Vom Umgang mit Allparteilichkeit

In der systemischen Szene wird viel von Neutralität und Allparteilichkeit gesprochen. Es gibt aber gerade aus feministischen Kreisen auch immer wieder die Frage, wo die Grenzen von Neutralität und Allparteilichkeit sind, wenn es zum Beispiel um Machtverhältnisse, Gewalt und Missbrauch in Beziehungen, oder auch um menschenfeindliche Äußerungen von Klient_innen geht. Daher möchte ich mich einmal mit diesen Begriffen auseinandersetzen.

Zunächst zum Begriff der Neutralität. In systemischen Kreisen gibt es unterschiedliche Definitionen und Beschreibungen dazu. Er wurde stark von der Mailänder Schule propagiert, und so zusammengefasst: Wenn den Teilnehmenden einer systemischen Beratung hinterher unklar ist, auf wessen Seite der/die Beraterin mehr gestanden hat.[1] Es wird von Neutralität gegenüber Personen, Problemen/Symptomen und Ideen gesprochen. Berater_innen und Therapeut_innen lassen demnach ihre eigene Position offen und nehmen eine innere Distanz ein. Ziel ist es, die Klient_innen nicht zu beeinflussen, das Gesagte nicht zu interpretieren und damit maximale Wertschätzung, Würdigung und Offenheit zu gewährleisten.

Neutralität im Sinne von „Distanz einnehmen“ heißt: Der/die Berater_in/Therapeut_in ist von allen und allem gleich weit weg. Es ist im Sinne der Wortbedeutung ein weder – noch. Viele Systemiker_innen halten an diesem Begriff fest, um Offenheit für die Beteiligten, die Symptome und die Ideen zu behalten. Andere wiederum halten dies für falsch, so z.B. Lynn Hoffman, nach der man gar nicht neutral sein kann, da man in einer bestimmten Rolle automatisch eine Position hat.[2] Auch ich finde diesen Begriff problematisch, denn Beratende haben ja einen Auftrag von den Klient_innen, der ausschließt, dass sie auf Distanz bleiben, als wären sie nicht da oder nicht Teil des Beratungssystems. Außerdem bewegen sie sich damit in der Kybernetik 1. Ordnung, da sie davon ausgehen, dass sie außen vor bleiben können.

Statt ein konkretes Änderungsziel zu verfolgen, geht es laut Lynn Hoffman darum, Unterschiede zum bisherigen Zustand zu finden. Sie geht noch weiter und meint, dass die Beraterin durchaus Anteil nehmen und sich phasenweise im Gespräch stark mit einzelnen Mitgliedern engagieren kann und muss, »um zu versuchen, die Bedeutung sogar hinter den widerwärtigsten Handlungen oder Ereignissen zu finden.«[3] In ihren Augen kann man mit Neutralität soziale Ungerechtigkeit nicht angreifen.

Ich halte den Begriff der Neutralität daher für irreführend und wenig hilfreich. Ich finde es auch nicht zielführend, sich an diesem Begriff abzuarbeiten. Legen wir ihn doch einfach ad acta! Hilfreicher und angemessener erscheint mir das Konzept der Allparteilichkeit. Hier geht es darum, Nähe herzustellen, so dass sich die Teilnehmenden einer Beratung/Therapie verstanden fühlen. Es geht um ein sowohl – als auch. Es eröffnet Interesse an und Neugier für Muster und die Vielfalt möglicher Muster, die nicht bewertet werden müssen, jedenfalls nicht von der Beraterin.

Wenn Allparteilichkeit ermöglichen soll, sich daran zu orientieren, dass es für die Klient_innen in der aktuellen Situation passend, angemessen und anschlussfähig ist, heißt das auch, dass es für alle Beteiligten passend, angemessen und anschlussfähig sein muss. Wenn also eine Person eine Haltung und entsprechendes Verhalten zeigt, das eine andere Person benachteiligt oder schädigt, muss genau das verhandelt werden. Dafür braucht es u.U. die Positionierung der/des Therapeut_in.

Die Beratenden haben eine eigene Perspektive, aber diese wird nur dann Teil der Kommunikation, wenn es gute Gründe dafür gibt. Auch wenn Äußerungen bzw. Verhaltensweisen gegen die Wertvorstellungen der Therapeut_innen stehen, kann man nicht darüber hinweggehen. Möglicherweise lassen sich Wege für eine Zusammenarbeit finden. Neugier kann helfen, die Perspektive der jeweiligen Beteiligten zu erforschen und zu verstehen. Womöglich lassen sich die guten Absichten herausarbeiten und die Tragik des Scheiterns, um daraus eine gute Kooperation und eine Veränderung von Perspektiven zu eröffnen. Vielleicht stellt sich aber auch heraus, dass eine Zusammenarbeit nicht möglich ist. Ich finde, dass diese Haltung es einfacher machen kann, mit Äußerungen umzugehen, die den eigenen Werten widersprechen: zuerst erforschen, wozu bestimmte Meinungen in die Kommunikation gebracht werden, Schutzhüllen für Verletzungen erahnen oder vermuten und respektieren, nach gemeinsamen Nennern suchen und dann schauen, ob sich Perspektiven verändern können und man sich bei bestimmten Perspektiven treffen kann – oder auch nicht.


[1] Nach Schlippe, A. von/Schweitzer, J. 2012: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I. Göttingen

[2] Hoffmann, Lynn 1996: Therapeutische Konversationen. Von Macht und Einflussnahme zur Zusammenarbeit in der Therapie. Die Entwicklung systemischer Praxis. Dortmund: Verlag Modernes Lernen: 44

[3] Hoffman ebda.: 67