Wo ist eigentlich die Frau?

In einer Sitzung wollte eine Klientin mit mir ihre Rollen sortieren. Ganz schlicht: Welche Rollen prägen sie im Alltag am stärksten – und was macht das mit ihrem Selbstbild?

Sie hat ziemlich schnell zwei Rollen benannt, die für sie die wichtigsten sind: Partnerin und Mutter. Das erscheint auf den ersten Blick so selbstverständlich – zumindest ging es meiner Klientin so.

Wir sind dann weitergegangen: Wenn Partnerin und Mutter so zentral sind – wie entsteht daraus ein Selbstbild? Woran misst sie ihren Wert? Was bedeutet „ich mache es gut“? Und was passiert innerlich, wenn es nicht klappt, wenn sie müde ist, wenn sie genervt ist, wenn sie scheitert?

Ich saß dabei zunehmend irritiert da und habe mich gefragt: Wo bleibt sie? Sie als Frau? Nicht „Frau“ als Kategorie auf dem Papier, sondern als Identität, als etwas Eigenes. Wo ist das?

Genau das habe ich sie gefragt – und dann war da erstmal wenig. Eher eine Leerstelle. Kein klares Bild, keine Sprache dafür. Und dann wurde deutlich: Frausein kommt in ihrem inneren Rollen-Set kaum vor. Partnerin – ja. Mutter – ja. Aber Frau? Wenn überhaupt, dann sofort in Verbindung mit Erwartungen von außen oder in Beziehung zu jemand anderem.

Das Frausein an sich wird dabei merkwürdig unsichtbar – oder es wird auf Körper, Aussehen und Verhalten reduziert. Und wenn Frausein entweder an Erwartungen gekoppelt ist oder bewertet wird, ist es logisch, dass viele Frauen gar nicht selbstverständlich einen inneren Zugang dazu entwickeln, was Frausein für sie persönlich bedeutet. In vielen Biografien entsteht dadurch eine Art Verschiebung: Das Eigene bleibt vage, während die Rollen klar sind. Partnerin und Mutter haben Kontur, Regeln und Kriterien. „Frau“ dagegen wird entweder zur Hülle oder zur Aufgabe – aber nicht zu einem inneren Ort, an dem man sich selbst wirklich verorten kann.

Ich habe gemerkt, wie vertraut mir das ist: Dass viele von uns ziemlich genau gelernt haben, was eine Frau alles sein soll – aber kaum, was es bedeuten könnte, eine Frau als Individuum zu sein. Nicht als Funktion. Nicht als Rolle für andere. Sondern als Person mit einer eigenen Innenwelt, mit Bedürfnissen, Grenzen, Wünschen, mit einer eigenen Art, im Leben zu stehen.

So haben wir uns in der Sitzung der Rolle (wobei mir hier fraglich erscheint, ob es überhaupt als „Rolle“ zu bezeichnen ist) als Frau ganz individuell für die Klientin angenähert. In der Begleitung hatte ich schnell das Gefühl, dass sie sehr klar benennen konnte, wie eine Frau zu sein hat (gesellschaftlich, sozialisiert). Das war jedoch nichts, was die Klientin sich selbst zuschreiben würde. Und genau das wurde zu einem wichtigen Teil dieser Arbeit: Was für ein Bild wird von Frauen gezeichnet? Welche Erwartungen sind damit verbunden? Und: Will ich das überhaupt?

Alles, was sie als Zuschreibungen von außen wahrnahm, sammelten wir in einem äußeren Kreis. Dort landeten beispielsweise „Schönheitsideal entsprechen“, „unterordnen“, „schwaches Geschlecht“ und „nicht auffallen“. Für den inneren Kreis – wie sie sich als Frau sieht bzw. sehen möchte – brauchten wir deutlich mehr Zeit. Nach und nach konnten wir aber auf folgende Sammlung zurückblicken:

  • Verständnis für den eigenen Körper
  • eigene Sexualität
  • leidenschaftlich und sinnlich sein
  • frei machen von äußeren Erwartungen und Rollenzuschreibungen
  • unabhängig
  • selbstbewusst
  • selbstbestimmt

Und genau an dieser Stelle wurde für mich deutlich: Der äußere Kreis war schnell gefüllt. Der innere brauchte Zeit – und das war keine „Blockade“, sondern eher ein Hinweis darauf, wie wenig Raum es dafür bisher gab.

So nehme ich aus dieser Sitzung zwei Dinge mit.

Erstens: Wie schnell „Partnerin“ und „Mutter“ zu Identität werden können – und wie wenig Platz dann noch bleibt für ein Frausein, das nicht nur im Dienst für andere steht.

Und zweitens, ganz persönlich: Wie wenig selbstverständlich auch in meinem eigenen Leben der Satz war: Ich bin eine Frau. Punkt. Nicht im Zusammenhang. Nicht als Rolle. Sondern als etwas Eigenes.

Und ich glaube, das ist ein wichtiger Punkt, auch systemisch: Diese Leerstelle entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie hat mit Sozialisation zu tun, mit Beziehungserfahrungen, mit dem, was belohnt wurde und dem, was beschämt wurde. Und damit, wie früh viele Frauen lernen, sich über Rollen zu definieren, weil das Sicherheit gibt – während das Eigene oft diffus bleibt oder sogar riskant wirkt.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Arbeit: Nicht eine Definition zu liefern, sondern Klient*innen dabei zu begleiten, sauberer zu unterscheiden – was kommt von außen, was ist verinnerlicht, und was gehört eigentlich wirklich zu mir. Und dass diese Trennung oft nicht „im Kopf“ entschieden wird, sondern Zeit braucht, weil das Äußere sich so selbstverständlich anfühlt, als wäre es das Eigene.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert