Gästinnenbeitrag von Anne Valler-Lichtenberg
Gerne mache ich hier auf das Interview mit Andrea Ebbecke-Nohlen in KONTEXT 4/2025 aufmerksam.
Andrea Ebbecke-Nohlen hat seit den 1990er Jahren gemeinsam mit ihrer Kollegin Ingeborg Rücker-Embden-Jonasch die Systemische Therapie und Beratung unter feministischen Blickwinkeln und Gender-Perspektiven angeschaut und damit erweitert.
Zu diesem Zeitpunkt waren beide Lehrtherapeutinnen bei der IGST (Internationale Gesellschaft für Systemische Therapie).
1992 waren sie die Herausgeberinnen des Buches „Balanceakte – Familientherapie und Geschlechterrollen“ mit Beiträgen von vielen auch internationalen Familientherapeutinnen.
Sie spricht im Interview darüber „…wie das Thema Gender überhaupt in das Systemische hineinkam. Es fing nicht gleich mit den Publikationen an, sondern erst mit Beobachtungen…..Der Beobachtung erster und zweiter Ordnung.“ (S. 408)
Andrea Ebbecke-Nohlen beschreibt Unterschiede in Einschätzung und Vorgehen (die heute vielleicht selbstverständlich erscheinen – oder doch wieder nicht?).
Ich fasse es hier mit meinen Worten zusammen.
Die „weibliche Seite“
– benutze die weiblichen und männlichen Bezeichnungen
– stelle mehr Transparenz und Offenheit zu den Familienmitgliedern her
– nehme verstärkt wahr, dass sie auch unparteiisch sein können, wenn sie
mehr Nähe zuließen und damit sogar wirksamer sein können.
Sie formulierten
– das Balancieren zwischen Nähe und Distanz
– eher Allparteilichkeit als Neutralität.
Sie gaben
– den Emotionen mehr Raum
und benannten
– Themen wie Gewalt und sexuelle Gewalt.
In ihren eigenen Weiterbildungen wurde Gendersensitivity zu einem unverzichtbaren Bestandteil.
Gemeinsam mit Dagmar Hosemann (die damals an der Fachhochschule Darmstadt Familientherapie lehrte) organisierten und gestalten sie drei große IDA-Kongresse 1992, 1993 und 1997. IDA stand für Ingeborg, Dagmar und Andrea.
„Es waren außergewöhnliche Erlebnisse und sind sehr schöne Erinnerungen. Damit kam das Thema Gender in die Familientherapie“ (S. 410).
Ich war 1992 beim ersten beeindruckenden und kreativen IDA-Kongress „Frauen in der systemischen Therapie“ dabei. Die Dokumentationen waren noch ausschließlich analog. Gerne teile ich hier mit euch das Programm des ersten Kongresses im Mai 1992.

Foto: Anne Valler-Lichtenberg
Auf diesem entstanden etliche bundesweit agierende kleinere systemisch-feministische Gruppen, zum Austausch, zur Weiterentwicklung, zur kollegialen Beratung. Es war inhaltlich anregend und hat Spaß gemacht.
Weshalb ich persönlich nach 2-3 Jahren aus einer kreativen systemischen Frauengruppe ausgestiegen bin? Vielleicht – leider passend – war meine Zeit mit dem Aufbau meiner selbständigen Praxis und der Begleitung meiner kleinen Tochter schon sehr ausgefüllt.
Literatur
Haun, M. W. (2025) „Ambivalenz ist eine Ressource. Beide Seiten haben ihren Wert, und im Zwischenraum entsteht oft etwas Neues.“ Andrea Ebbecke-Nohlen im Gespräch mit Markus W. Haun anlässlich ihres 75. Geburtstags. Kontext- Zeitschrift für Systemische Therapie und Familientherapie, 56, Heft 4. 2025, S. 396-416
Liebe Anne,
dein Gästinnenbeitrag hat mich (Christiane) inspiriert dir und euch mitzuteilen, dass es unsere systemische Frauengruppe noch gibt.
Wir sind dabei geblieben…
Wir, das sind acht Frauen im Großraum Stuttgart, mit systemischer Weiterbildung aus unterschiedlichen Instituten (IGST Heidelberg, Siegen, Weinheim), die sich regelmäßig in einem Arbeitskreis „Ak FemFam“ treffen. Die Initiative entstand aus einer der systemisch-feministischen Gruppen, die sich im Dezember 1992 nach dem ersten Frauennetzwerktreffen in Heidelberg gegründet hatten. Die meisten von uns waren auf allen IDA-Tagungen dabei und hatten die besondere Atmosphäre unter uns Frauen sowie das Netzwerken genossen und die neuen Themen aufgesogen.
Wir haben die Gender-Perspektive dort als Thema erfahren und es als notwendige Selbstverständlichkeit in unsere Arbeit hineingetragen. Seit Jahren setzen wir diese Perspektive in unserer jeweiligen beruflichen Praxis ein und reflektieren unsere Erfahrungen in unserem feministischen Arbeitskreis.
Wir treffen uns nun schon seit über 30 Jahren, regelmäßig 4-6 mal im Jahr.
Unsere Themen:
– Kollegiale Supervision zu Fallbeispielen aus der Praxis
– Referate zu fachbezogenen Themen
– Diskussionen, Austausch über fachbezogene Themen
– Vorstellen von Literatur und Artikeln
– Austausch über besuchte Fortbildungen
– feministische Blickwinkel zu unseren privaten Themen
Im Vordergrund steht jeweils die systemisch-feministische Sichtweise.
Auch wir erleben den Generationenwechsel und nehmen die Veränderungen bei den jüngeren Kolleginnen wahr, für die die Notwendigkeit der Gender-Perspektive wenig bis keine Relevanz mehr hat.
Im Moment „altern“ wir zusammen, gehen nach und nach in Rente und finden es spannend uns weiterhin mit feministischer Perspektive zu begleiten.
Es interessiert uns, ob es noch weitere Gruppen gibt, die schon so lange zusammen arbeiten.
Es grüßen euch herzlich:
Ulrike Bergfeld, Schorndorf.
Evi Bossler-Schulz, Metzingen.
Silvie Fahr-Armbruster, Stuttgart.
Oranna Keller-Manschreck, Schorndorf.
Malu Laderer, Esslingen.
Christiane Lier Ludwigsburg.
Gabi Rein, Esslingen.
Gabriele Schmid, Stuttgart.
Christiane Lier