Zum Interview mit Andrea Ebbecke-Nohlen in Kontext 4/2025

Gästinnenbeitrag von Anne Valler-Lichtenberg

Gerne mache ich hier auf das Interview mit Andrea Ebbecke-Nohlen in KONTEXT 4/2025 aufmerksam.

Andrea Ebbecke-Nohlen hat seit den 1990er Jahren gemeinsam mit ihrer Kollegin Ingeborg Rücker-Emden-Jonasch die Systemische Therapie und Beratung unter feministischen Blickwinkeln und Gender-Perspektiven angeschaut und damit erweitert.

Zu diesem Zeitpunkt waren beide Lehrtherapeutinnen bei der IGST (Internationale Gesellschaft für Systemische Therapie).

1992 waren sie die Herausgeberinnen des Buches „Balanceakte – Familientherapie und Geschlechterrollen“ mit Beiträgen von vielen auch internationalen Familientherapeutinnen.

Sie spricht im Interview darüber „…wie das Thema Gender überhaupt in das Systemische hineinkam. Es fing nicht gleich mit den Publikationen an, sondern erst mit Beobachtungen…..Der Beobachtung erster und zweiter Ordnung.“  (S. 408)

Andrea Ebbecke-Nohlen beschreibt Unterschiede in Einschätzung und Vorgehen (die heute vielleicht selbstverständlich erscheinen – oder doch wieder nicht?).

Ich fasse es hier mit meinen Worten zusammen.

Die „weibliche Seite“

– benutze die weiblichen und männlichen Bezeichnungen

– stelle mehr Transparenz und Offenheit zu den Familienmitgliedern her

– nehme verstärkt wahr, dass sie auch unparteiisch sein können, wenn sie

  mehr Nähe zuließen und damit sogar wirksamer sein können.

Sie formulierten

– das Balancieren zwischen Nähe und Distanz

– eher Allparteilichkeit als Neutralität.

Sie gaben

– den Emotionen mehr Raum

und benannten

– Themen wie Gewalt und sexuelle Gewalt.

In ihren eigenen Weiterbildungen wurde Gendersensitivity zu einem unverzichtbaren Bestandteil.

Gemeinsam mit Dagmar Hosemann (die damals an der Fachhochschule Darmstadt Familientherapie lehrte) organisierten und gestalten sie drei große IDA-Kongresse 1992, 1993 und 1997. IDA stand für Ingeborg, Dagmar und Andrea.
„Es waren außergewöhnliche Erlebnisse und sind sehr schöne Erinnerungen. Damit kam das Thema Gender in die Familientherapie“ (S. 410).

Ich war 1992 beim ersten beeindruckenden und kreativen IDA-Kongress „Frauen in der systemischen Therapie“ dabei. Die Dokumentationen waren noch ausschließlich analog. Gerne teile ich hier mit euch das Programm des ersten Kongresses im Mai 1992.

Foto: Anne Valler-Lichtenberg

Auf diesem entstanden etliche bundesweit agierende kleinere systemisch-feministische Gruppen, zum Austausch, zur Weiterentwicklung, zur kollegialen Beratung. Es war inhaltlich anregend und hat Spaß gemacht.

Weshalb ich persönlich nach 2-3 Jahren aus einer kreativen systemischen Frauengruppe ausgestiegen bin? Vielleicht – leider passend – war meine Zeit mit dem Aufbau meiner selbständigen Praxis und der Begleitung meiner kleinen Tochter schon sehr ausgefüllt.

Literatur
Haun, M. W. (2025) „Ambivalenz ist eine Ressource. Beide Seiten haben ihren Wert, und im Zwischenraum entsteht oft etwas Neues.“ Andrea Ebbecke-Nohlen im Gespräch mit Markus W. Haun anlässlich ihres 75. Geburtstags. Kontext- Zeitschrift für Systemische Therapie und Familientherapie, 56, Heft 4. 2025, S. 396-416

Strategien für die Transformation

Zum Podcast-Interview mit Ruth Seliger

Nikola Siller

Erste Begegnung
Manchmal begegnet man einer Person zuerst über einen Text – und spürt beim Lesen unmittelbar, wie sehr dieser Text eine Einladung ist. So ging es mir mit Ruth Seliger aus Wien. Kennengelernt habe ich sie über das Buch Systemische Beratung der Gesellschaft. Strategien für die Transformation (Carl-Auer Verlag, 2022) und mir war schon nach den ersten Seiten klar: von dieser Frau will ich lernen.

Was mich an dem Buch fasziniert hat, war nicht nur der kluge systemische und universalistische Blick auf gesellschaftliche Strukturen, Dynamiken und Muster, sondern auch die Neukonzeption intellektueller Verwandtschaftssysteme: Ich habe mich gefreut, kritische Denker*innen und soziologische Klassiker wiederzutreffen (Marx, Adorno, Gramsci etc.) und sie in einem systemischen Argumentationsraum neu zu erleben. Zu Zeiten meines Soziologiestudiums in den 1990ern in Münster standen „kritische Theorie“ und „Systemtheorie“ eher wie zwei Lager einander gegenüber.

Vom Buch zum Lehrgang
Dieses Buch hat mich nicht nur überzeugt, auch die anderen Publikationen von Ruth Seliger zu lesen (siehe Angaben zum Podcast), sondern auch an ihrem Lehrgang Leading Transformation teilzunehmen. Der Lehrgang war nicht nur eine weitere systemische Weiterbildung in Organisationsentwicklung, sondern eine ganz besondere Lernreise – eine Mischung aus lange vermisster Weltsystemanalyse, subversiv-heiterem Thinktank in guter Gesellschaft und einer Werkstatt für kollektive Transformationsgestaltung.

Man darf nicht zu sehr dazu gehören wollen R. Seliger im Interview
Im Februar 2025 durfte ich Ruth Seliger dann für unseren Podcast, interviewen. Sie spricht darin über ihr Wirken als Organisationsberaterin, die Notwendigkeit innerer Unabhängigkeit und Strategien im Umgang mit der gegenwärtigen Krise der Demokratie und dem Rechtspopulismus.Sie erzählt in unserem Gespräch von ihrem langen Weg der Theoriebildung, der vom marxistisch-politischen Denken der 68er-Student*innenzeit über Psychoanalyse, die Theorien der Frankfurter Schule und die Gruppendynamik bis hin zur Systemik führte. Gerade weil Ruth Seliger eine „Systemikerin mit Leib und Seele“ ist, erlaubt sie sich, nützliche Aspekte anderer theoretischer Zugänge in ihr Denken zu integrieren. Nicht alles sei mit systemischem Denken kompatibel oder in ihm enthalten – manches hole sie bewusst „aus der Mottenkiste“ zurück, etwa den Begriff der Dialektik, der im Systemischen nicht vorkomme. Das sei „ein wirklicher Verlust im Denken“. Ohne das Prozessmodell konflikthafter Entwicklungen – These, Antithese, Synthese – gebe man etwas auf, was wichtig sei.

Sie sagt dazu im Interview: Ich denke, dass Wissenschaft auch das Recht und den Anspruch hat, eine politische Position einzunehmen, eine Werteposition, solange sie es ausweist. Und gleichzeitig ist dieser Versuch, eine Außenperspektive einzunehmen, die nicht unbedingt wertet – so der Anspruch im systemischen Denken – der hat auch was. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich entscheiden muss zwischen den beiden. Es hat beides seinen Platz.

Lange in mir nachgeklungen hat Ruths Fähigkeit zur inneren Unabhängigkeit und die Relevanz der Unangepasstheit für die Arbeit als Systemikerin: Für diesen Beruf hilft, dass man eine innere Unabhängigkeit hat. Ich bin nicht abhängig von der Zuneigung, Zuwendung oder auch dem Dazugehören von irgendwem. (…) Ich hätte diesen Job nicht machen können, wenn ich mich bemüht hätte, nett zu sein und anerkannt zu werden. (…) Ich habe den Anspruch oder gebe mir die Erlaubnis, auf bestimmte Dinge zu schauen und auf andere eben nicht.

Verstehen und Losgehen
Ich habe Ruth Seliger als kluge Denkerin, Strategin, Didaktikerin und Vernetzerin kennen- und schätzen gelernt. Mit Formaten wie dem forum:transformieren initiiert sie Begegnungsräume, die einen Unterschied zur digitalisierten Kommunikation markieren, „wo leibhaftige Menschen in Echtzeit miteinander über Themen, die uns gesellschaftspolitisch bewegen, in einen Dialog treten können“. „So einfach ist das“ sagt sie, – und verweist damit auf eine demokratiepolitische Praxis, die im Konkreten beginnt und die Lust aufs Dabeisein und Mitmachen weckt.

Ich bin Ruth Seliger dankbar: für ein Buch, das mir geholfen hat, Theoriestränge neu zusammenzuweben und für einen Deep-Dive-Lehrgang, der mir Zuversicht und nützliches Handwerkszeug vermittelt hat. Und dankbar für eine Role-Model-Lehrende, die spürbar selbst in dem steht, wovon sie spricht: dass es „weitergehen“ muss – und dass wir dazu beitragen können. In Hinblick auf den derzeit stattfindenden weltgesellschaftlichen Paradigmenwechsel und die notwendige sozialökologische Transformation brauchen wir Menschen wie Ruth Seliger: Menschen, die gute Fragen stellen, die Orientierung geben und Landkarten neu zeichnen – und uns zugleich daran erinnern, dass Karten und Kompass nichts nützen, wenn wir nicht losgehen.

In diesem Sinne möchte ich allen ans Herz legen das Interview mit ihr anzuhören!

Nikola Siller

Münster, 16.01.2026

Gendersensibles systemisches Denken und Vorgehen – Teil 2

In Fortsetzung zum letzten Beitrag in diesem Blog [Link] möchte ich an älteren feministischen Diskussionen in der Systemik anknüpfen in der Hoffnung, dass diese aufgegriffen und in aktuelle Diskurse überführt werden können. Denn nach meiner Meinung sind die „alten“ Diskurse auch heute noch relevant und könnten aktuelle Diversitäts-Diskurse bereichern.[1]

Individuation und Moral

Feministinnen kritisierten in den achtziger Jahren das damals gängige Konzept von Bindung und Individuation. Danach seien frühkindliche Bindungserfahrungen essentiell für die Entwicklung gesunder Menschen. Im weiteren Verlauf der Entwicklung sei dann ein Individuationsprozess erforderlich als Voraussetzung für eine reife Persönlichkeit. Aus Untersuchungen wurde abgeleitet, dass Jungen den Individuationsprozess erfolgreicher durchliefen als Mädchen, woraus die Entwicklung eines unabhängigen, erwachsenen Selbst bei Männern (und bei Frauen eben nicht) resultiere. Hinzu kamen Untersuchungsergebnisse, die für die These herangezogen wurden, dass Jungen in ihrer Moralentwicklung den Mädchen überlegen und diese moralisch unterentwickelt seien.

Auch in der systemischen Szene hatte es ähnliche Tendenzen gegeben wie bei der Bindungstheorie. Vor allem durch den Einfluss von Minuchin und seinen Ansatz der strukturellen Familientherapie wurde sehr viel darauf geschaut, ob Bindungen oder Abgrenzungen jeweils zu stark oder zu schwach ausgeprägt waren und deshalb problematische Familienkonstellationen und familiäre Kommunikationen entstanden. Dann wurde empfohlen, mehr Bindung oder mehr Abgrenzung herzustellen.

Neben der Kritik, dass das Bindungs- und das Moralkonzept kulturell einseitig ausgerichtet seien, gab es in feministischen Kreisen große Diskussionen darüber, dass Mädchen nur deshalb mehr an Bindungen orientiert seien, weil Frauen für die Herstellung von Bindung als „zuständig“ angesehen wurden, während die Aufgabe der Männer eher als zuständig für Abgrenzung und Individuation definiert wurde. Die Frau werde dahin sozialisiert, nachgiebig und umsorgend zu sein, der Mann, aggressiv und durchsetzungsstark aufzutreten. [ausführlich s. den Beitrag Gendersensibel systemisch arbeiten in Beratung und Therapie] Dazu passte die Veröffentlichung von Carol Gilligan.[2] Sie kritisierte die Kohlbergsche Annahme einer „Moral für alle“, nach der Jungen moralisch reifer seien als Mädchen, und wies darauf hin, dass Jungen und Mädchen aufgrund ihrer geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Sozialisation ein unterschiedliches Moralverständnis hätten. Während Jungen auf die Einhaltung von Regeln fokussiert seien, achteten Mädchen mehr auf die Wahrung von Bindungen, so die These.

In systemischen Kreisen fanden diese Diskussionen Widerhall. Es sei wichtig, den Blick auf Kommunikationsmuster vor dem Hintergrund geschlechtsspezifischer Sozialisation zu erweitern und unterschiedliche geschlechtsspezifische Rollen und Bewertungen in Familien in den Blick zu nehmen: Wer ist wofür zuständig? Wer darf sich wie verhalten, ohne sich damit einer moralischen Empörung auszusetzen? Wer gibt wem emotionalen Rückhalt? Wer darf sich abgrenzen und wann und wie nach außen orientieren? Wer fühlt sich für das emotionale Wohlergehen und für das Bestehen in der Außenwelt von wem zuständig? Wer darf Aggressionen auf welche Art und Weise ausagieren oder nicht? usw.

Frauen und Macht

Eine weitere Frage, die in feministischen Kreisen in den achtziger Jahren intensiv diskutiert wurde, war die der Macht. Worüber sich alle einig waren, war der Blick auf die bestehenden Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen. Doch hatten Frauen nicht ihre eigenen Machtstrategien, oder waren das lediglich „Listen der Ohnmacht“? Sollten Frauen nach der Macht greifen und das Spiel genauso mitspielen? Sollten sie nach Machtfreiheit streben oder andere Formen der Machtausübung suchen?

In der systemischen Szene wurde darauf fokussiert, dass der Blick auf Familie nicht hilfreich sei, ohne den Kontext der Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau mit einzubeziehen. Es wurde kritisiert, dass Systeme in Anlehnung an naturwissenschaftliche Modelle als grundsätzlich gleichberechtigt gedacht und dadurch wesentliche Einflussfaktoren für kommunikative Dynamiken übersehen würden.[3]


[1] Es gibt natürlich das tolle Buch von Tanja Kuhnert und Nikola Siller, das eine große Bereicherung und Grundlage darstellt, um frühere Diskussionen für heute fruchtbar zu machen. Auch dieser Blog hat u.a. diese Intention.

[2] Carol Gilligan: Die andere Stimme. Lebenskonflikte und Moral der Frau. München 1984

[3] s. Welter-Enderlin in Familiendynamik 12(3) 1987: 261 ff

Gendersensibles systemisches Denken und Vorgehen – Teil 1

Es gibt ein großes Interesse an gendersensiblen Aspekten im systemischen Arbeiten, aber meines Wissens recht wenig aktuelle Beiträge dazu. Auch ich habe hier keine beizutragen, aber ich hoffe auf entsprechende Impulse von anderen. Dazu möchte ich hier und im nächsten Beitrag einen „Aufschlag“ machen und an ältere feministische Diskussionen in der Systemik anknüpfen in der Hoffnung, dass diese aufgegriffen und in aktuelle Diskurse überführt werden können. Denn nach meiner Meinung sind die „alten“ Diskurse auch heute noch relevant und könnten aktuelle Diversitäts-Diskurse bereichern.[1]

Rationalität und Wirklichkeitskonstruktion

Als wichtige Thematik, die auch heute noch eine große Relevanz hat, betrachte ich die Diskussion um Rationalität und wissenschaftliche Erkenntnis. Diese wurde vor 40-50 Jahren in feministischen Kreisen geführt. Aber auch in der damaligen philosophischen Diskussion der Postmoderne war sie zentral, und sie hat die erkenntnistheoretische Grundlage für die Systemik gelegt. Die kartesianische Grundauffassung, nach der der Mensch als unabhängiges Subjekt Erkenntnisse über die Welt als Objekt gewinnen kann, wurde gerade vom Konstruktivismus fundamental hinterfragt. Wir können Signale nur so wahrnehmen, wie unsere Sinne sie auf ihre ganz eigene Art verarbeiten. Erkennen entsteht durch Unterscheidung, und erst durch die Unterscheidung entsteht das Objekt. Der soziale Konstruktionismus geht über diese individuelle Sicht hinaus und konstatiert, dass Wissen im gesellschaftlichen, kulturellen Kontext entsteht und daher nicht allumfassend sein kann. Auch wenn diese Positionen heute auch aus naturwissenschaftlicher Sicht nachvollziehbar sind, besteht der Glaube an die Möglichkeit objektiver, rationaler Erkenntnis weiter und wird vor allem von Männern (aber nicht nur) vertreten, die immer noch der Meinung sind, sie könnten Welt objektiv wahrnehmen und beschreiben, und die immer noch so tun, als könnten sie Gefühle und eigene Motive außen vor lassen. Dabei ist die Emotion gerade Quelle und Richtung der Erkenntnis (Maturana).[2]

Marianne Krüll beschreibt das So-tun-als-Ob der Männer so:

„Wenn feministische Wissenschaftlerinnen fordern, daß Wissenschaft ihre wertenden Maßstäbe , ihre „Parteilichkeit“ offenlegen soll, begegnet man ihnen meist mit besonders heftiger Ablehnung.“[3]

Auch wenn die systemische Sichtweise die Kritik am Subjekt mit Feministinnen teilte, waren diese nicht damit einverstanden dass systemisches Vorgehen lange Zeit stark auf das Reden über Verhalten fokussierte. Systemikerinnen verwiesen zum einen darauf, dass Gefühle immer eine – entscheidende – Rolle in menschlicher Kommunikation spielen und deshalb auch in den Fokus systemischen Arbeitens gehören. Zum anderen postulierten sie, dass nicht-rationale Wahrnehmungsvorgänge, wie der über die Intuition, wichtige Arbeitsmittel für systemisch Arbeitende sind. Dass Gefühle nun in beiderlei Hinsicht zum systemischen Arbeiten dazugehören, war lange nicht so eine Selbstverständlichkeit wie heute.

Bezogen auf den Fokus in der Beratung/Therapie geht der Blick von „… was wäre anders in Ihrem Verhalten? … Was tut X, wenn Y weint?“ auch auf Fragen wie „… was würden Sie anders denken/fühlen? … Was würden die Tränen sagen?“ Zusätzlich wird der ganze Organismus, inklusive des Körpers, als Resonanzmöglichkeit einbezogen.

Diese Art des Arbeitens findet sich auch in der Narrativen Therapie: In unseren Erzählungen geht es nicht darum, was „wirklich“ getan und gesagt wurde, sondern darum, welche Wahrnehmungen, Ideen und Gefühle in der Erzählung über das Geschehen enthalten sind.

„In diesem Prozess des Hervorbringens von Welt ist Erkennen und Werten nicht zu unterscheiden, sie sind Teil der menschlichen ‚Biologie der Erkenntnis‘.“[4]

Für Beratungs-/Therapieprozesses ist die Beziehungsgestaltung auch in der Systemischen Therapie mittlerweile eine Basiskonstante. Irritationen gehören in einen haltenden Rahmen. Empathie, Intuition und vorsprachliche Kommunikation ist nicht nur für die Beziehungsgestaltung wichtig, sondern auch hilfreich, um aus den vielen kommunikativen Angeboten eine relevante Auswahl zu treffen.

Aufwind bekam diese konzeptuelle Umorientierung in den achtziger Jahren durch den Cooperative Approach und die Narrative Therapie, an deren Entwicklung Frauen maßgeblich beteiligt waren. Der Cooperative Approach betont das Nichtwissen der Beratenden und das Expertentum der Klient_innen für ihre eigenen Anliegen. Frauen plädierten dafür, an „typisch weiblichen Gesprächen“, „wie unter Freundinnen“ anzuknüpfen, in denen mit Neugier für bzw. ehrlichem Interesse an dem Erzählten Verbindendes gesucht wird und neue Geschichten entwickelt werden.

Teil 2 wird in 3 Wochen an dieser Stelle veröffentlicht werden.


[1] Es gibt natürlich das tolle Buch von Tanja Kuhnert und Nikola Siller, das eine große Bereicherung und Grundlage darstellt, um frühere Diskussionen für heute fruchtbar zu machen. Auch dieser Blog hat u.a. diese Intention.

[2] s. Krüll, Marianne in: Familiendynamik 12(3) 1987: 228

[3] ebda.: 229

[4] ebda.: 229

Der Versuch einer Skizze der westdeutschen Frauenforschung und Frauenbewegung in den 1970er und 1980er Jahren

Im Sommer 2025 erreichte die Redaktion eine Nachricht von Marie-Luise Conen mit Anmerkungen zu unserer bisherigen Timeline, ganz herzlichen Dank! Daraus ist nicht nur eine neue Rubrik „Geschichte der Systemik“ in unserem Blog entstanden, die unsere Timeline kritisch beleuchten, ergänzen und erweitern soll, sondern auch der vorliegende Beitrag von Frau Conen zur westdeutschen Frauenbewegung und Frauenforschung in der 1970er und 1980er Jahren. Wir freuen uns sehr über diese wertvollen Einblicke und Erläuterungen!

von Marie-Luise Conen

Vorab über mich aus dieser Zeit:

  • 1975-1980 Studium der Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Sozialpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Berlin (1980 integriert in die TU Berlin), 1977/1978 Studium der Gruppendynamik/-beratung an der Temple University, Philadelphia.
  • 1985-1987 Studium der Psychologie an der FU Berlin.
  • 1978-1986 engagiert in der Frauenforschungsbewegung in der DGS und DGfE in Berlin.
  • 1986 Beginn an den Arbeiten an meiner Dissertation (1990).

Zwischen Audrey Lord (1980er Jahre) und der Gründung des 1. Frauenhauses in Berlin (und damit die 1970er Jahre und anfänglichen 1980er Jahre) gibt es weitere wichtige Stationen bzw. Entwicklungen der westdeutschen Frauenforschung/-bewegung. Dazu möchte ich Folgendes erläutern:

Die Etablierung der feministischen Forschung in Berlin:

Ab 1978 kam eine Gruppe von Frauen, die an Frauenforschung und feministischer Theorie in Berlin interessiert waren, mehrmals im Jahr in den Räumen, in denen sich ab 1980 die neu geschaffene Zentraleinrichtung Frauenstudien und -forschung der FU Berlin befand, zusammen. Zu unserer Gruppe, die sich als Teil der DGS – Deutsche Gesellschaft für Soziologie – verstand, gehörten vorwiegend Soziologinnen oder, wie ich, einige Erziehungswissenschaftlerinnen u.ä.m. Sie kamen aus verschiedenen Wissenschaftszusammenhängen, wo sie an Hochschulen oder Forschungseinrichtungen tätig waren, einige kamen auch aus der praktischen Arbeit mit Frauen

Führend in dieser Gruppe war Carol Hagemann-White, die damals bei den Soziologen der FU lehrte und 1976 habilitiert hatte. Auch andere Frauen promovierten entweder oder arbeiteten an ihren Habilitationen – und mussten dabei erhebliche Hindernisse meistern, um einen Lehrstuhl zu „erobern“. In diese Zeit fiel auch Carol Hagemann-Whites wissenschaftliche Begleitung des ersten Berliner Frauenhauses (1977-1980).

Die Berliner DGS-Frauen-Gruppe erwies sich als die einflussreichste und diskussionsfreudigste und ich erinnere gerne unsere Diskussionsrunden, die auch von strategischen Vorgehensweisen, um Fraueninteressen an verschiedenen Stellen einzubringen bzw. durchzusetzen, geprägt waren.

Carol Hagemann-White und auch andere Soziologinnen wie Ute Gerhard (Bremen, später dort Professur), Regina Becker-Schmidt (zunächst Hannover, später Institut für Sozialforschung Frankfurt/Main), Barbara Riedmüller (FU Berlin) und Ursula Beer (zunächst Bielefeld, dann Ruf nach Dortmund), um nur einige Namen zu nennen, trugen wesentlich dazu bei, dass Frauen- und Geschlechterforschung, einschließlich Studiengänge wie „Frauenstudien“ sich an den Hochschulen etablieren konnten.

In diesem Zusammenhang war von großer Bedeutung, dass es schließlich gelang, innerhalb der DGS eine eigene Sektion Frauenforschung (später: Frauen- und Geschlechterforschung) zu gründen, deren Sprecherin Carol Hagemann-White mit Gründung 1981-1983 war.

Kampf gegen Weiblichkeitsideologien und Aufbau der Sektion Frauenforschung:

In meinem Studium lasen wir die konservativen Konzepte zur Geschlechterordnung, in denen die Natur und Biologie das Wesen der Frau bestimmten, und unterzogen diese Ideologien in unseren Seminaren kritischen Analysen und Überlegungen. Die westdeutsche Frauenbewegung musste gegen diese Ideologien argumentieren, denn ihr ging es um die Selbstbestimmung und Autonomie der Frauen. Frauen wurden bis dato vorwiegend über ihre Männer definiert, was auch die Frauen selbst taten, weil sie diese Weiblichkeitsideologien verinnerlicht hatten. Es galt gegen diese Zuschreibungen des „weiblichen Sozialcharakters“ anzugehen, wobei jeder Schritt nach vorn mühsamst gegen das Desinteresse der Gesellschaft an einer Emanzipation von Frauen erkämpft werden musste. Der Rollback dazu begann bereits in den 1980er Jahren – bereits zu dieser Zeit war eine Fortschreibung der „weiblichen Normalbiografie“ zu verzeichnen. Der Frauenbewegung war klar, dass es immer wieder notwendig ist, Einfluss auf das gesellschaftliche Bewusstsein von Diskriminierung von Frauen zu nehmen, dies zu thematisieren und für Veränderungen zu kämpfen.

Die soziologisch geprägten Diskussionen in der DGS bezogen sich u.a. phasenweise schwerpunktmäßig auf die Diskriminierung von Frauen im Arbeitsleben und die Schwierigkeiten der Vereinbarung von Beruf und Privatem; dies erfolgte auf der Ebene von Forschungsfragestellungen und deren Erörterung. Das Leben vieler frauenbewegter Frauen war allerdings mehr von konkreten.

Die „Frauenszene“: Konkrete Lebensbereiche und das Thema Gewalt

Mitte/Ende der 1970er Jahre ging es in der westdeutschen Frauenbewegung weniger um die Erforschung als stärker um die praktische Veränderung in einzelnen Lebensbereichen.

Hier stand neben der „Abtreibungsdiskussion“ vor allem die Gewalt gegenüber Frauen im Mittelpunkt. Frauennotrufe, Walburgisnachtdemonstrationen (Take back the night), Gründung von Frauen-Cafés, Frauenbuchläden, Frauengesundheitszentren u. v. ä. m. bildeten sich überall, oftmals in Berlin (West) zuerst. Alice Schwarzer mit ihrer „Patriachats-Kritik“, aber vor allem mit ihrer Thematisierung von Abtreibungen, wurde zu einer der wichtigsten Frauenbewegerinnen, damals um den Preis als eine der am meisten gehassten Frauen in Deutschland betrachtet zu werden. Die von ihr gegründete Zeitschrift „Emma“ fand große Verbreitung nicht nur unter frauenbewegten Frauen. Sich autonom links-feministisch verstehende Frauen zogen ein Abonnement der Berliner Frauenzeitschrift „Courage“, die von 1976-1984 in –Berlin/West erschien, vor.

Das Tribunal über Gewalt gegen Frauen 1976 in Brüssel spielte in Bezug auf das Thema Gewalt gegen Frauen eine bedeutende Rolle und führte schließlich zur Gründung des ersten Berliner Frauenhauses 1976, das rasch „voll“ war und damit den hohen Bedarf an Angeboten dieser Art für Frauen zeigte.

Erziehungswissenschaftliche Perspektiven und der Einfluss der „Szene“:

Christina „Tina“ Thürmer-Rohr war ab 1972 Hochschullehrerin an der Pädagogischen Hochschule Berlin. Sie wurde später eine der einflussreichsten Theoretikerinnen des deutschen Feminismus und galt als unbequeme Denkerin. Sie griff Themen der „Szene“ auf und wirkte in diese Szene vielfach hinein. Sie war es, die ca. 1978 ein Theorie-Praxis-Seminar (TPS) zum Thema „Frauenhausarbeit“ anbot. Dieses Theorie-Praxis-Seminar war im Rahmen des progressiven Studienangebots an der PH Berlin Teil des Diplom-Pädagogik-Studiums und umfasste vier Semester nach dem Vordiplom. Studierende erschlossen sich in dem jeweiligen TPS-Schwerpunkt sowohl theoretisch als auch praktisch Kenntnisse und Erfahrungen. Studentinnen dieses Frauen-TPS waren zunächst ehrenamtlich im ersten Berliner Frauenhaus tätig, später einige davon hauptberuflich.

Ich persönlich – bei aller feministischer Orientierung – konnte mich damals diesem TPS nicht anschließen; die Diskussion, ob man dort mitarbeiten könne oder nicht, wenn man Partnerbeziehungen zu Männern unterhielt, schreckte mich ab. Andere, befreundete Studienkolleginnen, engagierten sich in großem Maße im Frauenhaus.

Diese Szene – Frauenarbeit/Mädchenarbeit – war es, die die konkreten Lebensbedingungen in Berlin und anderen Orten wesentlich zu beeinflussen suchte und dies mehr und mehr gelang. In dieser Frauen- und Mädchenarbeits-Szene, die in vielem ihre Anfänge in Berlin/West nahm, spielten zentrale Rollen Barbara Kavemann, Monika Savier und Carola Wildt, später u. a. in Köln Ursula Enders. Sie trugen mit zur Gründung von Beratungsstellen von sexuell missbrauchten Mädchen und Frauen bei (Wildwasser u. Zartbitter). Monika Saviers und Carola Wildts kleines Buch über „Mädchen zwischen Anpassung und Widerstand“ (1978), war – neben dem Taschenbuch von Ursula Scheu „Wir werden nicht als Mädchen geboren, wir werden dazu gemacht“ (1977) – damals eine Standardlektüre für jede frauenbewegte Frau.

Wissenschaftliche Verankerung in der DGfE und das Ringen um Anerkennung:

In der Frauen- und Mädchenarbeit gab es auch eine andere Gruppe, der ich ebenfalls eine Reihe von Jahren angehörte und die mich aktiv werden ließ. Denn es waren die Erziehungswissenschaftlerinnen, die sich – im Unterschied zu dem Schwerpunkt der meisten Soziologinnen – mehr mit der Erforschung der konkreten Arbeit mit Frauen und Mädchen beschäftigen wollten und die ebenfalls Wege suchten, sich organisiert als Wissenschaftlerinnen in die männerbeherrschte Hochschullandschaft der Pädagogik und Erziehungswissenschaften einzumischen.

Überregional trug vor allem Hannelore Faulstich-Wieland (später Hochschullehrerin in Frankfurt/Main und Hamburg) dazu bei, dass es schließlich eine Kommission Frauenforschung (später Frauen- und Geschlechterforschung) innerhalb der DGfE (Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaften) gab. Hannelore Faulstich-Wieland hatte 1980 über „Berufsorientierte Beratung von Mädchen“ habilitiert.

1982 veranstaltete die DGfE-Kommission Frauenforschung ihr erstes Symposium zum Thema „Koedukation“ – denn die Frauenszene diskutierte in den 1970er- und 1980er Jahren auch die Nachteile einer Koedukation für Mädchen (und die Vorteile einer Mädchenpädagogik im Schulwesen). Andere Themen waren Mädchensozialisation und eben auch Gewalt gegen Frauen. In der DGfE waren namhafte Erziehungswissenschaftlerinnen engagiert wie Sigrid Metz-Göckel, die in Dortmund viel zur Gestaltung frauenspezifischer Themen im Lehrangebot beitrug. Ihr gelang es, den ersten Studiengang „Frauenstudien“ aufzubauen.

Des Weiteren waren Hedwig Ortmann (Bremen), Christine Holzkamp (PH Berlin), Gisela –Steppke (Berlin) Renate Thiersch (Tübingen) und Bärbel Schön (später Heidelberg) in der Kommission Frauenforschung engagiert und trugen ebenfalls zur weiteren Entwicklung der erziehungswissenschaftlichen Frauenforschung in Deutschland bei.

Frauen wie Helge Pross und Frigga Haug waren Vorreiterinnen für diese damals neue Frauen-Generation, gehörten aber nicht den o.g. Gruppierungen an. Helge Pross erhielt bereits 1965 einen Ruf als Professorin nach Gießen und fand großen Widerhall in der Öffentlichkeit über ihre Studie zu „Nur-Hausfrauen“. Frigga Haug kam aus der sozialistischen Frauenbewegung (Brot und Rosen). Sie stand der autonomen Frauenbewegung zunächst kritisch gegenüber und vertrat Positionen eines marxistischen Feminismus.

Die Treffen der DGfE-Frauen zeigten immer wieder, wie sehr frau mit den „üblichen“ männlichen Codes bei Bewerbungen auf Hochschulprofessuren zu kämpfen hatten. Nach und nach bildeten zahlreiche Frauen Netzwerke, um Frauen zu unterstützen auch innerhalb des Wissenschaftsbetriebes ihren Platz zu finden. Dies war bedeutend, denn eine Aufnahme in die DGfE konnte nur aufgrund einer Empfehlung eines Mitglieds erfolgen; dies machte auch mir eine Mitgliedschaft in der DGfE möglich.

Inzwischen sind in beiden Fachgesellschaften – Deutsche Gesellschaft für Soziologie und Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaften – die Sektion bzw. Kommission „Frauen- und Geschlechterforschung“ nicht mehr wegzudenken, auch wenn man anfänglich dies als nur „vorübergehendes Thema“ betrachtete und daher in der DGfE erst 1991 – nach sieben Jahren Kampf darum – endlich dem Antrag auf Einrichtung einer Kommission Frauenforschung zustimmte.

Fazit: Wechselwirkungen, Errungenschaften und persönliche Umorientierung

Diese drei „Szenen“ – Soziologinnen, Erziehungswissenschaftlerinnen und „Frauenszene“ beeinflussten sich in großem Maße gegenseitig und haben erheblich dazu beigetragen, dass viele Rechte, Einordnungen und Möglichkeiten, die für heute jüngere Frauen selbstverständlich sind, gesellschaftlich stärker ihren Platz finden konnten – jedoch heute wieder bedroht sind.

Ich selbst interessierte mich zunehmend weniger für theoretische Diskurse, sondern mehr für die praktische Arbeit mit Mädchen, hatte ich doch im Rahmen eines Praktikums in einem US-amerikanischen Heim in Philadelphia mit jugendlichen Mädchen deren gewaltvolle Erfahrungen, insbesondere sexuellen Missbrauch mitbekommen. Zurück in Deutschland suchte ich Kontakte zur Frauenszene, die sich mit Mädchenheimerziehung beschäftigte, da ich zunehmend die Ursachen des Weglaufens von zu Hause in ihren Missbrauchserfahrungen sah – 1980 allerdings kein Thema in Deutschland. Von einer Dissertation zu diesem Themenkomplex sah ich dann später ab. Konkurrenzen und Machtkämpfe um Themensetzungen und Förderungen schreckten mich ab und ich beschloss dieses Themenfeld loszulassen.

Ich zog mich aus der Frauenszene zurück, eine Verbindung zwischen Familientherapie – die mich seit meiner Zeit in Philadelphia begeistert hat – und Frauenbewegung schien mir damals nicht (mehr) möglich. Sexuellen Missbrauch als Teil der Familiendynamik zu sehen – und Frauenarbeit schlossen sich für frauenbewegte Kolleginnen gegenseitig aus und damit für mich wichtige Denkweisen.

Späte Annäherung: Geschlechterrollen in der Familientherapie

Als das Buch „Unsichtbare Schlingen – Die Bedeutung der Geschlechterrollen in der Familientherapie“ von Marianne Walters, Betty Carter, Peggy Papp und Olga Silverstein (1991 auf Deutsch) und 1992 „Balanceakte. Familientherapie und Geschlechterrollen“ von Ingeborg Rücker-Embden-Jonasch und Andrea Ebbecke-Nohlen erschienen, empfand ich diese als kaum in Bezug zu diesen drei Frauen-Szenen. Ich hatte den Eindruck, dass frau sich sowohl recht spät als auch eher aus einer recht individuumsbezogenen Betrachtung heraus der Geschlechterdiskussion näherte, die wenig, ja kaum Bezüge zu der „Frauenszene/Frauenbewegung“ hatte.

Ich vermute, dass dieser mangelnde Bezug und auch eine fehlende Einbettung in die „Frauendiskussion“ u. a. mit dazu beigetragen haben, dass das Thema seitens der Frauen innerhalb der systemischen Fachverbände „verloren“ ging und von den männlichen Verbandsvertretern ignoriert wurde – obwohl der Anteil der weiblichen Mitglieder so deutlich herausragt – und erst seit kurzem erfreulicherweise Aufwind erfährt.

Zur systemischen Entwicklung in Ostdeutschland

„Dann haben Sie wohl Ihren Titel auch nur wegen Ihrer Parteizugehörigkeit!“

„In der Abschlussrunde [eines Weiterbildungs-Seminars Anfang der 90er Jahre] sagte ein Kollege: ‚Ich hätte nicht geglaubt, dass die Menschen aus Sachsen auch einen Kopf zum Denken haben’“.

Diese Sätze zitiert Brigitte (Gitte) Pfefferkorn in der neuesten Folge des Interview-Podcasts ‚Pionierinnen der Systemik‘ , welche heute veröffentlicht wurde (Hier geht es zum Interview).

Auch wenn ich (westdeutsche Frau), weiß, dass es ostdeutsche Diskriminierung gab und gibt, hörte ich diese Sätze mit Fassungslosigkeit.

Brigitte Pfefferkorn spricht in ihrem Interview mit Anne Gemeinhardt sehr eindrücklich von dem „Gegenwind“, der ihr nach der Wende entgegenkam und dem sie sich erfolgreich gestellt hat. So reist Sie mit uns über 30 Jahre zurück und berichtet über ihren systemischen Werdegang. Sie inspiriert mit ihrer Unbeugsamkeit und damit, wie sie sich nichts „überstülpen“ ließ. Wir begegnen einer Frau, die insbesondere Frauen* inspirieren und ermutigen kann, den eigenen Weg zu gehen und sich nicht davon abbringen zu lassen.

Mich hat es sehr nachdenklich gemacht, was Gitte über ihre Erfahrungen berichtet. Wo doch gerade Systemiker*innen immer wieder von sich behaupten, offen und wertfrei auf Menschen und deren Biografien zuzugehen. Mich beschäftigen dabei viele Fragen. Unter anderem frage ich mich, ob und wie dies noch heute auch in den systemischen Verbänden nachwirkt. Mittlerweile gibt es zahlreiche systemische Weiterbildungsinstitute in Ostdeutschland.

  • Ist Ost-West noch ein Thema in der systemischen Welt?
  • Haben wir versäumt, etwas miteinander auszuhandeln?
  • Gibt es Tabus? Gibt es unbearbeitete Kränkungen?
  • Gibt es überhaupt Räume für einen Austausch über unsere getrennte und gemeinsame Geschichte?
  • Ist es gewünscht, darüber ins Gespräch zu kommen?
  • Wie begehen die systemischen Verbände den 03. Oktober 2025?
  • Die DGSF e. V. wird am 04. Oktober ihr 25-jähriges Jubiläum feiern. Wird der 35. Jahrestag der Vereinigung von DDR und BRD Thema sein?

Nicht zuletzt stellen sich mir in der Auseinandersetzung immer wieder grundlegende Fragen zu Sprache, Benennungen und Zuschreibungen. Sprache schafft immer auch Wirklichkeit. Was ist 35 Jahre nach der Wende eigentlich eine passende, angemessene Wortzuweisung für das Gebiet der ehemaligen DDR? Wie benennen Menschen, die heute dort leben ihre regionale Zugehörigkeit(en)? Wie tun dies Menschen, die in den Bundesländern der BRD von vor 1990 leben? Ist „Ostdeutschland“ eine westlich geprägte Wortwahl mit impliziten Zuschreibungen?

Ich würde mich freuen, wenn ihr euch das Interview anhört und Kommentare zu meinen Fragen hinterlasst.

Tanja Kuhnert

Eindrücke von der „ersten Generation“

Zum Podcast-Interview mit Margarete Hecker

Eine neue Podcast-Folge ist online – das Interview mit Margarete Hecker. Sie war bis 1994 Professorin für Soziale Arbeit an der Hochschule Darmstadt, wo sie zusammen mit Verena Krähenbühl die Weiterbildung in systemischer Familienberatung aufbaute.

Im Podcast erzählt Margarete Hecker zunächst von der Flucht mit ihrer Familie von Pommern nach Wernigerode am Ende des 2. Weltkrieges und von ihrer Flucht ganz allein von Wernigerode in den Westen 4 Jahre später. Das hat ihre Arbeit geprägt. Im Laufe des Interviews betont sie immer wieder, wie wichtig es für sie ist, dass Familientherapie den Kontext und die Geschichte berücksichtigt.

Vieles von diesem Interview findet sich auch in dem Buch Systemik, die … wieder. Im Kontext dieses Buches wird deutlich, dass Margarete Hecker – wie viele Frauen in ihrer Generation – als Startpunkt für ihren Weg zur Familientherapie die Sozialarbeit hatte. Sie wurde zunächst Fürsorgerin (heute Diplom-Sozialarbeiterin), bevor sie dann studierte und promovierte. Dies ist vielleicht die Erklärung dafür, dass sich ihr Fokus von der Sozialarbeit aus auf die Familie und weiter auf die Geschichte der Familie richtete. Denn ich habe mich beim Hören, und auch beim Lesen weiterer Biografien im Buch, gefragt, wieso viele Frauen dieser Generation ihren Schwerpunkt auf die Familienrekonstruktion legten, während andere Systemiker_innen in Deutschland sich dem Konstruktivismus und der Systemtheorie zuwandten. Hecker nennt ihre eigenen sehr prägenden Fluchterfahrungen als einen Grund, und nennt als weiteren Grund ihre Beobachtung, dass Systemiker wie Minuchin durch ihre Fokussierung auf die gegenwärtigen Muster einer Familie Dinge wie Missbrauchserfahrungen und innerfamiliäre Gewalt gar nicht in den Blick bekamen. Und sie beschreibt außerdem, dass die männlichen Systemiker übersahen, wie die familiären Rollen der Frauen unhinterfragt blieben.

Ich frage mich, ob geschlechtsspezifische Aspekte auch eine Rolle dabei gespielt haben, dass ein Unterschied gemacht wurde zwischen den „richtigen Systemikern“ und den Familientherapeut_innen: „… Anfang der neunziger Jahre fand ein Prozess statt, dass die DAF und DFS1 sich auf die Reise machten, ein gemeinsamer Verband zu werden. … Eine ganze Reihe von Mitgliedern der DAF, die eine eher tiefenpsychologisch orientierte Form von Familientherapie vertraten, verließen diesen neuen Verband, sodass der sich stärker auf die systemische Arbeit fokussierte, aber immer noch sehr stark familientherapeutisch geprägt war. Auch die Institute stützten sich in ihrer großen Mehrheit theoretisch-konzeptionell auf den Satir-Ansatz und auf die Arbeit mit Kindern und Familien. Und dann gab es eine ganze Reihe Institute, die … in einen Austausch über systemische Denk- und Arbeitsmodelle treten (wollten) … Dazu gehörten Konzepte der Mailänder Schule, konstruktivistische Modelle, narrative Modelle etc. …“ 2

Glücklicherweise muss man diese verschiedenen Vorgehensweisen heute nicht mehr aus divergierenden Lagern betrachten. Ich frage mich, warum es damals nicht möglich war, sich über die unterschiedlichen Herangehensweisen konstruktiv auseinanderzusetzen, anstatt in ein „Entweder – Oder“ zu kommen. Mir scheint, die Frauen dieser Generation, so wie Margarete Hecker, gingen sehr pragmatisch vor und nahmen sich von der Systemik, was ihnen hilfreich erschien, brachten von sich aus ein, was sie für erforderlich hielten, und ließen andere Vorgehensweisen außen vor. So sagt Hecker im Interview, dass sie sich nicht mit Luhmann befasste, weil seine Schriften sie nicht erreichten und sie nicht betroffen davon war.

Eine andere Frage, die beim Hören des Interviews mit Margarete Hecker auftaucht, ist die der spärlichen Veröffentlichungen seitens der Frauen gegenüber den üppigen der Männer. Sie sieht zwei Gründe. Zum einen hatte sie selber erlebt, wie sie Dinge schrieb, die dann liegengelassen wurden, bis ein Mann dieselben Ideen auf den Büchermarkt brachte. Zum anderen fand sie es schwierig, ihr Vorgehen aufzuschreiben, weil sie sehr intuitiv arbeitete. Sie spricht vom „Sehen des Feldes“, das völlig andere Gespräche als bei männlichen Therapeuten ermöglichte, aber sich methodologisch nicht so leicht in den gängigen Methodenkanon integrieren ließ. Da gibt es heute sicherlich mehr Raum, solche Vorgehensweisen in die fachlichen Diskussionen einzubringen.

  1. DAF: Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Familientherapie (gegründet 1978), DFS: Dachverband für Familientherapie und systemisches Arbeiten (gegründet 1987) ↩︎
  2. Tom Hegemann in Klindworth/Kühling (Hg.): Von der Bewegung zur Organisation und wohin weiter? 25 Jahre Systemische Gesellschaft, Göttingen 2018, Seite 18 ↩︎

Mit Adleraugen

In den systemischen Approbationskursen in denen ich als Lehrende tätig bin, nehme ich ein großes Interesse der Teilnehmenden an genderspezifischen (und generell an diversen) Blicken auf die Systemik wahr. Das Wenige, was ich an Wissen und an Zeit dafür zu bieten habe, würde ich gerne ergänzen durch Hinweise zum Eigenstudium. Und jetzt weiß ich, was ich zukünftig empfehlen werde: Die systemische Timeline von Tanja Kuhnert und Nikola Siller.

Die beiden haben Ende letzten Jahres das Buch Systemik, die – Feministische Perspektiven systemischer Theorie und Praxis herausgegeben und dort einen Teil dieser Timeline grafisch schön gestaltet in der Mitte des Buches präsentiert. Jetzt haben sie eine ausführliche Version in Tabellenform auf diesem Blog veröffentlicht.

In ihrem Buch weisen die Herausgeberinnen darauf hin, dass Geschichtserzählung je nach Beobachtendenperspektive bestimmte Ereignisse auswählt, also Interpunktionen vornimmt, die ein spezifisches Bild erzeugen sollen. Ihr Fokus ist auf weibliche Einflüsse auf die Entwicklung des systemischen Ansatzes und auf den Kontext dieser Entwicklungen gerichtet. Sie beginnen Mitte des 19. Jahrhunderts mit einigen Ereignissen, welche die Anfänge der Frauenbewegung markieren. In diesem Kontext sehen sie die Entstehung der sozialen Arbeit mit dem Fokus auf die Arbeit mit der ganzen Familie.

Im Kontext finden sich auch politische Ereignisse, die Tanja Kuhnert und Nikola Siller als bedeutsam ansehen für die Entwicklung von sozialer Arbeit, Beratung und Therapie, letztendlich bis hin zur Prägung des heutigen Standes in der Systemischen Therapie. Sie betonen die Subjektivität, die einem solchen Unterfangen zugrunde liegt, und laden dazu ein, Ergänzungen vorzunehmen. Wir dürfen gespannt sein, wie sich diese Timeline weiterentwickeln wird und auf welche Weise viele unterschiedliche Sichtweisen das daraus entstehende Bild verändern werden.

Was mir aufgefallen ist: Die „klassischen“ Erwähnungen fehlen. Zwar ist die Rede von Virginia Satir , von Lynn Hoffman, von einer Veröffentlichung der Mailänder Schule und davon, dass Margret Mead eine der beiden einzigen Frauen auf der ersten Macy-Konferenz war, doch es findet sich nichts über Gregory Bateson, die männlichen Mitglieder des Mental Research Institutes (MRI), Milton Erikson, Steve der Schazer und Imso Kim Berg oder Helm Stierlin. Heinz von Foerster und Ernst von Glasersfeld werden nur am Rande in Bezug auf ihre Flucht in die USA erwähnt. Luhmanns Artikel, in dem er das binäre Geschlechtsmodell hinterfragt, findet Eingang in die Zeittafel. Die üblichen Wissensbestände des systemischen Ansatzes bleiben unerwähnt. Nach einer anfänglichen inneren Reaktion von „Wo sind denn diese für die Entwicklung des systemischen Ansatzes wichtigen Personen und ihre Ideen?“ achte ich darauf, was für ein Bild dadurch bei mir entsteht. Es ist wie ein transparentes Blatt, das über ein anderes Blatt gelegt wird und dieses damit vervollständigt. Ich kann darüber fliegen und einen Adlerblick auf das Ganze werfen.

Bei den Angaben aus der jüngeren Zeit fallen mir zwei Veröffentlichungen auf, die ich gerne weiterempfehlen werde, weil sie ein Anfang sind, um die Lücke zu füllen, welche die Teilnehmenden der Approbationsausbildung beklagen: Christine Weinbachs Dissertation zu Systemtheorie und Gender von 2004 und das erste Buch über Kritisches weiß-Sein in der (systemischen) Beratung von 2022. Ansonsten gilt weiterhin, was ich den Teilnehmenden bisher gesagt habe: Fühlt euch gerne aufgerufen, die wahrgenommenen Lücken zu füllen.

Systemik, die – im Handel erhältlich!

Nun ist es soweit. das Buch von Tanja Kuhnert und Nikola Siller (Hg.) Systemik, die – Feministische Perspektiven systemischer Theorie und Praxis ist seit dieser Woche im Handel! Erschienen im Vandenhoeck & Ruprecht Verlag, farbig illustriert von Doris Reich.

💎Würdigung der Beiträge von Frauen für die Entwicklung des systemischen Denkens und Handelns

💎Interviews mit Wegbereiterinnen der Systemik

💎 systemische Einordnung patriarchaler Phänomene

💎machtkritische und gendersensible Anregungen für die systemische Praxis

💎intersektionale Perspektiven

Mit Beiträgen von Renate Jegodka, Astrid Hochbahn, Mirjam Faust, Anna von Blomberg, Harlene Anderson, Andrea Caby, Renate Zwicker-Pelzer, Marlen Gnerlich, Anne Gemeinhardt, Sannik Ben Dehler, Kat Feyrer, Lara Hofstadt, Asiye Balikci-Schmidt, Jessie Mmari, Eliza-Maimouna Sarr, Martina Nassenstein, Anne Valler-Lichtenberg, Marie-Luise Conen, Bertine de Jongh, Holger Lindemann, Mirja Winter, Claudia Fröhlich, Alexandra Rüdell, Cornelia Henneke, Ulrike Borst, Elisabeth Nicolai, Matthias Richter, Julia Strecker, Petra Lahrkamp, Julia Hille, Eva Maria Lohner.

Wir freuen uns riesig und feiern! Danke an alle Mitwirkenden

Mehr zur Enstehung des Bucher siehe hier.

Auch unser Podcast ist eine Begleitprojekt des Buches. Hört doch mal rein!

Sexualisierte Gewalt und Familientherapie

Anlässlich des Tages gegen Gewalt gegen Frauen* am 25. November ein Vorab-Auszug aus dem Buch Systemik, die – Feministische Perspektiven systemischer Theorie und Praxis, Kuhnert und Siller, 2025, Vandenhoeck und Ruprecht, S. 277-280.

»Unsere These ist, daß Familientherapie die herrschenden sozialen Geschlechterrollen akzeptiert und dabei ignoriert, daß diese die Frauen unterdrücken; sie hat ein traditionelles Familienmodell übernommen und dabei übersehen, daß es die Frauen benachteiligt. Diese Unfähigkeit zur Erkenntnis hat zu
einer Theorie, Praxis und Ausbildung geführt, die die Frauen unterdrückt.
«
(Goodrich, Rampage, Ellman u. Halstead, 1991, S. 32)

Die Themen Missbrauch und sexualisierte Gewalt waren lange Zeit nicht im Blick der Familientherapeut*innen. Insbesondere männliche Therapeuten taten sich anscheinend schwer damit, diese Themen zu sehen bzw. therapeutisch anzusprechen. Margarete Hecker schildert dazu ihre Erfahrungen, die sie in den USA machte.

Prof. Dr. Margarete Hecker über den Umgang mit Missbrauch in der frühen Familientherapie
Tanja Kuhnert: ≫Und was haben Sie für sich mitgenommen aus der Zeit in den USA, oder was haben Sie besonders mit hier hinübergebracht?≪
Margarete Hecker: ≫Ich habe in der Philadelphia Child Guidance Clinic bei Salvador
Minuchin strukturelle Familientherapie gelernt, mit dem Hintergrund, dass ich vorher bereits in Deutschland bei Carole Gammer und Martin Kirschbaum Kurse belegt hatte. Carole Gammer hat mir sogar empfohlen, zu Minuchin zu gehen. Sie sagte, mit den Obdachlosenfamilien, die du beschreibst, habe ich keine Erfahrung. Dazu musst du zu Minuchin gehen. Diese Familien sprechen auf deep feeling work, wie ich es mache, nicht an. Ich habe da ein Video von Minuchin gesehen, indem er sagt, dass ›past history‹, also Geschichte, fur ihn überhaupt keine Rolle spielt. Er wollte die familiäre ›Struktur‹ aus dem Hier und Jetzt allein erkennen. Ich wusste aber damals schon, dass das nicht geht und nicht genügt.
Und sexuellen Missbrauch hat er dadurch ja auch übersehen. Denn wenn er nicht
genau hinguckt und wenn er die Geschichte nicht abfragt, dann kann er manches
nicht sehen. Interessant ist ja, dass erst die Frauen, die Mitarbeiterinnen der Klinik, die sind auf das Thema Missbrauch gekommen. Sie haben ihn dann drauf gestosen. Aber er sagte immer: Es ist ja egal, wen ich konfrontiere, wenn nachher die Ehe besser lauft. Aber er hat die Frauen [Klientinnen, Anm. der Interv.] immer unter Druck gesetzt, weil die besser ansprechen [auf Interventionen, Anm. d. Interv.], als wenn man die Manner unter Druck setzt. Wenn man die Manner konfrontiert, dann verliert man das Paar aus der Therapie.≪
Tanja Kuhnert: ≫Das heißt, man konnte sagen, er hat damit auch ein Muster unterstützt?≪
Margarete Hecker: ≫Ja, er hat das gesellschaftliche Muster unterstutzt und hat es nicht versucht, andersherum auch mal zu probieren. Aber er war ein Meister, ein Könner. Es ist ihm sehr vieles gelungen, wo man gedacht hat, das ist unmöglich.
[…] Darüber habe ich ja auch das Buch fur Sie, Frau Kuhnert, von den Feministinnen
[siehe ≫Die Furchtlosen Vier – The Women’s Project≪ (New York) S. 306 ff. in
diesem Buch, Anm. d. Interv.], die beschreiben das ja auch. Diese haben ja auch damit einen sehr wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der Familientherapie geleistet. Auch das Aufspüren von sexueller Gewalt und dem Vertuschen sexuellen Missbrauchs in Familien, der so häufig ist; das kam ja in den 1980er Jahren. Da wurde das ja zuerst wirklich angesprochen. Das war vorher ja auch in meiner Ausbildung nicht so ausführlich Thema. Überhaupt war Missbrauch damals kein Thema.≪
(Prof. Dr. Margarete Hecker im Interview mit Tanja Kuhnert, 2023)

Im Jahr 1990 veröffentlichte Cloé Madanes, eine US-amerikanische Familientherapeutin, das Buch »Sex, love and violence: Strategies for transformation«. Sie stellte hier ihr Konzept strategischer Familientherapie vor, indem sie mit dem gesamten Familiensystemen arbeitet, in denen Missbrauch verübt wurde – auch die Täter*innen nehmen demnach an den Sitzungen teil. Ein bis heute revolutionäres Konzept. 1997 erschien das Buch unter dem Titel »Sex, Liebe und Gewalt: Therapeutische Konzepte zur Veränderung« auf Deutsch. Heute wird es nicht mehr verlegt.

MeToo und die systemische Szene?

Überall wo Macht zwischen Männern und Frauen verhandelt wird, ist das Thema sexuelle Übergriffe und sexualisierte Gewalt leider nicht weit. So auch in der systemischen Szene. Es gibt Gerüchte, es wird gemunkelt und immer wieder wurde und wird unter Frauen auch darüber gesprochen, dass es (z. T. namhafte) Männer gibt, vor denen man sich in Acht nehmen sollte.
Im Jahr 2021 erschien das Buch »Irgendwann muss doch mal Ruhe sein! Institutionelles Ringen um Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch an einem Institut für analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie« von Peter Caspari, Helga Dill, Cornelia Caspari und Gerhard Hackenschmied. Gegenstand des Buches ist dieAufarbeitungder Auswirkungen von Grenzverletzungen und sexualisierter Gewalt gegenüber
Ausbildungsteilnehmerinnen an einem analytischen Ausbildungsinstitut in Heidelberg durch einen langjährigen Leiter in den Jahren 1975 bis 1993. Noch dreißig Jahre später sind in diesem Institut die Auswirkungen zu spüren und zu erleben. Das veranlasste die Mitgliederversammlung des zugehörigen Vereins dazu, externe Beraterinnen zu beauftragen, die Geschehnisse aufzuarbeiten. Das Buch beinhaltet die Dokumentation dieses Prozesses. Am Ende stellen die Autorinnen Handlungsempfehlungen vor.
Wir nennen das Beispiel hier, um deutlich zu machen, dass Beraterinnen und Therapeut*innen nicht weniger davon betroffen sind, Übergriffe zu erleben oder sich selbst grenzverletzend zu verhalten, als andere Berufsgruppen. In unseren Interviews sind uns somit auch Erzählungen begegnet, die sexuell übergriffiges Verhalten/sexualisierte Gewalt in der systemischen Welt zum Thema hatten.

Dr. Marie-Luise Conen über sexuelle Belästigung in Weiterbildungen
Marie-Luise Conen: ≫Ich hatte mich wegen einer Weiterbildung erst für ein anderes Institut interessiert. Aber da hat mir nach einem Einführungsseminar der
Dozent nicht zugesagt. Das war einer, bei dem man sich als Frau unwohl fühlte. Einer der dich auszieht, wenn er dich anschaut. Ich weiß nicht, ob du weißt, was ich damit meine. Aber es war da, ständig wurden wir drei attraktive Frauen in sein Spiel gezogen. Da war klar, wenn der die Gruppe macht, dann mache ich bei dem Institut nicht die Weiterbildung. Und hab mich dann gegen dieses Institut entschieden und bin zu einem anderen Institut gegangen. Aber nach einiger Zeit habe ich gemerkt, dass eine nach der anderen der gutaussehenden Frauen wegblieb, und bei der vierten habe ich zu meinen zwei Freundinnen, die ich inzwischen in dem Kurs gefunden hatte, gesagt: ›Hier stimmt was nicht‹. Später fanden wir unsere Annahme bestätigt. Ich habe einen der Dozenten gefragt, wieso dieser Leiter eigentlich immer noch eingeladen wurde. Und dann hat er doch echt zu mir gesagt: ›Ja, wir passen jetzt immer auf ihn auf. Er wird jetzt nur noch privat untergebracht, nicht mehr im Hotel, da haben wir ihn unter Aufsicht‹ […].≪ (Dr. Marie-Luise Conen im Interview mit Petra Lahrkamp und Nikola Siller, 2022).

Die Themen sexualisierte Gewalt, Übergriffigkeit und Machtmissbrauch sind bisher innerhalb der systemischen Community nie aufgearbeitet worden.
Die systemischen Dachverbände haben zwar eine Beschwerdestruktur entwickelt
und Ethik-Räte eingerichtet. Trotzdem gelangen sehr wenige solcher Vorfälle in diese
Strukturen. Das Gleiche gilt für Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen. Auch
diese Erlebnisse werden nicht öffentlich gemacht. In persönlichen Kontakten erklären verschiedene Menschen, die Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen machen, immer wieder, dass sie befürchten, nicht ernst genommen zu werden, Vertreterinnen in diesen Gremien sie vermutlich nicht verstehen und dadurch ihre Situation eher schlimmer wird. Und natürlich darf nicht vergessen werden, dass es hier auch immer um Macht geht. Wenn mächtige Menschen übergriffig werden, fällt es den weniger mächtigen Menschen, die ja hier sehr deutlich Ohnmacht erleben, nicht leicht, diese vielleicht sogar prominenten Menschen anzuzeigen, sich zu beschweren und diese zu beschuldigen. Deswegen benötigen wir zum einen Netzwerke, an die sich Menschen, die Übergriffe erleben, wenden können. Zum anderen benötigen wir eine Awareness-Kultur: Die systemische Gemeinschaft muss die eigenen Tabus deutlich benennen und sich nicht allein auf Grundlage von Ethik-Richtlinien gegen Grenzverletzungen aussprechen. Es geht auch darum, darüber zu sprechen, dass es diese Geschehnisse tatsächlich gibt und im täglichen Miteinander dafür zu sorgen, dass diese nicht passieren. Auch haben wir als Lehrende Verantwortung gegenüber den Teilnehmenden in Weiterbildungen und Ausbildungen, die teilweise ihre Praxisstunden freiberuflich anbieten und in den sozialen Medien für sich und ihre Dienstleistung werben. In Seminaren müssen Räume angelegt und geöffnet werden, in denen Sorgen vor Grenzverletzungen und Erleben von Übergriffigkeit besprochen werden können. Dazu braucht es einen sicheren Rahmen und Gendersensitivity [1] – und sicherlich keine zusätzliche sexualisierte Belästigung durch »flirtiges Verhalten« von Dozenten. Die Rolle der Coachin oder Berater*in sowie die Möglichkeiten und Techniken der Abgrenzung und Selbstsorge müssen erlernt werden. Insbesondere
Menschen, die weiblich sozialisiert wurden und damit oft auch eine introjizierte Erwartung von »Gefälligkeit« mitbringen, brauchen Empowerment; die systemische Community benötigt eine gemeinsame und klare Problembeschreibung. Es ist sehr wichtig, für grenzachtenden Umgang zu sensibilisieren und Schutztechniken zu kennen.

[1] “Der Begriff ≫Gender sensitivity≪ stammt von der US-amerikanischen feministischen Familientherapeutin Betty Carter. 1987 auf einem Familienkongress am Weinheimer Institut hielt sie dazu einen Vortrag (Rücker-Embden-Jonasch u. Ebbecke-Nohlen, 1992, S. 10. )“ zitiert nach Kuhnert u. Siller, 2025 S. 257.

Tanja Kuhnert und Nikola Siller