Die Leerstelle als Herausforderung

Sarahs Beitrag hat mich zum Nachdenken angeregt. Auch ich habe in meiner Arbeit auf einer psychiatrischen Station einige Frauen begleitet, die aus meiner Sicht mit einer Leerstelle, vielleicht die Leerstelle „Frau“, in Kontakt kamen. Diese Frauen beschrieben Symptome wie Erschöpfung, innere Unruhe, Ängste vor der Zukunft und Schlaflosigkeit. Etwas näher zu ihrer Lebenssituation und ihrem Alltag gefragt schien dieser geprägt von den Rollen als Partnerin, Mutter und Versorgerin. Die Krise schien sich dann in unterschiedlichen Kontexten zu entwickeln: Sie erlebten eine Überforderung mit den Ansprüchen der Rollen, da sich die Umstände veränderten. Sie pflegten vielleicht zusätzlich Angehörige oder bemerkten, dass sie den Anforderungen aufgrund von alters- oder gesundheitsbedingten Veränderungen nicht mehr gerecht werden konnten. Oder Aufgaben fielen weg, Kinder zogen aus, Partner wurden von anderen gepflegt.

Besonders interessant für mich war, dass die Frauen, denen ich in diesem Kontext begegnete, hartnäckig nach einer medikamentösen Behandlung oder Umstellung verlangten. Es müsse doch ein Mittel geben, das die quälenden inneren Zustände lindere. Eigene Interessen und Wünsche zu explorieren und diese in ihr Umfeld zu tragen, schienen ihnen gar nicht in den Sinn zu kommen. Vorsichtig nach Möglichkeiten gefragt, stieß ich des Öfteren auf eine Mauer.

Ich fragte mich dann: Welche Nebenwirkung hat meine vermeintliche „Lösung“ für die Frauen. Welches Risiko bringt es vielleicht in ihrem Lebenskontext, wenn sie plötzlich mit einer Leerstelle in Kontakt kommen? Was passiert, wenn sie eigenes neben der Rolle als Versorgerin explorieren und möglicherweise auch noch dafür einstehen? Wie könnte das Umfeld reagieren und welche Bedeutung hat diese Reaktion für die Frauen? Welches Risiko birgt diese „Lösung“ vielleicht auch für ihr Selbstbild?

Sarah merkte dazu an, „wie früh viele Frauen lernen, sich über Rollen zu definieren, weil das Sicherheit gibt.“ Diese Sicherheit zumindest zum Teil aufzugeben und auch den Gewinn, den solche Rollen mit sich bringen, bringt vielleicht nicht nur in Kontakt mit einer Leere, sondern auch mit einem möglichen Verlust.

Doch wie gehe ich nun therapeutisch vor, wenn der Möglichkeitsraum zunächst begrenzt erscheint? Im Austausch mit meinen Kolleginnen entstanden folgende Ideen: Vielleicht gilt es erstmal, diese Leerstelle gemeinsam auszuhalten und zu würdigen, was bisher war und geleistet wurde. Auch wenn ich den Wunsch nach einer medikamentösen Behandlung reflexartig und sehr unsystemisch als „Widerstand“ einordnete, ist er möglicherweise Ausdruck einer Loyalität gegenüber einem bisher gut funktionierenden System und dessen Beziehungsmustern. Die Symptome könnten gleichzeitig die Grenze für das, was in diesem System unter bisherigen Bedingungen leistbar ist, markieren. Vielleicht kann ich hier dann vorsichtig explorieren, welche Risiken und Nebenwirkungen Veränderungen mit sich bringen und was es unbedingt an Sicherheiten zu erhalten gilt. Ich bin gespannt.

Wo ist eigentlich die Frau?

In einer Sitzung wollte eine Klientin mit mir ihre Rollen sortieren. Ganz schlicht: Welche Rollen prägen sie im Alltag am stärksten – und was macht das mit ihrem Selbstbild?

Sie hat ziemlich schnell zwei Rollen benannt, die für sie die wichtigsten sind: Partnerin und Mutter. Das erscheint auf den ersten Blick so selbstverständlich – zumindest ging es meiner Klientin so.

Wir sind dann weitergegangen: Wenn Partnerin und Mutter so zentral sind – wie entsteht daraus ein Selbstbild? Woran misst sie ihren Wert? Was bedeutet „ich mache es gut“? Und was passiert innerlich, wenn es nicht klappt, wenn sie müde ist, wenn sie genervt ist, wenn sie scheitert?

Ich saß dabei zunehmend irritiert da und habe mich gefragt: Wo bleibt sie? Sie als Frau? Nicht „Frau“ als Kategorie auf dem Papier, sondern als Identität, als etwas Eigenes. Wo ist das?

Genau das habe ich sie gefragt – und dann war da erstmal wenig. Eher eine Leerstelle. Kein klares Bild, keine Sprache dafür. Und dann wurde deutlich: Frausein kommt in ihrem inneren Rollen-Set kaum vor. Partnerin – ja. Mutter – ja. Aber Frau? Wenn überhaupt, dann sofort in Verbindung mit Erwartungen von außen oder in Beziehung zu jemand anderem.

Das Frausein an sich wird dabei merkwürdig unsichtbar – oder es wird auf Körper, Aussehen und Verhalten reduziert. Und wenn Frausein entweder an Erwartungen gekoppelt ist oder bewertet wird, ist es logisch, dass viele Frauen gar nicht selbstverständlich einen inneren Zugang dazu entwickeln, was Frausein für sie persönlich bedeutet. In vielen Biografien entsteht dadurch eine Art Verschiebung: Das Eigene bleibt vage, während die Rollen klar sind. Partnerin und Mutter haben Kontur, Regeln und Kriterien. „Frau“ dagegen wird entweder zur Hülle oder zur Aufgabe – aber nicht zu einem inneren Ort, an dem man sich selbst wirklich verorten kann.

Ich habe gemerkt, wie vertraut mir das ist: Dass viele von uns ziemlich genau gelernt haben, was eine Frau alles sein soll – aber kaum, was es bedeuten könnte, eine Frau als Individuum zu sein. Nicht als Funktion. Nicht als Rolle für andere. Sondern als Person mit einer eigenen Innenwelt, mit Bedürfnissen, Grenzen, Wünschen, mit einer eigenen Art, im Leben zu stehen.

So haben wir uns in der Sitzung der Rolle (wobei mir hier fraglich erscheint, ob es überhaupt als „Rolle“ zu bezeichnen ist) als Frau ganz individuell für die Klientin angenähert. In der Begleitung hatte ich schnell das Gefühl, dass sie sehr klar benennen konnte, wie eine Frau zu sein hat (gesellschaftlich, sozialisiert). Das war jedoch nichts, was die Klientin sich selbst zuschreiben würde. Und genau das wurde zu einem wichtigen Teil dieser Arbeit: Was für ein Bild wird von Frauen gezeichnet? Welche Erwartungen sind damit verbunden? Und: Will ich das überhaupt?

Alles, was sie als Zuschreibungen von außen wahrnahm, sammelten wir in einem äußeren Kreis. Dort landeten beispielsweise „Schönheitsideal entsprechen“, „unterordnen“, „schwaches Geschlecht“ und „nicht auffallen“. Für den inneren Kreis – wie sie sich als Frau sieht bzw. sehen möchte – brauchten wir deutlich mehr Zeit. Nach und nach konnten wir aber auf folgende Sammlung zurückblicken:

  • Verständnis für den eigenen Körper
  • eigene Sexualität
  • leidenschaftlich und sinnlich sein
  • frei machen von äußeren Erwartungen und Rollenzuschreibungen
  • unabhängig
  • selbstbewusst
  • selbstbestimmt

Und genau an dieser Stelle wurde für mich deutlich: Der äußere Kreis war schnell gefüllt. Der innere brauchte Zeit – und das war keine „Blockade“, sondern eher ein Hinweis darauf, wie wenig Raum es dafür bisher gab.

So nehme ich aus dieser Sitzung zwei Dinge mit.

Erstens: Wie schnell „Partnerin“ und „Mutter“ zu Identität werden können – und wie wenig Platz dann noch bleibt für ein Frausein, das nicht nur im Dienst für andere steht.

Und zweitens, ganz persönlich: Wie wenig selbstverständlich auch in meinem eigenen Leben der Satz war: Ich bin eine Frau. Punkt. Nicht im Zusammenhang. Nicht als Rolle. Sondern als etwas Eigenes.

Und ich glaube, das ist ein wichtiger Punkt, auch systemisch: Diese Leerstelle entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie hat mit Sozialisation zu tun, mit Beziehungserfahrungen, mit dem, was belohnt wurde und dem, was beschämt wurde. Und damit, wie früh viele Frauen lernen, sich über Rollen zu definieren, weil das Sicherheit gibt – während das Eigene oft diffus bleibt oder sogar riskant wirkt.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Arbeit: Nicht eine Definition zu liefern, sondern Klient*innen dabei zu begleiten, sauberer zu unterscheiden – was kommt von außen, was ist verinnerlicht, und was gehört eigentlich wirklich zu mir. Und dass diese Trennung oft nicht „im Kopf“ entschieden wird, sondern Zeit braucht, weil das Äußere sich so selbstverständlich anfühlt, als wäre es das Eigene.

Frauen bekommen Raum

Wir, Kaja Demuth und ich, haben gerade viel darüber nachgedacht, wie wir die Räume im Studio Nova nutzen und gestalten wollen. Fast parallel dazu hatte ich ein Gespräch mit einer Klientin, die ausschließlich Frauen malt – und ihre Bilder noch nie gezeigt hat. In mir kam der Gedanke: „Warum nicht ihre Bilder ausstellen?“ Im selben Moment tauchte aber auch dieser innere Satz auf: „Man kann doch nicht nur Frauen ausstellen.“ Und genau über diesen Impuls bin ich gestolpert, weil er mir gezeigt hat, wie sehr diese Sozialisierung in mir selbst noch wirkt. 

Doch ist das keinesfalls verwunderlich: Denn wenn wir von Kunst reden, dann fallen uns als erstes Namen von Picasso, Monet, van Gogh ein.

Alles berühmte Künstler. Bei Frauen muss man – also ich musste das zumindest – erst einmal überlegen

Und ja, natürlich fällt mir Frida Kahlo ein. Sie ist quasi zur Projektionsfläche geworden. Zum „weiblichen Kunst-Idol“. Aber dann, stockte es auch schon.

Warum ist das so? Frauen machen in der Kunst immer noch erschreckend wenig Raum aus. Studien zeigen, dass in den großen Museen der Welt nur etwa 12 bis 15 Prozent der ausgestellten oder angekauften Werke von Künstlerinnen stammen. Auf dem internationalen Auktionsmarkt fließen seit Jahren gerade einmal rund zwei Prozent der Umsätze an Frauen.

Heute sehen wir in der Kunst ständig Bilder von Frauen – aber diese Bilder sind selten das, was Frauen selbst über sich erzählen würden. Es sind oft Projektionen, Blickwinkel, Zuschreibungen. Und darin liegt diese Schieflage: Frauen werden in der Kunst überrepräsentiert als Motiv, aber unterrepräsentiert als Autorinnen ihrer eigenen Perspektiven.

Das Bild der Frau ist überall, aber die weibliche Deutung ist so gut wie unsichtbar.

Wir wollen das ändern! Wir wollen Frauen ermutigen, ihre Kunst auszustellen und sich zeigen zu dürfen, ohne in ihrer Ausdrucksform zensiert oder eingeschränkt zu werden. Wir glauben, Veränderungen beginnen im Kleinen, und deshalb starten Kaja Demuth und ich am 22.01.2026 die Ausstellungsreihe „Frauen bekommen Raum“ im Studio Nova Leipzig. Die erste Künstlerin, Ines Dietrich, wird jene Klientin sein, mit der dieser Gedanke überhaupt erst entstanden ist. Wir freuen uns auf einen Abend mit Menschen, die genau dafür offen sind: für Begegnung, für weibliche Perspektiven und für Kunst, die sichtbar werden darf.

Das Studio Nova Leipzig gibt es nun seit einem Jahr und sind unsere Räume, in denen wir therapeutisch und systemisch arbeiten – mit Einzelklient*innen und Gruppen. Zudem ergänzen wir unsere Arbeit mit kulturellen Formaten: Eine Reading-Party hat bereits stattgefunden, eine Ausstellung ebenso. Schritt für Schritt erweitern wir diesen Raum – und werden hier weitere Formate wachsen lassen.

(Bildrecht Ines Dietrich)

„Wohnen“ von Doris Dörrie systemisch betrachtet

„Wohnen“ – ein dünnes Buch mit viel Inhalt, was mich zum Schmunzeln, aber vor allem zum Nachdenken gebracht hat. 

Doris Dörrie gelingt es, aus dem Alltäglichen – einer Wohnung, einer Küche, einem Raum – Fragen zu machen, die viel größer sind als die Räume selbst. 

Wohnen – das ist nicht nur ein Dach über dem Kopf, eine bestimmte Adresse oder eine Einrichtung. Wohnen heißt auch, wie wir uns innerlich einrichten. Welche Rollen wir einnehmen. Welche Freiheiten wir uns zugestehen. Und welche Sehnsüchte uns begleiten.

Besonders nachdrücklich ist mir Dörries Beschreibung im Kopf geblieben, wie sie lange Zeit die Küche gemieden hat. Ich habe sofort gespürt, was sie meint. Auch bei mir gibt es diesen inneren Widerstand – als wäre die Küche der Ort, an dem Feminismus und Emanzipation enden. Als müsste ich, wenn ich mich dort aufhalte, eine Rolle erfüllen, in die ich auf keinen Fall mehr gezwungen werden will. Fast so, als sei Kochen nicht einfach eine Tätigkeit, sondern ein Symbol: dafür, wie Frauen über Generationen hinweg unsichtbar, zuständig und selbstverständlich verfügbar waren.

Die Küche gilt bis heute als der Raum der Frauen. Doch gerade darin liegt ein Widerspruch: Sie ist kein Raum, der Freiheit schenkt, sondern einer, der mit Aufgaben belegt ist. Kochen, versorgen, bereitstellen – all das passiert hier, meistens von Frauen, fast schon selbstverständlich. Schon August Bebel schrieb vor über 150 Jahren, die Privatküche sei eine Zumutung für Frauen, weil sie Kraft und Lebensfreude raube. Deshalb plädierte er für Gemeinschaftsküchen – eine nette Idee, wenn dort nicht auch wieder nur Frauen hätten kochen sollen.

Das Tragische daran ist: Wenn die Küche der Frauenraum ist, dann bleibt ihnen zugleich ein anderer Raum verwehrt – ein Raum, der wirklich nur ihnen gehört. Männer hatten traditionell ihr Arbeitszimmer, ihre Werkstatt oder den Hobbykeller. Rückzugsorte, die ihnen selbstverständlich zugestanden wurden. Frauen dagegen hatten die Küche. Aber eine Küche ist eben kein eigener Raum, sondern einer, der in den Dienst anderer gestellt wird.

Doris Dörrie schreibt darüber, wie sie lange keinen eigenen Raum hatte. Und ich erkenne mich darin sofort. Auch mir fehlt dieser Ort bis heute: ein Raum ohne Funktion, ohne Rolle, ohne Erwartung. Ein Ort, an dem ich mich zurückziehen kann – nur mit mir, meinen Gedanken, meiner Kreativität.

Und doch merke ich: Diese Sehnsucht nach einem eigenen Raum ist nicht nur meine ganz persönliche. Sie ist Teil einer weiblichen Geschichte, die in vielen Familien weitergegeben wurde. Systemisch betrachtet erzählen Räume immer auch von Mustern und Loyalitäten: Wer hat Anspruch auf Sichtbarkeit? Wer bleibt zuständig für das Unsichtbare, das Alltägliche, das, was sich von selbst zu erledigen scheint?

In Aufstellungen und Genogrammen tauchen solche Fragen oft unvermittelt auf: Räume stehen für Zugehörigkeit und Abgrenzung, für Macht und Ohnmacht. Das „Arbeitszimmer“ eines Vaters symbolisiert nicht nur Rückzug, sondern auch das Selbstverständnis, das ihm zugestanden wird. Die „Küche“ einer Mutter hingegen verweist nicht nur auf Versorgung, sondern auf eine Rolle, die selten freiwillig gewählt, sondern tradiert wurde.

Wenn ich Dörrie lese, erkenne ich diese Muster wieder. Und ich spüre, wie sie bis heute wirken: in meiner eigenen Biografie, aber auch in den Geschichten vieler Klientinnen. Die Frage nach einem eigenen Raum ist deshalb keine Nebensächlichkeit, sondern eine zentrale Frage der Selbstbestimmung. Sie berührt Autonomie, Identität und die Möglichkeit, sich als eigenständiges Subjekt wahrzunehmen.

Vielleicht beginnt Emanzipation genau hier: indem wir uns die inneren und äußeren Räume bewusst anschauen. Indem wir erkennen, wo wir alte Loyalitäten fortsetzen – und wo wir uns erlauben dürfen, neue Räume zu öffnen. Für uns selbst, aber auch im systemischen Sinn für die, die nach uns kommen.

Und manchmal sitze ich mit einem Glas Wein und baumelnden Beinen auf der Arbeitsfläche – und denke: Vielleicht ist die Küche ja doch mehr als ein Ort zum Kochen und Abwaschen.

Der Elefant im Zimmer

Eigentlich hatte ich vor, in diesem Text einen Konflikt an meinem Arbeitsplatz und meine Beobachtungen zu Interaktionen zwischen Frauen und Männern zu schildern. Doch: nur beim Daran denken verging mir schon die Lust. In mir sperrte sich etwas, mich erneut in den Ärger und das Ohnmachtsgefühl, das mich begleitete und immer noch nicht ganz loslässt, hineinzubegeben. Ich entschied mich letztendlich für einen ressourcenorientierten Zugang und schreibe nun über das, was nützlich war.

Das Buch „Der Elefant im Zimmer“ von Petra Morsbach (empfohlen von einer geschätzten Kollegin) half mir in dieser Situation nicht das erste Mal aus einer inneren Zwickmühle. Die Autorin beschreibt ausführlich drei Fälle, in denen die Beteiligten (im letzten Fall auch sie selbst) mit den „Mächtigen“ in Konflikt gerieten.

Die Idee entstand aus der eigenen Erfahrung sowie dem Austausch mit Kolleg*innen und Bekannten. Während letzterem entstand bei ihr der Eindruck, dass Konflikte mit „Mächtigen“ nach ähnlichen Mustern abzulaufen scheinen:

  1. Angehörige eines Systems wehrten sich gegen eine problematisch Anweisung oder wiesen auf Fehler hin, in der Erwartung von Abhilfe.
  2. Vorgesetzte ignorierten den Hinweis oder ließen diesen nach einer Scheindiskussion versanden.
  3. Nachhaken führte ironischem Entgegenkommen, Spott, Einschüchterungsversuche, Drohungen und Disziplinarmaßnahmen.
  4. Wenn die Kritik am Chef als Kritik an der Institution gesehen wurde, richtete sich die Stimmung der Belegschaft gegen die Kritiker*innen, Solidarität verschwand.
  5.  Korrekturen gab es wenn überhaupt nach schweren Schäden, Skandalen oder Sanktionen.

Morsbach geht mit Hilfe ihrer drei Beispiele von „Widerstand gegen Machtmissbrauch“ auf eine „literarische Erkundungstour“.

Ihre These: Die Verleugnung der Macht (des Elefanten im Raum) ist das Kernproblem.  Liegt bei Personen, die Macht in Institutionen innehaben, eine Kombination aus Machtorientierung (also eines Strebens nach Selbstaufwertung und Anerkennung durch diese Position) UND Machtleugnung, mit der individuelle Verantwortung zurückgewiesen wird („Ich kann da nichts machen.“) vor, entsteht ein Paradoxon, das schwer aufzulösen ist. Weiterhin bemerkt sie, komme erschwerend hinzu, dass jede Person, die das Problem im Verlauf „unwidersprochen hinnimmt, wird zum Komplizen und muss sich angegriffen fühlen, wenn es auf den Tisch kommt.“

Die Autorin legt in ihren Ausführungen den Fokus auf die Dynamiken, die auf die Aufdeckung des Problems folgen, beleuchtet die Sprache, in der die Konflikte geführt wurden, und möchte tiefer liegende (unbewusste) Motive explorieren.

Ihre Frage: Können „Unmächtige“ mit legalen Mitteln Machtmissbrauch praktisch abhelfen? Und wenn ja wie? Ihre Antwort im Nachwort: Jein. „Eigentlich nicht, aber sie sollten es trotzdem versuchen, denn das bewirkt etwas.“

Auch wenn die Konflikte mit „Mächtigen“, in denen ich beteiligt war, nicht ganz diesem Muster entsprachen, erleichterte es mich ungemein, dass es sich anscheinend um eine geteilte Erfahrung handelt. Das Buch gab mir die Chance, sprachliche Muster abzugleichen und in den „Machtkontext“ einzuordnen, auch wenn meine Beispiele in vergleichsweise kleineren Organisationseinheiten stattfanden. Ich fühlte mich dann nicht mehr so ohnmächtig. Eine schöne Erkenntnis war auch, Unterschiede in den Mustern zu entdecken. Ich war zum Glück nie allein als Kritikerin, sondern Teil einer Gruppe und die Solidarität untereinander blieb uns auch erhalten. Es war vor allem eine Solidarität unter Frauen, die sich männlich besetzten Machtstrukturen entgegensetzte.  Und: Auch machte ich die Erfahrung, die die Autorin mit „Eigentlich nein, aber sie wollten es trotzdem versuchen, es bewirkt etwas.“ beschrieb. Ich beobachtete oft kleine, manchmal auch größere Veränderungen, die vielleicht in dieser Dosis und/oder nach etwas verstrichener Zeit für das System verträglich erschienen.

Morsbachs Buch ist für mich einfach gute Unterhaltung, weil die Autorin mich mit ihrem persönlich wirkenden Schreibstil in den Bann gezogen hat. Darüber hinaus gibt sie mit dem Buch die Chance, sich mit bestimmten Mechanismen der Macht vertraut zu machen, und stellt am Ende einen Katalog mit 33 Empfehlungen und Überlegungen zur Verfügung, von denen viele in unterschiedlichsten Konflikten anwendbar erscheinen.

Ich möchte den Text mit einem Gedanken der Autorin beenden, der auf die zirkulären Wirkmechanismen in diesen Konflikten eingeht und mich auch immer wieder etwas demütig werden lässt. Sie kommentiert die Dynamik zwischen den Machausübenden und den Kritiker*innen mit folgenden Fragen: „Sind nicht auch sie in Wechselwirkung aufeinander bezogen? Spielt jeder nur eine Rolle in einem größeren Spiel, das er nicht überblickt? Wer hat recht? Wer entscheidet das? Wer verteilt die Rollen?“

Hoffnung und Zuversicht!?

Ich sitze heute am 01.03.2025, Karnevalssamstag, vor dem PC und überlege mir, was ich schreiben möchte. Ich bin bald wieder an der Reihe, einen Beitrag für den Blog zu verfassen. Während ich hier sitze und ein Thema versuche zu erfassen, denke ich an all die politischen Entwicklungen, die gerade um uns herum geschehen und was das für marginalisierte Menschen, für Frauen, für uns alle bedeutet, und meine, dass ich darüber schreiben sollte.

Aber… ich entscheide mich dagegen. All zu oft erliege ich gerade selbst der Problemtrance, die mich erstarren lässt und mir als Rheinländerin gerade sogar Energie raubt, um ausgelassen Karneval feiern zu können. Das ist wirklich eine Premiere!

Ich möchte die Gelegenheit, einen Text auf unserem Blog zu veröffentlichen, nutzen, um darüber nachzudenken, wie es möglich sein kann, in diesen Zeiten die Zuversicht zu behalten und Kraft und Energie zu tanken. Wie kann es uns möglich sein, der Problemtrance zu trotzen und Kraft und Energie zu (re-)aktivieren?

Systemtheoretisch betrachtet befinden wir uns in einer Zeit, in der unsere gesellschaftlichen Muster und Regeln in Frage gestellt werden und eine Un-Ordnung entsteht. Neurobiologisch könnten wir sagen, unsere Amygdala, unser Alarmsystem ist in Aufruhr. Je nach gesellschaftlicher Positionierung fühlen wir uns unterschiedlich stark existenziell bedroht. Im intersektionalen Sinne Frauen, weiblich gelesene, sich als weiblich definierende Personen und FLINTA* mit weiteren Marginalisierungserfahrungen und alle nicht der Mehrheitsgesellschaft angehörenden Menschen erleben sich gerade bedroht und in großer Sorge. Viele Menschen aus der queeren, antirassistischen Community, die mir gerade begegnen, teilen meine Sorgen.

Und schon befinde ich mich wieder in der Problemtrance. Spüre, wie sich mein Körper schlapp und kraftlos fühlt, meine Muskulatur sich zugleich verkrampft und meine Gedanken kreisen….
Der Sog ist groß!

Ich merke, wie meine Gedanken zu einem guten Glas Wein oder einem Sekt wandern. Wie ich darüber nachdenke, mit Schokolade oder Kuchen Platz auf dem Sofa zu nehmen und lineares Fernsehen zu schauen oder die Decke über den Kopf zu ziehen.

Aber dies ist keine Lösung und es ändert nichts!

Tanja Kuhnert 3/2025

Plötzlich bemerke ich, dass draußen die Sonne scheint – sie strahlt förmlich vom Himmel herab und mich beschleicht die Hoffnung, der Frühling kommt und das Leben geht weiter. Ich lächle und schaue nach draußen, sehe die ersten Frühblüher auf meinem Balkon und höre die Vögel laut zwitschern. Sie sind sich also gewiss: Der Winter ist bald vorbei. Und ich erinnere mich: Die Natur tut mir gut. Sie gibt mir Kraft. Egal, ob der Blick auf den Baum da draußen, den Garten, die Planung der Gemüseanzucht oder die Erinnerungen an Berge und Meer im südlichen Europa. Ah ja, Reisen, Auszeiten vom Alltag, Wandern, den Blick schweifen lassen, die Gedanken leichter werden lassen, sich erfreuen an der Schönheit der Natur, aber auch der Stille.
Der Schönheit der Kunst, Gemälde, Bilder, Architektur. Reisen in Erinnerungen, inneren Bildern, in der Fantasie von Büchern oder auch Filmen. Gedanken schweifen lassen, beim selbst malen. Farben, Formen, Loslassen und Strukturen schaffen für das eigenen Innere.
Und dann mit neuer Energie und Kraft im Kontakt mit anderen sein. Gemeinsam mit anderen Zeit verbringen, Abstand vom Alltag nehmen und zugleich gemeinsam tragen, was gerade ist. Gemeinsam aus-halten.

Gemeinsam in den Frühling gehen, sich der Gemeinschaft bewusst sein und das Gemeinsame pflegen. Sich bewusst sein, nicht allein zu sein und verbunden zu sein mit Menschen, der Natur, der Welt – gehalten zu sein.

Was hilft euch in diesen Zeiten?

Lasst und teilen was uns guttut und so einen Raum erschaffen, in dem wir Inspiration und Verbundenheit finden können.

Tanja Kuhnert

Zwischen Analyse und Erschöpfung: Der Druck, alles richtig zu machen

Am 3. Januar 2025 hat Gila Klindworth hier auf unserem Blog den Beitrag „Wo stehen wir eigentlich mit der Gleichheit in der Kommunikation zwischen den Geschlechtern?“ veröffentlicht. Ich lese ihn – und merke, dass er etwas in mir auslöst.

Ja, wir haben viel erreicht. Ja, wir haben gelernt, anders über Geschlechterrollen zu sprechen. Ja, wir wissen um die Mechanismen, die unsere Kommunikation prägen. Und doch bleibt ein Gefühl der Schwere.

Es ist, als ob ich nie einfach nur sein kann. Ein ständiges Bewusstsein darüber, welche Strukturen wirken, welche Rollen wir einnehmen, welche Erwartungen auf uns lasten. Selbst bei Dingen, die mir eigentlich leichtfallen, taucht ein Hinterfragen auf. Wenn ich gerne plane, gerne organisiere, gerne die Verantwortung für das große Ganze übernehme – ist das dann meine Kompetenz oder meine Sozialisation? Und warum wird diese Frage überhaupt so wichtig?

Und dann gibt es noch einen anderen Druck. Den Druck, alles zu bewältigen. Viele Frauen tragen eine doppelte Last: Sie wollen ihre beruflichen Ziele verfolgen, wirtschaftlich unabhängig sein, sich verwirklichen – und gleichzeitig gute Mütter, Partnerinnen, Freundinnen sein. Sie wollen alte Muster aufbrechen und sich von klassischen Rollenbildern lösen – und merken doch, dass gerade dieser Anspruch neue Anforderungen schafft.

Das Bild der Frau, die „alles schafft“, die Kinder und Karriere unter einen Hut bekommt, die sich zwischen den Welten bewegt, ohne ins Straucheln zu geraten – ist das nicht auch ein Narrativ, das uns formt? Eine neue Norm, die uns antreibt, aber auch auslaugt?

Es ist ein Paradox: Wir kämpfen gegen traditionelle Rollenzuschreibungen, nur um uns in neuen Anforderungen wiederzufinden. Wer als Frau sichtbar sein will, wer sich in der Arbeitswelt behauptet, muss oft noch einmal mehr leisten. Muss beweisen, dass es geht – und dass es gleichzeitig keine Schwäche bedeutet, Fürsorge und Verantwortung im Privaten zu übernehmen.

Das ist keine individuelle Erfahrung, sondern ein kollektives Muster. In der therapeutischen Arbeit zeigt sich diese Zerrissenheit häufig. Frauen berichten von Erschöpfung, von dem Gefühl, niemals genug zu sein – weder im Beruf noch in der Familie. Und selbst wenn sie sich bewusst gegen bestimmte Rollenerwartungen entscheiden, bleibt oft die Frage: Habe ich damit wirklich eine freie Wahl getroffen – oder ist es nur eine andere Version dessen, was von mir erwartet wird?

Dieser Druck, alles zu hinterfragen, alles zu leisten, alles zu vereinen, macht es schwer, sich einfach nur zu spüren. Ihn loszulassen ist nicht einfach – aber vielleicht wäre genau das manchmal die eigentliche Befreiung.

Zwischen Bewusstsein und Selbstzweifel

Gila Klindworth schreibt darüber, wie sich alte Muster in Beratungssituationen zeigen. Frauen, die als fordernd wahrgenommen werden, während Männer in der passiven Rolle oft weniger Widerstand erfahren. Ich kenne diese Dynamiken. Ich sehe sie. Ich analysiere sie. Und oft frage ich mich: Wie tief sind sie eigentlich in uns verankert?

Es gibt ein gesellschaftliches Bewusstsein für Ungleichheiten, das gewachsen ist. Viele Menschen wollen reflektiert handeln, sich von tradierten Rollenbildern lösen. Und doch bedeutet dieses Bewusstsein nicht automatisch, dass wir frei von diesen Strukturen sind. Vielmehr scheint es manchmal, als hätten wir sie einfach auf einer anderen Ebene internalisiert.

Der Druck kommt längst nicht mehr nur von außen. Er kommt auch von innen. Von der Stimme, die mahnt, ob ich mich gerade unbewusst einer alten Norm anpasse. Von dem Gedanken, dass mein Verhalten nicht nur für mich spricht, sondern auch für ein größeres Ganzes. Als würde ich nicht nur für mich selbst handeln, sondern auch für das Bild der modernen Frau, der feministischen Frau, der reflektierten Frau.

Es ist ein Drahtseilakt zwischen Bewusstsein und Selbstzweifel. Denn wer einmal erkannt hat, wie stark soziale Prägungen wirken, kann sie nicht mehr übersehen. Die Frage, ob ich mich aus freien Stücken so verhalte oder ob es doch ein Produkt meiner Sozialisation ist, wird zu einem ständigen Begleiter. Und wenn alles hinterfragt wird, dann bleibt irgendwann kaum noch Raum für ein ungefiltertes, intuitives Ich.

Was als Befreiung begann – das Lösen von alten Geschlechterrollen, das Streben nach Gleichheit – droht an einem Punkt zur nächsten Anforderung zu werden. Es reicht nicht mehr, bewusst zu sein. Es muss das richtige Bewusstsein sein. Die richtigen Entscheidungen. Das richtige Maß an Reflexion.

Feminismus war einmal ein Kampf um Freiheiten. Doch immer häufiger fühlt er sich an wie eine weitere Leistung, die zu erbringen ist. Eine neue Form der Perfektion, in der es nicht darum geht, einfach zu sein, sondern darum, sich konstant zu hinterfragen, zu optimieren, zu dekonstruieren.

Wann wurde das Hinterfragen von Geschlechterrollen zu einer Aufgabe, die ich möglichst konsequent und fehlerfrei bewältigen sollte?

Wann wurde Feminismus zu einem Maßstab, an dem ich mich selbst messen muss?

Und wo bleibt in all dem die Freiheit, mich einfach zu spüren – ohne mich gleichzeitig zu analysieren?

Die Erschöpfung, die keiner benennt

Vielleicht geht es nicht nur darum, zu erkennen, wo sich alte Muster fortsetzen. Vielleicht liegt eine der größten Herausforderungen darin, uns nicht selbst in einer Spirale des ständigen Hinterfragens zu verlieren.

Ja, wir brauchen ein Bewusstsein für Ungleichheiten.

Ja, es ist wichtig, Kommunikation und Machtstrukturen zu hinterfragen.

Ja, feministische Arbeit hat viel verändert.

Aber wie viel Reflexion ist genug? Wo ist der Punkt erreicht, an dem Bewusstsein nicht mehr zur Befreiung, sondern zur Belastung wird?

Es ist eine feine Grenze. Die Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen, mit Strukturen, mit Machtmechanismen ist notwendig – aber sie hinterlässt auch Spuren. Wer sich immer wieder bewusst macht, welche Dynamiken wirken, bleibt in einem Zustand der Wachsamkeit. Das kann stärken, es kann aber auch ermüden. Es kann das Gefühl erzeugen, dass nichts mehr einfach nur ist, sondern alles eine Bedeutungsebene hat, die analysiert und bewertet werden muss.

In der therapeutischen Arbeit zeigt sich diese Erschöpfung oft. Viele Frauen erleben ein permanentes Spannungsfeld zwischen dem Anspruch, sich von traditionellen Rollen zu lösen, und der subtilen Erwartung, es dabei richtig zu machen. Die Vorstellung von Freiheit wird dadurch zur nächsten Aufgabe: nicht nur selbstbestimmt, sondern auch konsequent reflektiert, dekonstruierend, möglichst fehlerfrei.

Aber wäre es nicht genauso revolutionär, sich manchmal zurückzulehnen? Nicht alles zu dekonstruieren? Nicht jeden Moment mit Selbstprüfung zu füllen?

Gila Klindworth fragt: „Wo bleibt die Macht? Wer setzt sie wie ein?“

Ich frage: Wo bleibt die Leichtigkeit? Wo bleibt der Raum, in dem wir einfach da sein dürfen – ohne den ständigen Impuls, unser Verhalten aus allen Perspektiven zu hinterfragen?

Vielleicht liegt die Antwort nicht im unaufhörlichen Analysieren, sondern im Vertrauen darauf, dass wir nicht immer alles perfekt machen müssen. Dass wir Fehler machen dürfen. Dass wir Entscheidungen treffen können, ohne sie sofort in ein größeres gesellschaftliches Narrativ einzuordnen. Dass wir uns in unserer Widersprüchlichkeit aushalten können – ohne den Druck, sie sofort auflösen zu müssen.

Ich weiß nicht, ob das eine „richtige“ Antwort ist. Aber vielleicht muss es auch gar keine geben. Vielleicht reicht es manchmal, einfach zu spüren, was gerade da ist – ohne es sofort zu bewerten.

Sexualisierte Gewalt und Familientherapie

Anlässlich des Tages gegen Gewalt gegen Frauen* am 25. November ein Vorab-Auszug aus dem Buch Systemik, die – Feministische Perspektiven systemischer Theorie und Praxis, Kuhnert und Siller, 2025, Vandenhoeck und Ruprecht, S. 277-280.

»Unsere These ist, daß Familientherapie die herrschenden sozialen Geschlechterrollen akzeptiert und dabei ignoriert, daß diese die Frauen unterdrücken; sie hat ein traditionelles Familienmodell übernommen und dabei übersehen, daß es die Frauen benachteiligt. Diese Unfähigkeit zur Erkenntnis hat zu
einer Theorie, Praxis und Ausbildung geführt, die die Frauen unterdrückt.
«
(Goodrich, Rampage, Ellman u. Halstead, 1991, S. 32)

Die Themen Missbrauch und sexualisierte Gewalt waren lange Zeit nicht im Blick der Familientherapeut*innen. Insbesondere männliche Therapeuten taten sich anscheinend schwer damit, diese Themen zu sehen bzw. therapeutisch anzusprechen. Margarete Hecker schildert dazu ihre Erfahrungen, die sie in den USA machte.

Prof. Dr. Margarete Hecker über den Umgang mit Missbrauch in der frühen Familientherapie
Tanja Kuhnert: ≫Und was haben Sie für sich mitgenommen aus der Zeit in den USA, oder was haben Sie besonders mit hier hinübergebracht?≪
Margarete Hecker: ≫Ich habe in der Philadelphia Child Guidance Clinic bei Salvador
Minuchin strukturelle Familientherapie gelernt, mit dem Hintergrund, dass ich vorher bereits in Deutschland bei Carole Gammer und Martin Kirschbaum Kurse belegt hatte. Carole Gammer hat mir sogar empfohlen, zu Minuchin zu gehen. Sie sagte, mit den Obdachlosenfamilien, die du beschreibst, habe ich keine Erfahrung. Dazu musst du zu Minuchin gehen. Diese Familien sprechen auf deep feeling work, wie ich es mache, nicht an. Ich habe da ein Video von Minuchin gesehen, indem er sagt, dass ›past history‹, also Geschichte, fur ihn überhaupt keine Rolle spielt. Er wollte die familiäre ›Struktur‹ aus dem Hier und Jetzt allein erkennen. Ich wusste aber damals schon, dass das nicht geht und nicht genügt.
Und sexuellen Missbrauch hat er dadurch ja auch übersehen. Denn wenn er nicht
genau hinguckt und wenn er die Geschichte nicht abfragt, dann kann er manches
nicht sehen. Interessant ist ja, dass erst die Frauen, die Mitarbeiterinnen der Klinik, die sind auf das Thema Missbrauch gekommen. Sie haben ihn dann drauf gestosen. Aber er sagte immer: Es ist ja egal, wen ich konfrontiere, wenn nachher die Ehe besser lauft. Aber er hat die Frauen [Klientinnen, Anm. der Interv.] immer unter Druck gesetzt, weil die besser ansprechen [auf Interventionen, Anm. d. Interv.], als wenn man die Manner unter Druck setzt. Wenn man die Manner konfrontiert, dann verliert man das Paar aus der Therapie.≪
Tanja Kuhnert: ≫Das heißt, man konnte sagen, er hat damit auch ein Muster unterstützt?≪
Margarete Hecker: ≫Ja, er hat das gesellschaftliche Muster unterstutzt und hat es nicht versucht, andersherum auch mal zu probieren. Aber er war ein Meister, ein Könner. Es ist ihm sehr vieles gelungen, wo man gedacht hat, das ist unmöglich.
[…] Darüber habe ich ja auch das Buch fur Sie, Frau Kuhnert, von den Feministinnen
[siehe ≫Die Furchtlosen Vier – The Women’s Project≪ (New York) S. 306 ff. in
diesem Buch, Anm. d. Interv.], die beschreiben das ja auch. Diese haben ja auch damit einen sehr wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der Familientherapie geleistet. Auch das Aufspüren von sexueller Gewalt und dem Vertuschen sexuellen Missbrauchs in Familien, der so häufig ist; das kam ja in den 1980er Jahren. Da wurde das ja zuerst wirklich angesprochen. Das war vorher ja auch in meiner Ausbildung nicht so ausführlich Thema. Überhaupt war Missbrauch damals kein Thema.≪
(Prof. Dr. Margarete Hecker im Interview mit Tanja Kuhnert, 2023)

Im Jahr 1990 veröffentlichte Cloé Madanes, eine US-amerikanische Familientherapeutin, das Buch »Sex, love and violence: Strategies for transformation«. Sie stellte hier ihr Konzept strategischer Familientherapie vor, indem sie mit dem gesamten Familiensystemen arbeitet, in denen Missbrauch verübt wurde – auch die Täter*innen nehmen demnach an den Sitzungen teil. Ein bis heute revolutionäres Konzept. 1997 erschien das Buch unter dem Titel »Sex, Liebe und Gewalt: Therapeutische Konzepte zur Veränderung« auf Deutsch. Heute wird es nicht mehr verlegt.

MeToo und die systemische Szene?

Überall wo Macht zwischen Männern und Frauen verhandelt wird, ist das Thema sexuelle Übergriffe und sexualisierte Gewalt leider nicht weit. So auch in der systemischen Szene. Es gibt Gerüchte, es wird gemunkelt und immer wieder wurde und wird unter Frauen auch darüber gesprochen, dass es (z. T. namhafte) Männer gibt, vor denen man sich in Acht nehmen sollte.
Im Jahr 2021 erschien das Buch »Irgendwann muss doch mal Ruhe sein! Institutionelles Ringen um Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch an einem Institut für analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie« von Peter Caspari, Helga Dill, Cornelia Caspari und Gerhard Hackenschmied. Gegenstand des Buches ist dieAufarbeitungder Auswirkungen von Grenzverletzungen und sexualisierter Gewalt gegenüber
Ausbildungsteilnehmerinnen an einem analytischen Ausbildungsinstitut in Heidelberg durch einen langjährigen Leiter in den Jahren 1975 bis 1993. Noch dreißig Jahre später sind in diesem Institut die Auswirkungen zu spüren und zu erleben. Das veranlasste die Mitgliederversammlung des zugehörigen Vereins dazu, externe Beraterinnen zu beauftragen, die Geschehnisse aufzuarbeiten. Das Buch beinhaltet die Dokumentation dieses Prozesses. Am Ende stellen die Autorinnen Handlungsempfehlungen vor.
Wir nennen das Beispiel hier, um deutlich zu machen, dass Beraterinnen und Therapeut*innen nicht weniger davon betroffen sind, Übergriffe zu erleben oder sich selbst grenzverletzend zu verhalten, als andere Berufsgruppen. In unseren Interviews sind uns somit auch Erzählungen begegnet, die sexuell übergriffiges Verhalten/sexualisierte Gewalt in der systemischen Welt zum Thema hatten.

Dr. Marie-Luise Conen über sexuelle Belästigung in Weiterbildungen
Marie-Luise Conen: ≫Ich hatte mich wegen einer Weiterbildung erst für ein anderes Institut interessiert. Aber da hat mir nach einem Einführungsseminar der
Dozent nicht zugesagt. Das war einer, bei dem man sich als Frau unwohl fühlte. Einer der dich auszieht, wenn er dich anschaut. Ich weiß nicht, ob du weißt, was ich damit meine. Aber es war da, ständig wurden wir drei attraktive Frauen in sein Spiel gezogen. Da war klar, wenn der die Gruppe macht, dann mache ich bei dem Institut nicht die Weiterbildung. Und hab mich dann gegen dieses Institut entschieden und bin zu einem anderen Institut gegangen. Aber nach einiger Zeit habe ich gemerkt, dass eine nach der anderen der gutaussehenden Frauen wegblieb, und bei der vierten habe ich zu meinen zwei Freundinnen, die ich inzwischen in dem Kurs gefunden hatte, gesagt: ›Hier stimmt was nicht‹. Später fanden wir unsere Annahme bestätigt. Ich habe einen der Dozenten gefragt, wieso dieser Leiter eigentlich immer noch eingeladen wurde. Und dann hat er doch echt zu mir gesagt: ›Ja, wir passen jetzt immer auf ihn auf. Er wird jetzt nur noch privat untergebracht, nicht mehr im Hotel, da haben wir ihn unter Aufsicht‹ […].≪ (Dr. Marie-Luise Conen im Interview mit Petra Lahrkamp und Nikola Siller, 2022).

Die Themen sexualisierte Gewalt, Übergriffigkeit und Machtmissbrauch sind bisher innerhalb der systemischen Community nie aufgearbeitet worden.
Die systemischen Dachverbände haben zwar eine Beschwerdestruktur entwickelt
und Ethik-Räte eingerichtet. Trotzdem gelangen sehr wenige solcher Vorfälle in diese
Strukturen. Das Gleiche gilt für Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen. Auch
diese Erlebnisse werden nicht öffentlich gemacht. In persönlichen Kontakten erklären verschiedene Menschen, die Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen machen, immer wieder, dass sie befürchten, nicht ernst genommen zu werden, Vertreterinnen in diesen Gremien sie vermutlich nicht verstehen und dadurch ihre Situation eher schlimmer wird. Und natürlich darf nicht vergessen werden, dass es hier auch immer um Macht geht. Wenn mächtige Menschen übergriffig werden, fällt es den weniger mächtigen Menschen, die ja hier sehr deutlich Ohnmacht erleben, nicht leicht, diese vielleicht sogar prominenten Menschen anzuzeigen, sich zu beschweren und diese zu beschuldigen. Deswegen benötigen wir zum einen Netzwerke, an die sich Menschen, die Übergriffe erleben, wenden können. Zum anderen benötigen wir eine Awareness-Kultur: Die systemische Gemeinschaft muss die eigenen Tabus deutlich benennen und sich nicht allein auf Grundlage von Ethik-Richtlinien gegen Grenzverletzungen aussprechen. Es geht auch darum, darüber zu sprechen, dass es diese Geschehnisse tatsächlich gibt und im täglichen Miteinander dafür zu sorgen, dass diese nicht passieren. Auch haben wir als Lehrende Verantwortung gegenüber den Teilnehmenden in Weiterbildungen und Ausbildungen, die teilweise ihre Praxisstunden freiberuflich anbieten und in den sozialen Medien für sich und ihre Dienstleistung werben. In Seminaren müssen Räume angelegt und geöffnet werden, in denen Sorgen vor Grenzverletzungen und Erleben von Übergriffigkeit besprochen werden können. Dazu braucht es einen sicheren Rahmen und Gendersensitivity [1] – und sicherlich keine zusätzliche sexualisierte Belästigung durch »flirtiges Verhalten« von Dozenten. Die Rolle der Coachin oder Berater*in sowie die Möglichkeiten und Techniken der Abgrenzung und Selbstsorge müssen erlernt werden. Insbesondere
Menschen, die weiblich sozialisiert wurden und damit oft auch eine introjizierte Erwartung von »Gefälligkeit« mitbringen, brauchen Empowerment; die systemische Community benötigt eine gemeinsame und klare Problembeschreibung. Es ist sehr wichtig, für grenzachtenden Umgang zu sensibilisieren und Schutztechniken zu kennen.

[1] “Der Begriff ≫Gender sensitivity≪ stammt von der US-amerikanischen feministischen Familientherapeutin Betty Carter. 1987 auf einem Familienkongress am Weinheimer Institut hielt sie dazu einen Vortrag (Rücker-Embden-Jonasch u. Ebbecke-Nohlen, 1992, S. 10. )“ zitiert nach Kuhnert u. Siller, 2025 S. 257.

Tanja Kuhnert und Nikola Siller

Schuld und Scham – ein Gastbeitrag von Lisa-Maria Walther

Systemisches Vorwort von Sarah Walther

Ich freue mich sehr, dass Lisa einen Gastbeitrag für unseren Blog geschrieben hat und möchte ihr für ihre Offenheit, Authentizität und die investierte Mühe herzlich danken.

Lisa und ich sind uns das erste Mal für meinen Podcast „Wer wir sind“ begegnet. Unser Gespräch hat bei mir viele Gedanken angestoßen und mich nachhaltig beeindruckt. Das Gespräch kannst du hier hören: https://www.sarahwalther.com/podcast/episode/db6fd3c8/wer-wir-sind-folge-55-mit-lisa

Mir wurde erneut bewusst, wie wertvoll das Wissen von Menschen mit eigenen Erfahrungen ist – ein Wissen, das wir als Therapeut*innen oft nicht in gleichem Maße besitzen. Die Berichte von Erfahrenden sollten wir als wichtiges Werkzeug für unsere Weiterbildung, als Lernquelle und als Schlüssel zur Entwicklung von echtem Verständnis betrachten.

Nachdem ich Lisas Artikel gelesen hatte, war mein erster Impuls: „Das können wir so nicht veröffentlichen!“ Warum? Weil ich den Auswirkungen meiner Sozialisierung als Frau erlag: Es darf nicht zu laut, zu wütend, zu aggressiv, zu anklagend und auf gar keinen Fall zu viel sein.

Mein erster Gedanke war, Lisa zu bitten, ihre Ausdrucksweise und Aussagen zu mildern – bis mir bewusst wurde, wie sehr mich dieser Gedanke selbst erschreckt. Als Therapeutin würde ich niemals auf die Idee kommen, meine Klient*innen zu bitten, sich anzupassen. Das entspricht weder meiner Haltung als Therapeutin, noch ist es mein Verständnis von Systemik! Im Gegenteil: Ich ermutige Frauen* in einem geschützten Raum ausdrücklich dazu laut, wütend und aggressiv zu sein.

Es ist ein Irrglaube zu denken, dass wütende, aggressive oder laute Botschaften weniger Gehalt haben. Gerade Frauen wird oft vermittelt, dass solches Verhalten unangebracht sei und ihnen dadurch weniger Gehör verschaffe. Doch die Geschichte lehrt uns, dass es genau diese lauten, wütenden und aggressiven Stimmen waren, die Veränderungen vorangetrieben haben. Ohne den Mut, laut und unbequem zu sein, wären wir heute nicht da, wo wir sind. Manchmal ist es genau diese Kraft, die uns endlich gehört werden lässt.

Lisas Artikel ist genau das – und das ist gut so!

Lisas Beitrag hat mich in vielerlei Hinsicht zum Nachdenken gebracht und mich ermutigt, meine eigenen Vorurteile zu hinterfragen. Ich hoffe, dass auch ihr beim Lesen ähnliche Erkenntnisse gewinnt und inspiriert werdet.

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Mai 2024, Lisa-Maria Walter

„Nimm doch einfach ab.“ Ein Satz, den ich als übergewichtige, weiblich gelesene Person zu oft gehört habe, als dass ich noch darauf reagiere, denn sie haben ja recht, oder? Nun reiß dich mal zusammen. Andere schaffen es doch auch. Wir, die Steuerzahler, baden das dann aus. Du denkst wohl, du bist was Besonderes und darfst dich gehen lassen? Mich gehen lassen. Klingt schön. Mich endlich gehen lassen. Nicht mehr 24/7 über mein Gewicht und das nachdenken, was ich esse? Aber es bestimmt meinen Alltag, meine Planung und mein Selbstbild. Wie oft ich durch meine Essstörung getrieben phasenweise annähernd nichts gegessen habe und deshalb sogar mehrmals ohnmächtig wurde. Kann halt nicht alles nach deinem Kopf gehen. Das war oft die Reaktion, wenn ich mich über jegliche Nachteile beschwert habe, die mir wegen meines Übergewichts widerfahren sind. Verständnis oder gar Empathie waren vor allem in meiner Jugend unvorstellbar. Ich sollte still sein, mich schämen und den Ball flach halten. Unter dieser Message habe ich lange gelitten und erst durch viel Therapie und meine Kunst verstanden, dass ich sehr wohl den Mund aufmachen darf. Sowohl zum Essen als auch zum Reden.

„Nimm ab.“ Oder: Du nimmst zu viel Raum ein. Du brauchst immer eine Extra-Wurst. Die bekam ich allerdings selten. Zum Beispiel als ich in meiner Gardetanzgruppe irgendwann nicht mehr in die traditionellen Kostüme passte und deshalb aufhören musste. Wenn ich meine Schulklasse beim Wandertag aufhielt und alle auf mich warten mussten und ich deshalb zum nächsten Ausflug nicht mehr mitdurfte. Oder weil sie mich im Sportunterricht nicht richtig zu bewerten wussten und ich alleine in die „Mukkibude“ sollte, dem fensterlosen Abstellraum mit ein paar Gewichten. Du willst doch nur Aufmerksamkeit. Dabei wollte ich doch nur im Boden versinken. Wenn ich mal wieder von allen Seiten abschätzig belächelt wurde, weil die Armlehnen der schicken Stühle mir Beine und Bauch einquetschten, oder wenn ich im Flieger nach einer Gurtverlängerung rufen musste oder wenn ich in der Achterbahn den Sitz vor aller Augen mit jemandem tauschen musste, weil Reihe 4 für die Fetten gedacht ist und nicht Reihe 11.

„Einfach“. Weil so schwer kanns doch nicht sein. Dein Leidensdruck ist anscheinend noch nicht groß genug. Du bist faul und undiszipliniert. Wenn du es wirklich willst, dann schaffst du es auch. Spuck es doch gleich wieder aus… oder geh einfach kotzen. Ich esse einfach die Hälfte… oder gar nichts, das geht noch schneller. Ich muss ja auch mal an meine Gesundheit denken. Nur noch Wasser – ja genau. Und dann jeden Tag drei Stunden Sport. Easy! Nur: wieso schaff ich das nicht dauerhaft? Wieso habe ich schon zweimal das Gewicht eines erwachsenen Menschen abgenommen und wieder alles draufgefuttert?

Im Wartezimmer bei meinem Arzt las ich mal, dass 93% der Diäten scheitern und zu Essstörungen führen können. Bei der Routineuntersuchung wurde ich dann grundlos gewogen und mir eine Diät empfohlen. Vielleicht meinte er die wunderbare 1500kcal Diät, auf welche ich jedes Mal ungefragt bei Krankenhausaufenthalten gesetzt wurde, obwohl hierbei sogar der Grundumsatz unterboten wird, was den seit Jahren schon bekannten Jojo-Effekt hervorruft. Oder als sie mir zu einem Magenbypass rieten, als ich grade volljährig geworden meine Mutter an den Krebs verloren hatte und Hilfe suchte. Oder als die Endokrinologin meinen Blutzucker augenzwinkernd falsch interpretieren wollte, um mir die Ozempic- Spritze zu verschreiben. Ein Diabetesmedikament, mit Gewichtsverlust als Nebenwirkung. Oder als mich mein Zahnarzt mitten in der Behandlung wegschickte, weil ihm nach zehn Jahren auffiel, dass ich für seine Behandlungsstühle zu schwer sei. Oder die Gynäkologin, die mir aus Unwissenheit oder Gleichgültigkeit eine zu niedrig dosierte Pille bei meinem Gewicht verschrieben hat. Glück gehabt, dass man als dick_fette Person eh weniger fruchtbar ist. Oder die vielen anderen Ärzte, die mir trotz ungeklärter Schmerzen „Nimm ab!“ rieten und mir dann doch irgendwann Rheuma diagnostiziert wurde.

Jeden Tag gehe ich da raus und muss mich wappnen. Manchmal sind es ungefragte Tipps aus dem Nichts, wie es damals in der Schwimmbaddusche die Frau mit dem Kohlsuppenrezept ja nur gut meinte. Oder als der Typ mit Bierbauch mir Soja-Eis empfohlen hat, wegen der Dehnungsstreifen. Oder die Frau, die mich

penetrant auf meinem Arbeitsweg von dieser OP überzeugen wollte. Oder der katholische Priester, der meinte, mich zu trösten, weil ich ja zumindest ein schönes Gesicht hätte. Nur schade um den Rest. Wenn ich mich im öffentlichen Raum bewege, bin ich eine Zielscheibe. Wenn mir HAHA, das arme Fahrrad! im Kopf dröhnt oder ich mich mit einer rollenden Straßenbahn vergleichen lassen muss, beeinflusst das meinen ganzen Tag. Wenn mich Leute wegen meines bauchfreien Tops bis zu meiner Haustüre verfolgen und beleidigen, dann macht mein innerer Saboteur weiter: Verschwinde! Du gehörst hier nicht her. Du sprengst das Raster, bist nicht willkommen. Nicht so wie du bist. Manchmal sind es aber nicht nur Übergriffigkeiten und Beleidigungen, die mich aus dem Nichts treffen, sondern auch mal eine Faust, die mir ein Jogger im Vorbeirennen, warum auch immer, ins Gesicht geschlagen hat.

Eigentlich müsste mich das alles doch entsetzen, was mir widerfahren ist, oder? Das Ding ist: In jeder dieser Situationen dachte ich als erstes: Ich habe es ja verdient. Es ist ja meine eigene Schuld, dass ich fett bin. Aber inwiefern trifft mich diese Schuld realistisch gesehen alleine? Was ist mit den ganzen weiteren Einflüssen, wie meinen Genen und meinem Hormonhaushalt, wie meiner Erziehung und Sozialisierung in einer mediengeprägten Leistungsgesellschaft, wie dem patriarchalen Schönheitswahn, der auf Flinta* Personen lastet, wie der falschen und folgenschweren medizinischen Beratung und deren schlichten Unwissenheit auf Grund fehlender Forschungen, wie der Nahrungsmittelindustrie mit ihrem Verkaufswunder Zucker und dem billigen Fast-Food, wie der steigenden, vereinfachten Verfügbarkeit und durch permanente Werbung angepriesenen Befriedigung der Triebe als Ausgleich zum Leiden unter dem ständigen Wettbewerbsdruck oder auch dem psychischen Aspekt des Mobbings und Beschämens an sich. Treffen diese vielschichtigen Umstände keine Schuld? Sogar, wenn mich alle Schuld träfe, inwieweit haben andere Menschen dadurch das Recht, mich deshalb so fies zu behandeln? Mein Wert berechnet sich weder an meiner Gesundheit oder meinem Äußeren noch an meiner Leistungsfähigkeit. Ich bin Mensch und meine Würde deshalb laut Gesetz unantastbar, oder?

Was will ich denn eigentlich? Was ist es, das ich brauche, um zu heilen? Ich will fair und gleichberechtigt behandelt werden. Ich will mit meinen Problemen, Ängsten und Wünschen ernst genommen und gehört werden. Es stimmt. Ich will Aufmerksamkeit dafür, dass hier ein Unrecht geschieht. Ich will, dass Hasskommentare und fettphobische Diskriminierung als Straftat behandelt werden. Ich will, dass anerkannt wird, dass dick_fette Menschen mit unzähligen Hürden im Alltag, im Berufsleben und in der Medizin zu kämpfen haben und ihr Wunsch nach Barrierefreiheit und Inklusion, genau wie bei behinderten Menschen, gehört werden muss, wenn wir behaupten, in einer offenen, sozialen und inklusiven Gesellschaft zu leben. Ich will, dass Vorurteile abgebaut werden und es eine repräsentative Darstellung von diversen Körperbildern in den Medien und der Politik geben muss. Ich will eine großangelegte Aufklärungskampagne auf Landesebene in Schulen, Universitäten und Ämtern und schlicht und ergreifend die Aufnahme des Faktors Gewicht ins Antidiskriminierungsgesetz.

Es geht nicht um mich als Einzelperson, sondern um die Gesellschaft. Mich machen diese Schuldvorwürfe mittlerweile nur noch wütend und Wut ist ein Motor, still bleiben keine Option mehr! Wegen fettphobischem Verhalten leiden und quälen sich Menschen. Essstörungen sind nur ein Aspekt der Folgen und selbst dabei wird die Dringlichkeit und Schwere der Erkrankung sortiert nach Gewicht, weil angenommen wird, dass dick_fette Personen nicht magersüchtig oder bulimisch sein können. Selbstverletzendes Verhalten bis hin zum Suizid als Folge dessen, weil man nicht dem unerreichbaren Ideal entspricht. Wieso machen wir es uns gegenseitig noch schwerer, als es eh schon ist?

Liebe Hater, ich sehe euch. Ich weiß, es geht euch nicht gut. Aber es wird euch nicht besser gehen dadurch, dass es anderen schlechter geht. Ihr wollt mir meine Stimme wegnehmen durch dieses degradierende Verhalten, weil ihr um eure eigene Macht besorgt seid. Aber genau wie ihr auch will ich toleriert, akzeptiert und respektiert werden. Können wir diese Spirale aus Angst vor Verletzung unserer Würde nicht zusammen durchbrechen? Ein Deal oder ein Pakt? Ich nehme euch ernst und ihr mich? Dass wir uns gegenseitig unterstützen und aufbauen und dadurch alle gemeinsam wachsen und gesehen und gehört werden. Wäre das nicht herrlich?

Nur einmal im Leben „nein“ gesagt

Ingrid ist über 93 und allein. Sie fürchtet, sie wird nicht mehr lange so wie bisher in ihrer heiß geliebten Wohnung leben und sich um alle ihre Belange selber kümmern können. Sie wird abhängig von der Hilfe anderer sein. Und das hasst sie wie die Pest.

Sie, die immer eine sehr umgängliche, offene Frau war, fängt an, sich zu beklagen und alles abzulehnen, was ihr helfen könnte. Sie sagt: „Es fällt mir so schwer, ‚nein‘ zu sagen, und das einzige Mal, als ich es getan habe, habe ich es teuer bezahlt. Ich befürchte, dass andere über mich bestimmen, wenn ich mir helfen lasse.“

Ingrid wuchs mit drei Geschwistern in einem Arbeiterviertel auf. Nächtelang mussten sie im Hausflur ausharren, wenn der volltrunkene Vater wieder einmal die Kinder und ihre Mutter verprügelt und dann hinausgeworfen hatte. Schließlich wurde Ingrid von der Fürsorge aus der Familie genommen und auf einen Bauernhof verfrachtet, auf dem sie als billige Arbeitskraft ausgenutzt wurde. Nach dem Ende von Krieg und Nationalsozialismus konnte sie es kaum glauben, dass es einen Mann gab, der sie heiraten wollte. Sie bekam zwei Töchter. Sie passte sich sehr an, und mit den Jahren begegnete ihr Mann ihr mit immer größerer Verachtung. Als ihre Töchter am Beginn ihrer Pubertät waren, halfen sie ihrer Mutter dabei, ihren Mann mit größerer innerer Distanz zu sehen. Doch für Ingrid gab es kein anderes Lebensmodell.

Die Jahre vergingen, und eines Tages kam sie an einem Gebäude vorbei, an dessen Tür das Schild „Eheberatungsstelle“ hing. Und da fing es in ihr an zu arbeiten. Als der Vorsatz herangereift war, ging sie zu einer Beratung durch diese Tür. Im Laufe des Gesprächs fragte die Beraterin sie: „Haben Sie schon mal an Scheidung gedacht?“ – „Nein!“ entfuhr es ihr. Das hatte sie nie als Möglichkeit für sich gesehen. Sie ging nach Hause, und es arbeitete wieder in ihr. Sie kämpfte einen jahrelangen, inneren Kampf.

Eines Tages, die Töchter waren erwachsen und ausgezogen und der Mann war mal wieder „zur Kur“, nahm sie ihre Siebensachen und zog aus. Sie hatte alles gut vorbereitet. Von da an genoss sie ihr Alleinsein in vollen Zügen – wenn die Sonne in ihr Zimmer schien oder wenn sie im Schwimmbad ihren Körper im Wasser er-leben konnte. Sie arbeitete als Putzfrau, da sie keine Ausbildung hatte. Sie besuchte Bildungsveranstaltungen und lernte andere Frauen ihres Alters kennen, mit denen sie sich offen und ehrlich austauschen konnte. Und so wurde sie alt.

Mit Mitte 80 wurde sie sehr krank und musste im Krankenhaus behandelt werden, doch sie erholte sich wieder. Ihre Tochter bat sie, zu ihr in die Schweiz zu ziehen, sie würde ihr ganz in ihrer Nähe eine kleine Wohnung suchen. Ingrid konnte sich nicht vorstellen, woanders als dort zu leben, so sie ihr ganzes Leben verbracht hatte, und so sagte sie „nein“. Da brach ihre Tochter den Kontakt zu ihr ab. Die andere Tochter solidarisierte sich mit ihrer Schwester und beendete ebenfalls den Kontakt zu ihrer Mutter. Ingrid verstand die Welt nicht mehr. Aber sie gab nicht nach, und ist nun allein.

Ingrid ist keine Heldin, und dennoch bewundernswert. So wenig Türen, die ihr offen standen, doch als sie einmal erfahren hatte, wie sich ihr Leben „richtig“ anfühlt, hatte sie mit Mitte 50 den Mut, diesem Kompass zu folgen. Sie brauchte viel Zeit, um herauszufinden, was „richtig“ für sie hieß. Wäre sie bei uns in der Beratung oder Therapie – könnten wir aushalten, wenn sie als Klientin keine „Aha-Momente“ hätte, sondern „das Richtige“ sich nach und nach anschleicht und Gestalt annimmt? Ich bin immer wieder fasziniert davon, wenn die „Aha-Erlebnisse“ sich so völlig unverhofft ergeben, mal plötzlich, mal nach und nach, kaum merklich, sich entwickelnd. Und wenn dieses Erleben dann die Kraft entfaltet, Ängste und Unsicherheiten oder Gewohnheiten wie Seifenblasen zerplatzen zu lassen.


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