Wenn Väter alt werden und töchterliche Fürsorge fordern

Ein Gästinnenbeitrag von Astrid Hochbahn.

„Dann muss ich das wohl alleine hinkriegen. Ich dachte, Du hilfst mir“. „Wenn ich dich einmal um etwas bitte…, aber Eure Generation kümmert sich ja vor allem um sich selbst.“ Von solchen Sätzen berichten mir Freundinnen und Klientinnen, wenn sie es wagen, ihren alten Vätern einen Wunsch abzuschlagen.

 „Im Garten müsste dringend was gemacht werden….“;  „Man könnte ja mal wieder Rouladen essen“ Beleidigtes Schweigen folgt, wenn auf den indirekt geäußerten Wunsch jetzt nicht das „freiwillige“ Angebot erfolgt, doch gerne helfen zu kommen oder das Lieblingsgericht zu kochen.

Nicht, dass man mich falsch versteht: Ich finde es völlig in Ordnung, dass Eltern sich Unterstützung von ihren Kindern wünschen, wenn sie selbst Dinge nicht mehr gut erledigen können. Wenn dies Bitten sind und es gute Gründe geben darf und kann, warum diese Bitten nicht erfüllt werden.

Ja, Eltern investieren eine Menge Liebe, Zeit und Geld in ihren Nachwuchs. Ich bin selbst Mutter und weiß das. Das bedeutet jedoch nicht, dass es sich dabei quasi um eine Konteneinzahlung handelt, die man dann nach Belieben „abbuchen“ kann, wenn man selbst etwas braucht und möchte. Manche Väter agieren jedoch leider so, als hätten sie sich durch ihr Vater-Sein ein Recht auf All inclusive-Fürsorge seitens ihrer Töchter erworben.

Es sind meist nicht die Mütter, die so agieren – die doch in der Regel den Löwenanteil der Versorgung und Erziehungsarbeit geleistet haben. Und es sind meist nicht die Söhne, an die sich die Ansprüche richten. Es geht um anspruchsvolle Väter. Väter, die alt und hilfsbedürftig werden. Väter, die als Witwer zurückgeblieben sind. Und die nun mit großer Selbstverständlichkeit erwarten, dass ihre Töchter für sie springen. Mit ihnen täglich telefonieren, sie besuchen, für sie einkaufen, kochen, Hilfstätigkeiten im Haushalt erledigen, den Garten in Ordnung bringen, mit ihnen zum Arzt fahren, dabei helfen, Papiere zu sortieren und Briefe zu beantworten – und nicht zuletzt bereit sind zu psychosozialer Versorgung, nämlich vor allem zuzuhören.

Es sind die Männer – das erzählen die Töchter – die sich zeitlebens von ihren Frauen haben versorgen und bedienen lassen und die nun erwarten, dass andere Frauen in die Lücke springen. Finden sie nicht schnell eine neue Partnerin, die dazu bereit ist, sind es halt die Töchter, an die sie ihre Ansprüche adressieren.

Dabei wird nicht gebeten und nicht gedankt. Diese Väter erwarten schlicht, dass es ihr gutes Recht ist, versorgt zu werden. Es gibt eine große Anspruchshaltung und Beleidigtsein, Schuld und Vorwürfe, wenn die Töchter nicht mitspielen wollen.

Ich will auf keinen Fall verallgemeinern! Es gibt ganz andere Männer und Väter, die auch im Alter einen wunderbaren Kontakt zu ihren erwachsenen Kindern pflegen, auf Augenhöhe und mit gegenseitigem Respekt. Väter, die signalisieren, dass sie schon klarkommen. Die dankbar sind, wenn sie Versorgung, Geschenke und Zuwendung bekommen. Die Anteilnehmen am Leben ihrer Kinder und Enkelkinder. Die wissen wollen, wie es diesen geht und was in ihrem Leben los ist. Väter und Großväter, die von allen geliebt und geschätzt werden, zu denen alle gerne fahren und die alle von Herzen gerne unterstützen möchten.

Doch wenn die Töchter erleben, dass nur die Bedürfnisse des Vaters zählen, nur seine Geschichten gehört werden sollen, nur das, was er braucht, relevant ist, geraten sie in große Ambivalenzen:

* Bei den einen gibt es – mehr oder weniger große – Dankbarkeit für das, was sie im Leben bekommen haben und den Wunsch, etwas zurückzugeben. Aber vielleicht nicht so viel, so selbstverständlich und ohne Dank und Wertschätzung. So, dass es nie genug ist…

* Andere haben zeitlebens ein schwieriges Verhältnis zu ihren Vätern gehabt und hatten eher ihre Mutter als Bezugsperson, die auch Puffer zwischen ihnen und den Vätern waren. Durch die nun auf sie zukommenden Ansprüche erleben sie deutlich, was ihre Mütter getragen – und manchmal erduldet – haben.

* Es springen uralte familiäre Themen an, nie aufgearbeitet, aber auf einmal in der direkten Konfrontation wieder virulent: Wie Papa schon immer einen Sonderstatus hatte und seine Ausbrüche von Mama schöngeredet wurden („Du weißt ja, wie er ist…)…. Wie die Brüder bevorzugt wurden und nicht zu irgendwelchen Aufgaben herangezogen wurden…. Wie Papa nicht präsent war an entscheidenden Weggabelungen des eigenen Lebens …

* Manche von ihnen bekommen – trotz der geforderten Fürsorge – gleichzeitig Ablehnung und Abwertung zu spüren: Der gewählte Partner ist der falsche, die Berufswahl war nicht richtig; hätten sie damals dies oder jenes getan, wie der Vater es vorgeschlagen hat, wäre etwas aus ihnen geworden…

* Und gleichzeitig ist da noch das Wissen um die inneren Themen und Bedürftigkeiten, die sie in den Vätern sehen und vermuten, deren weiche und verletzliche Seite. „Er tut mir leid“ sagen sie. „Ich kann ihn doch nicht hängenlassen“.

* Aber warum nimmt er nicht andere Hilfe und Unterstützung in Anspruch? Statt „Essen auf Rädern“ verlangt er, dass die Tochter 3 Tage vorkocht. Ins Gemeindezentrum will er nicht. „Da sind ja nur alte Leute“, sagt der über 80-Jährige und beklagt sich gleichzeitig über seine Einsamkeit. „Ob die Tochter nicht kommen kann, um ihm Gesellschaft zu leisten…“

* Und schließlich ist er alt und ist es nicht christliches Gebot, „Vater und Mutter zu ehren“, und töchterliche Aufgabe, sich um die alten Eltern zu kümmern? Wer sich Forderungen entzieht, hält schnell innerlich über sich das Strafgericht, eine schlechte Tochter zu sein.

* Aber was tun mit dem Groll, weil die Art und Weise, wie Fürsorge verlangt wird, nicht in Ordnung ist? Weil sich die erwachsenen Frauen – selbst oft in den 50ern und 60ern – nicht wie kleine Mädchen abkanzeln, rumkommandieren, abwerten und bevormunden lassen wollen? Weil sie zwar für ihre Väter in irgendeiner Weise sorgen, aber nicht das eigene Leben opfern wollen? Denn neben dem eigenen Job, der eigenen Partnerschaft, dem eigenen Muttersein kann das zu einer ordentlichen Aufgabe werden, den anspruchsvollen Vater so zu versorgen, dass er zufrieden wäre…

Was mich bestürzt, ist, dass es sie noch gibt, diese Männer und Väter, die so sicher sind in ihren patriarchalen Ansprüchen. Und die Töchter, die sich eigentlich emanzipiert und freigeschwommen haben, erwischt es unverhofft. Es ist gar nicht so leicht für sie, einen Weg zu finden, die vielen inneren Stimmen zu integrieren. Sich nicht zu opfern – die familiäre Rolle der Aufopferung, die schon die Mütter oft genommen haben, zu verweigern. Einerseits etwas zu tun, die Väter nicht ganz hängen zu lassen – und sich gleichzeitig abzugrenzen von dem, was ungesund und patriarchal ist. Freundlich und entschieden NEIN zu sagen, auf Alternativen zu verweisen und auch dem alten Vater noch Verantwortung für sich und das eigene Verhalten zuzumuten.

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