Heute wollen wir ein neues Format vorstellen: Wir vier aus der Redaktion nehmen uns ein Thema vor und diskutieren es – jede mit einem eigenen Beitrag, der auf die Beiträge der anderen Bezug nimmt. Wir laden euch dazu ein, euch einzumischen und mitzudiskutieren.
Wir beginnen mit dem Stichwort „Triggerwarnung“: (Wie) können wir darauf achten, dass wir in unserer Kommunikation niemand in eine Situation bringen, in der sie_er „aus der Fassung gerät“, also in Stress kommt? Heute kommt der erste Beitrag, am Ostermontag dann der zweite.
Gila Klindworth:
Es ist mir passiert, dass ich im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeiten Dinge angeregt und erzählt habe, die andere Personen sehr gestresst haben. Hinterher habe ich gedacht: Das hätte ich wirklich nicht sagen/anregen müssen – das wäre auch anders gegangen. Ich habe mich gefragt, wieso ich nicht daran gedacht habe, dass Menschen zugegen sein könnten, für die das schwierig ist. Und dann habe ich mich gefragt, wie ich solche Situationen in Zukunft vermeiden könnte. Im konkreten Fall fällt mir da schon was ein, wie ich das tun kann, aber es können ja andere Fälle auftreten, in denen ich das dann doch wieder tue, ohne, dass ich es will. Also: Kann ich das überhaupt vermeiden? Wenn ja, wie? Ist es überhaupt gut, solche „Zumutungen“ vermeiden zu wollen oder geht dadurch Vieles verloren, wenn wir ständig auf der Hut sind, um andere nicht in unangenehme Gefühle zu bringen? Mal ganz abgesehen davon, dass wir sowieso ständig so kommunizieren, dass wir anderen etwas zumuten. Das könnte schon ein Lächeln sein, das jemand als unangenehm empfindet. Aber im professionellen Bereich, als Trainer_innen, Berater_innen, Therapeut_innen …: Gibt es da einen Maßstab, den wir für uns finden können? (Er ist sicherlich nicht für alle gleich.)
Nehmen wir mal ein Beispiel: Immer häufiger lese/höre … ich, dass in Gruppen Runden zum Kennenlernen, Auflockern etc. als Zumutung empfunden werden. Da gibt es z.B. die Zurückhaltenden, die in Ruhe gelassen werden wollen, nicht genötigt werden wollen, sich zu zeigen. (s. https://introvertdear.com/news/icebreakers-introverts-anxious-people/) Ich mache die Erfahrung, dass viele Menschen sehr viel Spaß an solchen Dingen haben und sehr viel lachen dabei. Ich finde es sehr wertvoll, miteinander zu lachen. Und ich höre auch Rückmeldungen, wie: „Am Anfang hatte ich überhaupt keine Lust darauf, und dann hat es total Spaß gemacht.“
In welchen Situationen könnte es gut sein, anderen Menschen etwas zuzumuten, sie aus ihrer Komfortzone herauszuholen? Gerade systemisch geht es doch auch immer darum, Menschen zu irritieren, etablierte Muster in Bewegung zu bringen – was nicht gleich angenehm sein muss. Und wo ist es wichtig, Menschen zu schützen, die auf unverantwortliche Weise erschüttert werden könnten von Bildern, Aktionen und Vorstellungen?
Vielleicht ist es ja mit Triggerwarnungen getan: Wenn ich von Dingen erzähle, die schwer zu verkraften sein könnten, dann kündige ich es vorher an. Manche muss ich vielleicht gar nicht erzählen, und es reicht eine Andeutung. Anderes könnte ich abwandeln, damit ich nicht darauf verzichten muss, wenn ich es sinnvoll, hilfreich oder einfach wichtig finde. Aber verhindern kann ich es nicht, dass ich anderen etwas zumute, selbst wenn ich es nicht will. Aus einer systemischen Haltung heraus will ich das vielleicht auch manchmal.