Wenn Kontaktabbruch eine Option sein darf

„Aber es ist doch deine Mutter.“ 

Dieser Satz fällt erstaunlich schnell, wenn eine erwachsene Tochter entscheidet, den Kontakt zu ihrer Mutter abzubrechen. Und er erzählt nicht nur etwas über diese eine Beziehung, sondern auch darüber, was wir von Familie erwarten.

Denn häufig wird zuerst die Entscheidung der Tochter erklärungsbedürftig. Warum möchtest du keinen Kontakt mehr? Kannst du nicht noch einmal mit ihr sprechen? Wirst du das irgendwann bereuen? Sie ist schließlich deine Mutter.

Viel seltener scheint die umgekehrte Frage genauso selbstverständlich zu sein: Was ist in dieser Beziehung passiert, dass eine Tochter keinen Kontakt mehr möchte?

Denn damit wird der Erhalt der Beziehung zunächst als Normalzustand gesetzt. Wer davon abweicht, muss gute Gründe haben. Und diese Gründe müssen offenbar manchmal ziemlich schwer wiegen, bevor ein Kontaktabbruch von außen als nachvollziehbar gelten darf.

Vielleicht ist genau das ein Grund, warum Kontaktabbruch gesellschaftlich noch immer wenig als mögliche Entscheidung anerkannt ist. Familie gilt als etwas, das bleiben soll. Konflikte sollen geklärt, Verletzungen irgendwann verziehen und Beziehungen möglichst wiederhergestellt werden. Versöhnung erscheint dabei schnell als die bessere Entwicklung – Distanz eher als Scheitern.

Dabei gestehen wir in anderen Beziehungen durchaus zu, dass sie enden können. Freundschaften dürfen auseinandergehen, Partnerschaften können beendet werden, wenn sie nicht mehr tragfähig sind. Bei familiären Beziehungen scheint Verwandtschaft dagegen schon eine Begründung dafür zu sein, warum eine Beziehung weitergeführt werden sollte. Kontaktabbruch als Option anzuerkennen, bedeutet dabei nicht, ihn gutzuheißen oder vorschnell zu empfehlen. Es bedeutet, auch familiären Beziehungen zuzugestehen, dass sie Grenzen haben können. Und dass manchmal nicht die Wiederannäherung, sondern die Distanz eine mögliche Konsequenz sein darf.

Gerade bei der Beziehung zwischen Müttern und Töchtern treffen dabei viele Vorstellungen aufeinander. Die Mutter-Tochter-Beziehung soll nah sein. Sie soll tragen, verbunden bleiben, vielleicht sogar freundschaftlich werden. Und wenn sie das nicht ist, scheint trotzdem die Hoffnung zu bestehen, dass sie irgendwann noch so werden könnte.

Systemisch betrachtet interessiert mich deshalb nicht nur die Frage, warum jemand den Kontakt abbricht. Mich interessiert auch, welche Erwartungen überhaupt dazu führen, dass genau diese Entscheidung so stark begründet werden muss.

Kontaktabbruch muss dabei weder die beste noch die einzige Lösung sein. Aber er darf eine mögliche Form von Grenzziehung sein. Ohne dass daraus automatisch die Aufgabe entsteht, die Familie wieder zusammenzuführen.

Vielleicht lohnt es sich deshalb, die Blickrichtung hin und wieder umzukehren.

Nicht nur: Warum geht eine Tochter?

Sondern auch: Was hat dazu geführt, dass Bleiben für sie irgendwann keine gute Option mehr war?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert