Ich erzähle sicherlich nichts Neues, wenn ich sage, dass es zu unserem professionellen Selbstverständnis als Systemiker*innen gehört, nicht nur die Person im Blick zu haben, die uns gegenübersitzt, sondern auch die Beziehungen und Systeme, in denen sie sich bewegt. Wir betrachten Zusammenhänge, beziehen unterschiedliche Perspektiven ein und versuchen zu verstehen, welchen Einfluss diese auf das Erleben und Verhalten unserer Klientinnen haben.
Und doch gab es vor einiger Zeit eine Situation, die mich über mich selbst ziemlich irritiert und aufmerksam werden lassen hat.
Nach einigen Sitzungen mit einer Klientin fiel mir auf, dass wir erstaunlich viel über ihre Tochter gesprochen hatten. Dabei war das ursprüngliche Anliegen meiner Klientin ein ganz anderes: Sie wollte mehr Selbstvertrauen entwickeln, ihre eigenen Bedürfnisse besser wahrnehmen und lernen, ihre Grenzen zu erkennen und zu vertreten. Stattdessen nahm ihre Tochter immer wieder Raum in unseren Gesprächen ein. Fast unbemerkt hatte sich unser Fokus verschoben. Natürlich war auch diese Beobachtung aufschlussreich und ließ sich gut in die weitere therapeutische Arbeit integrieren. Aber mich beschäftigte vor allem eine andere Frage: Warum war mir selbst erst nach mehreren Sitzungen aufgefallen, wie viel Raum die Tochter eingenommen hatte?
Daraus haben sich für mich drei mögliche Hypothesen ergeben.
1. Wenn professionelle Selbstverständlichkeit den Blick verstellt
Vielleicht liegt eine mögliche Erklärung gerade in dem, was für mich als Systemikerin so selbstverständlich ist: Beziehungen mitzudenken, Zusammenhänge herzustellen und andere Perspektiven einzubeziehen. Möglicherweise hatte ich mich so selbstverständlich auf die Beziehung zwischen Mutter und Tochter eingelassen, dass ich gar nicht mehr hinterfragt habe, wie viel Raum diese in unseren Gesprächen einnahm. Was zur professionellen Haltung gehört, kann vielleicht gerade durch seine Selbstverständlichkeit zu einem blinden Fleck werden.
2. Wenn sich Beziehungsmuster im therapeutischen Raum wiederholen
Eine weitere Hypothese ist, dass sich in unseren Gesprächen möglicherweise etwas wiederholt hat, das meiner Klientin auch außerhalb der Therapie vertraut ist. Wenn die Bedürfnisse anderer Menschen im Alltag häufig mehr Aufmerksamkeit bekommen als die eigenen, könnte sich genau dieses Muster auch in unseren Sitzungen gezeigt haben. Interessant ist dabei meine eigene Beteiligung: Durch meine Fragen und Reaktionen habe ich diese Verschiebung möglicherweise mitgetragen. Ich war also nicht nur Beobachterin einer Dynamik, sondern selbst daran beteiligt.
Hier zeigt sich für mich auch ein wesentlicher Gedanke der Kybernetik zweiter Ordnung: Wir können als Therapeut*innen nicht unabhängig von dem betrachten, was wir beobachten. Wir sind selbst Teil des Geschehens und nehmen Einfluss darauf. Auch dann, wenn uns dieser Einfluss nicht unmittelbar bewusst ist.
3. Wenn das Konkrete leichter zugänglich ist als das Eigene
Vielleicht hatte die Beschäftigung mit der Tochter aber auch etwas damit zu tun, dass konkrete Alltagssituationen zunächst leichter zu besprechen sind als die Frage nach den eigenen Bedürfnissen, dem Selbstvertrauen oder persönlichen Grenzen. Auch für mich als Therapeutin. Auf eine geschilderte Situation kann ich unmittelbar eingehen, nachfragen und Zusammenhänge herstellen. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Erleben erfordert dagegen manchmal mehr Zeit, weniger konkrete Fragen und das Aushalten von Unklarheit. Vielleicht bin ich also auch dem gefolgt, was sich im Gespräch leichter erschließen ließ.
Was ich daraus mitnehme
Die Kybernetik zweiter Ordnung beschreibt die Beobachtung der eigenen Beobachtung. Es geht also darum, anzuerkennen, dass wir nicht objektiv und unabhängig auf ein Geschehen schauen, sondern durch unsere Beobachtungen, Fragen und Reaktionen selbst Einfluss darauf nehmen. Auch dann, wenn wir meinen, gar nicht aktiv zum Geschehen beizutragen.
Denn auch die Reflexion der eigenen Beobachtungen ist wiederum eine Beobachtung aus einer bestimmten Perspektive. Wir können unsere eigenen blinden Flecken nicht vollständig auflösen. Selbst wenn wir uns unserer Beteiligung bewusst sind, bleibt unser Blick selektiv.
Und ich glaube, darin liegt für mich eine wichtige Erkenntnis: Nicht etwa, dass ich vergessen hatte, systemisch zu arbeiten, sondern dass ich an mir selbst beobachten konnte, dass auch eine verinnerlichte systemische Haltung keine vollständige Transparenz über das eigene Handeln ermöglicht.
Deshalb schätze ich an dieser Stelle ausdrücklich meine Irritation über mich selbst. Denn sie war der Ausgangspunkt dafür, noch einmal anders auf das therapeutische Geschehen und meine eigene Beteiligung zu schauen. Insofern war diese Irritation nicht nur eine persönliche Reaktion, sondern wurde selbst zu einem wichtigen Bestandteil meiner professionellen Reflexion.
Vielleicht sollten wir als Professionelle deshalb nicht nur darauf achten, was uns in der Arbeit mit Klient*innen irritiert, sondern auch darauf, wann wir über unser eigenes Handeln irritiert sind – und was sich daraus erkennen lässt.