Reaktion auf den Beitrag „Triggerwarnung“ von Gila Klindworth vom 03. April 2026

Reaktion auf den Beitrag „Triggerwarnung“ von Gila Klindworth vom 03. April 2026.

Als Systemiker*innen berufen wir uns immer wieder auf den Satz: „Sprache schafft Wirklichkeit.“ Dieser Satz wird Ludwig Wittgenstein zugeschrieben, den er so gar nicht geschrieben hat. Jedoch stellt diese Aussage eine Kurzzusammenfassung seiner Ausführungen im Tractatus logico-philosophicus (1963) dar. Hier beschreibt er u. a.: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt. […] Daß die Welt meine Welt ist, das zeigt sich darin, daß die Grenzen der Sprache (der Sprache, die allein ich verstehe) die Grenzen meiner Welt bedeuten“ ebd., S. 86 f.).
Es gibt einerseits heute eine breite Einigkeit darüber, dass unser Miteinander auch von unserer Sprache als Teil unserer Kommunikation mitbestimmt wird. Trotzdem gibt es eine Art Widerwillen, sich mit der eigenen Sprache und der Bedeutung meiner Worte für andere auseinanderzusetzen.

Und ja, es ist anstrengend sich selbst, die eigene Sprache, das eigenen Denken und Verhalten stetig zu reflektieren. Denn die Kritik, der Wunsch von anderen meine Sprache zu verändern, wirft mich auf mich selbst zurück. Durch meine Wortwahl spricht mein Sein (Gümüşay, 2020). Was ich erlebt habe, was mich geprägt hat, was mich hat werden lassen. Dies war vielleicht mit Mühen verbunden, hat mich vor Herausforderungen gestellt und nun bin ich und fühle ich mich möglicherweise sogar angekommen. Und nun stellt jemand dies in Frage und fordert mich auf oder sogar heraus, mich weiter zu hinterfragen. Das ist mühsam!

Doch, es gilt, dass nicht die Intention meiner Worte bestand hat, sondern das, was beim anderen ankommt -die bekannte Sender-Empfänger-Logik (Schulz von Thun, 2010). Trigger ist ja der Begriff für den Pistolenabzug, ein sehr martialischer Begriff für das, was in einer Triggersituation passiert. Und es macht deutlich, wie stark mein Gegenüber gerade mein Worte erlebt. Das könnte uns zum Nachdenken anregen.

Sprache schafft Austausch und Begegnung. Wenn Sprache aber verletzt, ignoriert, diskriminiert, ausgrenzt, kann keine dialogische Begegnung entstehen. Somit ist es eine Entscheidung: Möchte ich mich hinterfragen? Bin ich an echter Begegnung interessiert?
Neben der Entscheidung ist es auch eine Machtfrage: Wer darf entscheiden/bestimmen, was jemand als verletzend oder ausgrenzend erlebt. Wessen Empfinden wird akzeptiert und respektiert?

Bleibt die Frage, wie wir, wenn wir dies überhaupt möchten, zu einem konstruktiven, anregenden Austausch darüber kommen können und wer sich hier austauschen muss? Wer trägt Verantwortung?

Letztlich kann ich nur selbst Verantwortung für meine Sprache, mein Denken und Handeln übernehmen.

Und ja, vielleicht sind wir empfindsamer geworden.

Vielleicht ist es wichtiger geworden, zu benennen, was mich verletzt. Möglicherweise ist es notweniger geworden, sich zu schützen und anderen die eigenen Grenzen zu benennen. Ja, ich denke, wir sind durchlässiger geworden. Aber es könnte auch sein, dass wir mutiger geworden sind, dazu zu stehen, was mich verletzt, und dass wir mehr Worte dafür gefunden haben, um dies auszudrücken. Wir könnten auch sagen, wir sind eigentlich mehr im Kontakt miteinander, denn ich könnte mich auch umdrehen und die Person ignorieren, die mich verletzt. Wenn ich aber stehen bleibe und ihr meinen Schmerz zumute, dann suche ich Kontakt und habe ein Interesse an meinem Gegenüber.

Literatur
Gümüşay, K. (2020) Sprache und Sein. Hamburg: Hanser.
Schulz von Thun, F. (2010): Miteinander Reden. Störungen und Klärungen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt
Wittgenstein, L. (1963)) Tractatus logio-philosphicus. Logisch philosophische Abhandlung. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Literaturempfehlungen
Flaßpöhler, S. (2021): SENSIBEL. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren. Stuttgart: Klewtt-Cotta.
Öffentlichkeit gegen Gewalt (2022): Sprache schafft Wirklichkeit. Glossar und Checkliste zum Leitfaden für einen rassismuskritischen Sprachgebrauch 2. aktualisierte Auflage. Abrufbar unter: https://www.oegg.de/wp-content/uploads/2022/05/Glossar_2Auflage_fin.pdf

Triggerwarnung

Heute wollen wir ein neues Format vorstellen: Wir vier aus der Redaktion nehmen uns ein Thema vor und diskutieren es – jede mit einem eigenen Beitrag, der auf die Beiträge der anderen Bezug nimmt. Wir laden euch dazu ein, euch einzumischen und mitzudiskutieren.

Wir beginnen mit dem Stichwort „Triggerwarnung“: (Wie) können wir darauf achten, dass wir in unserer Kommunikation niemand in eine Situation bringen, in der sie_er „aus der Fassung gerät“, also in Stress kommt? Heute kommt der erste Beitrag, am Ostermontag dann der zweite.

Gila Klindworth:

Es ist mir passiert, dass ich im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeiten Dinge angeregt und erzählt habe, die andere Personen sehr gestresst haben. Hinterher habe ich gedacht: Das hätte ich wirklich nicht sagen/anregen müssen – das wäre auch anders gegangen. Ich habe mich gefragt, wieso ich nicht daran gedacht habe, dass Menschen zugegen sein könnten, für die das schwierig ist. Und dann habe ich mich gefragt, wie ich solche Situationen in Zukunft vermeiden könnte. Im konkreten Fall fällt mir da schon was ein, wie ich das tun kann, aber es können ja andere Fälle auftreten, in denen ich das dann doch wieder tue, ohne, dass ich es will. Also: Kann ich das überhaupt vermeiden? Wenn ja, wie? Ist es überhaupt gut, solche „Zumutungen“ vermeiden zu wollen oder geht dadurch Vieles verloren, wenn wir ständig auf der Hut sind, um andere nicht in unangenehme Gefühle zu bringen? Mal ganz abgesehen davon, dass wir sowieso ständig so kommunizieren, dass wir anderen etwas zumuten. Das könnte schon ein Lächeln sein, das jemand als unangenehm empfindet. Aber im professionellen Bereich, als Trainer_innen, Berater_innen, Therapeut_innen …: Gibt es da einen Maßstab, den wir für uns finden können? (Er ist sicherlich nicht für alle gleich.)

Nehmen wir mal ein Beispiel: Immer häufiger lese/höre … ich, dass in Gruppen Runden zum Kennenlernen, Auflockern etc. als Zumutung empfunden werden. Da gibt es z.B. die Zurückhaltenden, die in Ruhe gelassen werden wollen, nicht genötigt werden wollen, sich zu zeigen. (s. https://introvertdear.com/news/icebreakers-introverts-anxious-people/) Ich mache die Erfahrung, dass viele Menschen sehr viel Spaß an solchen Dingen haben und sehr viel lachen dabei. Ich finde es sehr wertvoll, miteinander zu lachen. Und ich höre auch Rückmeldungen, wie: „Am Anfang hatte ich überhaupt keine Lust darauf, und dann hat es total Spaß gemacht.“

In welchen Situationen könnte es gut sein, anderen Menschen etwas zuzumuten, sie aus ihrer Komfortzone herauszuholen? Gerade systemisch geht es doch auch immer darum, Menschen zu irritieren, etablierte Muster in Bewegung zu bringen – was nicht gleich angenehm sein muss. Und wo ist es wichtig, Menschen zu schützen, die auf unverantwortliche Weise erschüttert werden könnten von Bildern, Aktionen und Vorstellungen?

Vielleicht ist es ja mit Triggerwarnungen getan: Wenn ich von Dingen erzähle, die schwer zu verkraften sein könnten, dann kündige ich es vorher an. Manche muss ich vielleicht gar nicht erzählen, und es reicht eine Andeutung. Anderes könnte ich abwandeln, damit ich nicht darauf verzichten muss, wenn ich es sinnvoll, hilfreich oder einfach wichtig finde. Aber verhindern kann ich es nicht, dass ich anderen etwas zumute, selbst wenn ich es nicht will. Aus einer systemischen Haltung heraus will ich das vielleicht auch manchmal.