Die Leerstelle als Herausforderung

Sarahs Beitrag hat mich zum Nachdenken angeregt. Auch ich habe in meiner Arbeit auf einer psychiatrischen Station einige Frauen begleitet, die aus meiner Sicht mit einer Leerstelle, vielleicht die Leerstelle „Frau“, in Kontakt kamen. Diese Frauen beschrieben Symptome wie Erschöpfung, innere Unruhe, Ängste vor der Zukunft und Schlaflosigkeit. Etwas näher zu ihrer Lebenssituation und ihrem Alltag gefragt schien dieser geprägt von den Rollen als Partnerin, Mutter und Versorgerin. Die Krise schien sich dann in unterschiedlichen Kontexten zu entwickeln: Sie erlebten eine Überforderung mit den Ansprüchen der Rollen, da sich die Umstände veränderten. Sie pflegten vielleicht zusätzlich Angehörige oder bemerkten, dass sie den Anforderungen aufgrund von alters- oder gesundheitsbedingten Veränderungen nicht mehr gerecht werden konnten. Oder Aufgaben fielen weg, Kinder zogen aus, Partner wurden von anderen gepflegt.

Besonders interessant für mich war, dass die Frauen, denen ich in diesem Kontext begegnete, hartnäckig nach einer medikamentösen Behandlung oder Umstellung verlangten. Es müsse doch ein Mittel geben, das die quälenden inneren Zustände lindere. Eigene Interessen und Wünsche zu explorieren und diese in ihr Umfeld zu tragen, schienen ihnen gar nicht in den Sinn zu kommen. Vorsichtig nach Möglichkeiten gefragt, stieß ich des Öfteren auf eine Mauer.

Ich fragte mich dann: Welche Nebenwirkung hat meine vermeintliche „Lösung“ für die Frauen. Welches Risiko bringt es vielleicht in ihrem Lebenskontext, wenn sie plötzlich mit einer Leerstelle in Kontakt kommen? Was passiert, wenn sie eigenes neben der Rolle als Versorgerin explorieren und möglicherweise auch noch dafür einstehen? Wie könnte das Umfeld reagieren und welche Bedeutung hat diese Reaktion für die Frauen? Welches Risiko birgt diese „Lösung“ vielleicht auch für ihr Selbstbild?

Sarah merkte dazu an, „wie früh viele Frauen lernen, sich über Rollen zu definieren, weil das Sicherheit gibt.“ Diese Sicherheit zumindest zum Teil aufzugeben und auch den Gewinn, den solche Rollen mit sich bringen, bringt vielleicht nicht nur in Kontakt mit einer Leere, sondern auch mit einem möglichen Verlust.

Doch wie gehe ich nun therapeutisch vor, wenn der Möglichkeitsraum zunächst begrenzt erscheint? Im Austausch mit meinen Kolleginnen entstanden folgende Ideen: Vielleicht gilt es erstmal, diese Leerstelle gemeinsam auszuhalten und zu würdigen, was bisher war und geleistet wurde. Auch wenn ich den Wunsch nach einer medikamentösen Behandlung reflexartig und sehr unsystemisch als „Widerstand“ einordnete, ist er möglicherweise Ausdruck einer Loyalität gegenüber einem bisher gut funktionierenden System und dessen Beziehungsmustern. Die Symptome könnten gleichzeitig die Grenze für das, was in diesem System unter bisherigen Bedingungen leistbar ist, markieren. Vielleicht kann ich hier dann vorsichtig explorieren, welche Risiken und Nebenwirkungen Veränderungen mit sich bringen und was es unbedingt an Sicherheiten zu erhalten gilt. Ich bin gespannt.

4 Gedanken zu „Die Leerstelle als Herausforderung“

  1. Hallo,

    der Kommentar hat mich nachdenklich gestimmt.
    Ich bin da hin- und hergerissen – denn es gibt ja gute Gründe für Nichtveränderung und die Leerstelle kennen wahrscheinlich viele von uns Frauen – im Sinne von wer darf ich sein? Doch solange wir in einem patriarchalen System leben, kann es aus meiner Perspektive ja für manche Frsuen gefährlich werden sich zu ändern und gleichzeitig kann ja daraus etwas wachsen und empowerment entstehen.
    Ich habe mich deshalb entschieden in meiner Tätigkeit als freiberufliche Therapeutin, Referentin und Supervisorin mikrofeministische Statements zu machen, wenn es für mich passend erscheint und somit meine Allparteilichkeit dann an zweite Stelle stelle, da ich mit dieser kein ungerechtes, unfaires und diskriminierendes System unterstützen will.

    1. Danke für deinen Kommentar, Liane. Das Hin- und Hergerissensein kann ich gut nachvollziehen und kenne das auch von mir, wenn ich mich in dem Spannungsfeld der eher auf das Individuum ausgerichteten Psychotherapie und patriachalen Gegebenheiten bewege.
      Mir gefällt auch dein Begriff „mikrofeministisch“.
      Viele Grüße
      Anne

  2. Vielen Dank für das teilen der Gedanken. Vielleicht könnte es weniger schwer erscheinen, sich mit den klientinnen auf den Weg zu machen, wenn das Bild der Leerstelle durch den eigenen inneren Kern, die Innere unverwüstliche Ureigene Kraftquelle, …. Oder welches bild auch sonst passt, genutzt wird. Das kann noch völlig unentdeckt sein, ist aber immer da.
    Ich erinneren mich an eine Übung, die wir mit türkeistämmigen frauen gemacht hatte, die zwar wenig deutsch konnten aber viele Rollen und Aufgaben zu erledigen hatten. Wir haben einer nach der anderen für jede Aufgabe die sie benannt hat einen Mantel/ Jacke übergezogen.
    Und dann jede einzeln wieder aus. Übrig blieb die frua selst und sie wurde von allen begrüßt für ihr sie selbst sein. Das nahm für den Moment alle schwere und konnte in fogenden egsprächen immer wieder al sbild genutz werden. (delegieren, ablehnen,verändern der Aufgabe, aber immer mit der Idee des wertvollen eigenen, das nur sie als Person/ Frau ausmacht.
    Und ja, dann bleibtnes spannend diese eigene Stück für Stück zu entdecken.

    1. Vielen Dank, Petra, für deinen Kommentar und die Anekdote. Die Methode klingt spannend und ist im konkreten Erleben bestimmt sehr berührend.
      Viele Grüße
      Anne

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