Strategien für die Transformation

Zum Podcast-Interview mit Ruth Seliger

Nikola Siller

Erste Begegnung
Manchmal begegnet man einer Person zuerst über einen Text – und spürt beim Lesen unmittelbar, wie sehr dieser Text eine Einladung ist. So ging es mir mit Ruth Seliger aus Wien. Kennengelernt habe ich sie über das Buch Systemische Beratung der Gesellschaft. Strategien für die Transformation (Carl-Auer Verlag, 2022) und mir war schon nach den ersten Seiten klar: von dieser Frau will ich lernen.

Was mich an dem Buch fasziniert hat, war nicht nur der kluge systemische und universalistische Blick auf gesellschaftliche Strukturen, Dynamiken und Muster, sondern auch die Neukonzeption intellektueller Verwandtschaftssysteme: Ich habe mich gefreut, kritische Denker*innen und soziologische Klassiker wiederzutreffen (Marx, Adorno, Gramsci etc.) und sie in einem systemischen Argumentationsraum neu zu erleben. Zu Zeiten meines Soziologiestudiums in den 1990ern in Münster standen „kritische Theorie“ und „Systemtheorie“ eher wie zwei Lager einander gegenüber.

Vom Buch zum Lehrgang
Dieses Buch hat mich nicht nur überzeugt, auch die anderen Publikationen von Ruth Seliger zu lesen (siehe Angaben zum Podcast), sondern auch an ihrem Lehrgang „Leading Transformation“ teilzunehmen. Der Lehrgang war nicht nur eine weitere systemische Weiterbildung in Organisationsentwicklung, sondern eine ganz besondere Lernreise –  eine Mischung aus lange vermisster „Weltsystemanalyse“, subversiv-heiterem Thinktank in guter Gesellschaft und einer Werkstatt für kollektive Transformationsgestaltung.

„Man darf nicht zu sehr dazu gehören wollen“ R. Seliger im Interview
Im Februar 2025 durfte ich Ruth Seliger dann für unseren Podcast, interviewen. Sie spricht darin über ihr Wirken als Organisationsberaterin, die Notwendigkeit innerer Unabhängigkeit und Strategien im Umgang mit der gegenwärtigen Krise der Demokratie und dem Rechtspopulismus.Sie erzählt in unserem Gespräch von ihrem langen Weg der Theoriebildung, der vom marxistisch-politischen Denken der 68er-Student*innenzeit über Psychoanalyse, die Theorien der Frankfurter Schule und die Gruppendynamik bis hin zur Systemik führte. Gerade weil Ruth Seliger eine „Systemikerin mit Leib und Seele“ ist, erlaubt sie sich, nützliche Aspekte anderer theoretischer Zugänge in ihr Denken zu integrieren. Nicht alles sei mit systemischem Denken kompatibel oder in ihm enthalten – manches hole sie bewusst „aus der Mottenkiste“ zurück, etwa den Begriff der Dialektik, der im Systemischen nicht vorkomme. Das sei „ein wirklicher Verlust im Denken“. Ohne das Prozessmodell konflikthafter Entwicklungen – These, Antithese, Synthese – gebe man etwas auf, was wichtig sei.

Sie sagt dazu im Interview: “ Ich denke, dass Wissenschaft auch das Recht und den Anspruch hat, eine politische Position einzunehmen, eine Werteposition, solange sie es ausweist. Und gleichzeitig ist dieser Versuch, eine Außenperspektive einzunehmen, die nicht unbedingt wertet – so der Anspruch im systemischen Denken – der hat auch was. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich entscheiden muss zwischen den beiden. Es hat beides seinen Platz.

Lange in mir nachgeklungen hat Ruths Fähigkeit zur inneren Unabhängigkeit und die Relevanz der Unangepasstheit für die Arbeit als Systemikerin:  „Für diesen Beruf hilft, dass man eine innere Unabhängigkeit hat. Ich bin nicht abhängig von der Zuneigung, Zuwendung oder auch dem Dazugehören von irgendwem. (…) Ich hätte diesen Job nicht machen können, wenn ich mich bemüht hätte, nett zu sein und anerkannt zu werden. (…) Ich habe den Anspruch oder gebe mir die Erlaubnis, auf bestimmte Dinge zu schauen und auf andere eben nicht.“

Verstehen und Losgehen
Ich habe Ruth Seliger als kluge Denkerin, Strategin, Didaktikerin und Vernetzerin kennen- und schätzen gelernt. Mit Formaten wie dem forum:transformieren initiiert sie Begegnungsräume, die einen Unterschied zur digitalisierten Kommunikation markieren, „wo leibhaftige Menschen in Echtzeit miteinander über Themen, die uns gesellschaftspolitisch bewegen, in einen Dialog treten können“. „So einfach ist das“ sagt sie, – und verweist damit auf eine demokratiepolitische Praxis, die im Konkreten beginnt und die Lust aufs Dabeisein und Mitmachen weckt.

Ich bin Ruth Seliger dankbar: für ein Buch, das mir geholfen hat, Theoriestränge neu zusammenzuweben und für einen Deep-Dive-Lehrgang, der mir Zuversicht und nützliches Handwerkszeug vermittelt hat. Und dankbar für eine Role-Model-Lehrende, die spürbar selbst in dem steht, wovon sie spricht: dass es „weitergehen“ muss – und dass wir dazu beitragen können. In Hinblick auf den derzeit stattfindenden weltgesellschaftlichen Paradigmenwechsel und die notwendige sozialökologische Transformation brauchen wir Menschen wie Ruth Seliger: Menschen, die gute Fragen stellen, die Orientierung geben und Landkarten neu zeichnen – und uns zugleich daran erinnern, dass Karten und Kompass nichts nützen, wenn wir nicht losgehen.

In diesem Sinne möchte ich allen ans Herz legen das Interview mit ihr anzuhören!

Nikola Siller

Münster, 16.01.2026

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