womit sie dem Ideal demokratischer Auseinandersetzung und Einflussnahme entsprechen. Aber unter welchen Umständen setzt sich das beste Argument durch und wer legt fest, welches Argument das beste ist? Viele Frauen haben sich eigene Netzwerke erarbeitet, sprechen sich ab und unterstützen sich gegenseitig. Häufig ist dies ein sehr bewusstes Vorgehen, kein intuitives, automatisches Handeln.

Wenn der Begriff „Autorität“ fällt, verwechseln viele Menschen das mit „autoritär“ und sagen, dass sie keine Autorität sein wollen. Besonders Frauen haben Angst davor, autoritär aufzutreten. Autorität war lange Zeit mit Macht verknüpft, und das ist nicht dasselbe wie das, was unter Autorität ursprünglich und eigentlich verstanden wurde und wird oder werden könnte. Autorität lässt sich als eine Beziehungskonstellation definieren, in der die an dieser Beziehung Beteiligten nicht gleich sind. Das heißt: die Beziehung ist komplementär. Autorität, die nicht an Macht gekoppelt ist, wird symmetrisch gerahmt: Autorität wird einer Person von anderen zugestanden und kann jederzeit aberkannt werden. Wer Autorität haben will, muss sie gewinnen. Dann kann man mit dieser Autorität Einfluss nehmen. Die Bereitschaft, sich im Erleben und/oder Handeln an einer Autorität zu orientieren, steigt.

Wie also wollen wir Einfluss nehmen?

*Luhmann, Niklas: Macht. Konstanz und München 2012, 4. Auflage, S. 83 ff