Wohin mit der Wut?

Nachts um drei liege ich wach und spiele Gespräche durch, die ich nie führen werde. Wieder wurden einem Mann in meinem Arbeitsumfeld Zugeständnisse gemacht, die Frauen vorher verwehrt geblieben waren. Er durfte, zur Absicherung seines Lebensunterhalts, mit reduzierten Stunden in seiner gewohnten Abteilung bleiben. Frauen in ähnlichen Situationen wurden versetzt. Die Erklärung: Der Kollege sei für die Abteilung besonders wichtig.

Es gibt immer gute Gründe. Genau das macht es so schwer, etwas zu sagen. Jede Entscheidung für sich lässt sich erklären, und wer das Muster dahinter benennt, muss es beweisen. Also setze ich die durchgespielten Gespräche meist nicht in die Tat um und schweige, doch die Wut bleibt.

Mit diesem Gefühl gehe ich am Samstag auf eine Geburtstagsfeier. Ich kenne die meisten dort nur flüchtig, wir sehen uns einmal im Jahr bei unserem gemeinsamen Freund. Ich bin eine der Ersten, und in der nächsten Stunde füllt sich langsam die gemütliche Wohnung. Ich rechne mit angenehmem Smalltalk und einem Glas Wein.

Dann kommt ein Gespräch mit einer Bekannten in Gang, die so offen ist, dass sie nach wenigen Minuten zwei weitere Frauen mit hineinzieht. Der Smalltalk bleibt schnell liegen. Eine von uns erzählt von ihrer Arbeit als Gleichstellungsbeauftragte, und wir anderen hängen an ihren Lippen. Sie berichtet davon, wie begrenzt die Möglichkeiten oft sind, Frauen zu unterstützen, aber auch von kleinen und großen Erfolgen.

Am meisten bleibt mir eine Szene hängen: Sie beschreibt eine Konferenz mit 300 Frauen, die alle dieselbe Wut mitbringen. Wir sind auf der Party nur vier, aber genauso gut könnten in diesem Moment noch 296 in unserer Runde sitzen und Erfahrungen teilen. Die Wut fühlt sich plötzlich nicht mehr ohnmächtig an, sondern wie etwas, das sich nutzen lässt, um sich zu wehren.

Dann sagt sie, ganz nüchtern, dass sie nicht erwartet, dass es besser wird. So wie sich die politische und gesellschaftliche Lage entwickelt, rechnet sie in den kommenden Jahren eher mit Rückschritten. Es wird still. Das Gespräch, das eben noch Fahrt hatte, verebbt. Wir schauen uns ratlos, fragend und vielleicht auch ängstlich an. Was bedeutet das für uns? Ist es ein Kampf gegen Windmühlen?

Und doch gehe ich später beschwingter nach Hause, als ich gekommen bin. Nicht, weil sich etwas gelöst hätte, sondern weil ich an diesem Abend nichts erklären musste. Niemand fragte, ob ich es nicht vielleicht zu persönlich nehme.

Die Gleichstellungsbeauftragte macht das zu ihrem Beruf. Auf Nachfrage sagt sie ohne Zögern, dass sie den Frauen, die zu ihr kommen, grundsätzlich erst einmal glaubt: Bevor eine Frau sich an sie wende, sei meist schon sehr viel passiert. Ich merke, wie gut es tut, das zu hören, und wie selten es ist.

Dann gibt sie uns noch etwas mit: Verbündete suchen, vertrauenswürdige Mitstreiter*innen finden, hartnäckig bleiben. Bei einer, die trotz trüber Aussichten dranbleibt, klingt das nicht wie eine Floskel. Vielleicht ist es nur dann ein Kampf gegen Windmühlen, wenn man ihn allein führt.

In der Nacht nach der Feier schlafe ich. Die Wut ist nicht weg, aber sie liegt nicht mehr allein neben mir.

Wie ist es bei euch? Wohin mit eurer Wut, und wer sind die Menschen, mit denen ihr sie teilen könnt?

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